Gränichen
Trotz geringer Gefahr: Hausbesitzer wehrt sich gegen Hochwasserschutz

Das Haus von Christoph Meier liegt nicht im überschwemmungsgefährdeten Gebiet von Gränichen. Trotzdem muss er nachweisen, dass er sich um Hochwasserschutz kümmert. Er hält das für Willkür.

Drucken
Teilen
Christoph Meier steht auf der Grenze zwischen Gefahrengebiet und eigener Liegenschaft.

Christoph Meier steht auf der Grenze zwischen Gefahrengebiet und eigener Liegenschaft.

Alex Spichale

114 Jahre steht das Bauernhaus schon auf Gränicher Boden; unter Hochwasser hatten die Bewohner nie zu leiden. Auch die Meiers nicht, die dort letzten Sommer ihr neues Zuhause bezogen. Ihren Traum vom idyllischen Leben im Grünen stört das Hochwasser dennoch – oder genauer: der Schutz davor.

Seit 2011 zeigt eine Karte auf dem Kantonsgebiet, wo die Gefahr eines Hochwassers wie gross ist, flächendeckend bis auf jede einzelne Bauparzelle. Als er die Hochwasserschutzkarte vor dem Kauf der Liegenschaft zurate zog, war Christoph Meier beruhigt: Das Bauernhaus liegt nicht in der gefährdeten Zone. Gelb markiert ist nur die Strasse davor: geringe Gefährdung für Hochwasser, heisst das.

Umso mehr staunte Meier, als er von der Aargauischen Gebäudeversicherung (AGV) die Aufforderung erhielt, zum anstehenden Umbau einen Nachweis der geplanten Schutzmassnahmen vorzulegen. Meier sagt: «Mir ist nicht klar, warum ich diesen Nachweis erbringen soll, obwohl unser Haus nicht im Gefahrengebiet steht.» Er machte die Gebäudeversicherung auf dieses Missverständnis, wie er glaubte, aufmerksam, schickte zum Beweis einen Auszug der Karte.

Doch die AGV bestand weiterhin auf einen Nachweis, daran änderte auch ein langer Brief- und E-Mailwechsel nichts. Das Hochwasser halte sich schliesslich nicht an Grenzen, hiess es in der Begründung. «Hätte ich vor dem Kauf gewusst, dass ich Hochwasserschutzvorgaben erfüllen muss, hätte ich zuerst die Konsequenzen abwägen können.» Meier fühlt sich ungerecht behandelt: «Wir sind der Willkür der Gebäudeversicherung ausgesetzt.»

Furcht vor Forderungen

Diesen Vorwurf weist die Aargauische Gebäudeversicherung von sich. Abteilungsleiter Peter Schiller sagt, zwar sei das Risiko einer Überschwemmung in den angrenzenden Gebieten kleiner, das Wasser könne aber rüberfliessen und Schäden verursachen. Die Praxis laute deshalb: Einen Hochwasserschutznachweis verlangt die AGV bei Neu- oder Umbauten auf Parzellen, die im oder unmittelbar am überschwemmungsgefährdeten Gebiet liegen.

Der Grund: Sie will abschätzen können, ob durch die Umbauarbeiten ein erhöhtes Risiko entsteht. Ist dies der Fall, muss ein Hausbesitzer auf eigene Kosten die nötigen Massnahmen ergreifen, um die Gefahr von Schäden durch eine Überschwemmung zu minimieren. «Die Erfahrung zeigt, dass dies oft mit relativ geringem Aufwand möglich ist, etwa indem ein Lichtschacht erhöht wird», sagt Peter Schiller.

Rahmen der Verhältnismässigkeit

Das Gesetz nimmt Hauseigentümer in die Pflicht: Im Rahmen der Verhältnismässigkeit müssen diese bei Bau und Unterhalt ihrer Gebäude die notwendigen und zumutbaren Präventionsmassnahmen gegen die versicherten Elementargefahren ergreifen, steht dort. Und: «Die Gebäudeversicherung kann entsprechende Präventionsmassnahmen verlangen.» Meier befürchtet, bald selbst mit solchen Forderungen konfrontiert zu werden. In naher Zukunft will die Familie eine Wärmepumpe einbauen, dazu dürfte ein Umbau im Keller nötig sein.

Er bezweifelt, dass sich die erforderlichen Massnahmen ohne hohe Kosten umsetzen lassen. Seine Forderung an die Gebäudeversicherung lautet deshalb: «Die Vorgabe für unser Haus muss gestrichen werden, wir wohnen nicht in der Gefahrenzone.» Dieses Ziel will Meier unbedingt erreichen.

Die AGV teilt mit, sie könne in solchen Fällen keinen Freipass geben. Das Risiko einer Überschwemmung müsse beim Umbau eines Gebäudes, das unmittelbar an ein gefährdetes Gebiet angrenzt, immer wieder aufs Neue geprüft werden. Je nachdem, welche Arbeiten geplant seien, könne dies die Gefahrenlage verändern, erklärt Schiller. Wenn beispielsweise Eigentümer eine Mauer vor ihrem Haus abreissen, kann das Wasser plötzlich ungehindert auf das Grundstück fliessen.

Eine Frage des Risikos

Für Christoph Meier heisst das: Beim nächsten Bauprojekt muss er die AGV erneut über die Art und den Umfang der Arbeiten informiert. Wird das Risiko dabei vergrössert, muss er sämtliche nötigen und zumutbaren Massnahmen treffen, um sein Haus vor einer Überschwemmung zu schützen. Hält er sich nicht daran, drohen ein Policeneintrag – und im Schadenfall hohe Kosten.

Denn sollte das bislang verschont gebliebene über hundertjährige Bauernhaus in Zukunft doch einmal Opfer eines Hochwassers werden, würde die Gebäudeversicherung nur einen Teil der Schäden übernehmen, falls diese auf die unterlassenen Schutzmassnahmen zurückzuführen sind.

Das Risiko möchte Hausbesitzer Meier lieber nicht eingehen – klein beigeben aber auch nicht. Juristisch vorgehen können Hauseigentümer erst, wenn es nach einem Schadensfall zu Leistungskürzungen kommen sollte. Erst dann lasse sich die Frage nach allfälligen Konsequenzen aufgrund unzureichender Präventionsmassnahmen klären, teilt der AGV mit.

Konsequenzen beklagt Meier auch ohne Hochwasserschaden: «Mein Haus hat schon an Wert verloren.» Zudem widerspreche es dem Versicherungsgedanken, wenn erst im Schadenfall geklärt werde, was gedeckt sei und was nicht. «Das Problem betrifft nicht nur mich, sondern vermutlich Hunderte oder gar Tausende Aargauer Hausbesitzer, die sich dessen gar nicht bewusst sind.»

Aktuelle Nachrichten