Stefan Süess steht auf seinem Feld in Dintikon. Er zieht einige Rüebli aus der Erde. «Diese hier sind ganz in Ordnung», sagt er und wischt ein bisschen Erde weg. Ganz in Ordnung bedeutet, dass er sie verkaufen kann. Im Gegensatz zu den anderen Rüebli, die etwas weiter vorne wachsen. Dort war die Erde trockener, die Rüebli sind krumm gewachsen.

«Sie suchen in der Erde nach Feuchtigkeit und sind darum nicht gerade», erklärt Süess. Eines sieht aus wie eine Spirale, ein anderes wie eine Gabel. «Die hier kann ich nicht verkaufen, das kann ich vergessen.» Während der holprigen Rückfahrt über die Schotterstrasse zu seinem Hof deutet er auf ein zweites Feld. «Überall, wo das Kraut lasch ist, weiss ich, dass ich die Rüebli nicht brauchen kann.»

Stefan Süess pflanzt auf acht Hektaren Rüebli an und beliefert nach eigenen Angaben eine Firma, die für Coop Fertigprodukte herstellt. Obwohl die Rüebli verarbeitet werden, wünsche die Firma laut Süess schönes, gerades Gemüse. In normalen Jahren könne er 70 Prozent seiner Rüebliernte verkaufen, in diesem Jahr nur 40 Prozent. Um welche Firma es sich genau handelt, will er nicht sagen, weil er Angst hat, als Konsequenz nicht mehr liefern zu können.

Stefan Süess kann in diesem Jahr über die Hälfte seiner Ernte nicht verkaufen.

Stefan Süess kann in diesem Jahr über die Hälfte seiner Ernte nicht verkaufen.

Produzenten unter Druck

Süess kann nicht verstehen, dass seine Abnehmer die schwierigen Produktionsbedingungen im heissen, trockenen Sommer nicht berücksichtigen. Weil die Firma für Coop produziert, nimmt er auch den Grossverteiler in die Pflicht: «Ich finde, Coop könnte die Ansprüche in diesem Jahr senken und auch Gemüse akzeptieren, das nicht ganz der üblichen Norm entspricht. Immerhin habe ich die Felder bewässern müssen und viel Wasser verbraucht.»

Alena Kress, Mediensprecherin von Coop, betont auf Anfrage der AZ, dass Gemüse nur dann zurückgewiesen werde, wenn es nicht mehr frisch sei. Dies passiere allerdings bei weniger als einem Prozent der angelieferten Ware. Sie verweist ausserdem auf die Marke Ünique. Unter dieser wird Gemüse und Obst verkauft, das aus der Norm fällt.

Zum Fall Süess könne Coop keine Stellung beziehen, da nicht bekannt sei, an wen er sein Gemüse liefere, so Kress. Man sei bei Coop aber grundsätzlich sehr wohl bereit, den Bauern bei Trockenheit entgegenzukommen.

Toni Suter ist Präsident des Verbands der Aargauer Gemüseproduzenten. Ihm ist nicht bekannt, dass die Bauern aus dem Aargau in diesem Jahr besonders grosse Probleme haben, ihr Gemüse zu verkaufen. Er bestätigt aber: «Der Druck auf die Gemüseproduzenten ist generell gross.»

Er vermisse bei Grossverteilern das Verständnis dafür, dass die Produzenten ihre Ernte nicht zu 100 Prozent beeinflussen könnten. Das Problem liege auch bei den Konsumenten. «Wenn der Salat nur ein braunes Blatt hat, dann will ihn häufig schon niemand mehr kaufen.»

Es sei aber in vielen Fällen möglich, mit den Grossverteilern eine Lösung zu finden. Gerade dann, wenn die Ernte nicht gut ausgefallen sei und es wenig Gemüse gebe. Das Problem bei den Rüebli sieht er darin, dass sie gut gelagert werden können. Die letztjährige Rüebliernte sei gut ausgefallen, deshalb könnten die Grossverteiler strenger sein.

Bauer Süess will seine Rüebli nun als Tierfutter an andere Bauern liefern. Damit verdient er zwar viel weniger, als wenn er sie wie üblich hätte verkaufen können. «Immerhin muss ich sie so nicht wegwerfen», so Süess. Er ist aber überzeugt: «Die Konsumenten würden sicher auch ein krummes Rüebli essen.»