Jede Gerichtsverhandlung steuert unweigerlich auf einen Tiefpunkt zu. Der kommt so plötzlich, wie der Skilift stillsteht. Er ist unangenehm, wie im Nebel am Bügel zu hängen. Und doch weiss jeder: Da oben ist das Ziel. Vor Bezirksgericht Kulm kam der Tiefpunkt um 11.21 Uhr. Achteinhalb Stunden vor dem Ende.

Es ging um Martin (Name geändert). Der Staatsanwalt will, dass Martin verwahrt wird. Ein Gutachten sagt über den 44-Jährigen, dass er psychopathisch, herzlos und gemeingefährlich sei.

Der Täter

Martin sieht aus wie ein zu schnell gealtertes Kind. Er ist klug. Schnell im Argumentieren. Und er zieht schnell eine Waffe. Zweimal schon hielt er seine Pistole jemandem an den Kopf. Wegen Nichtigkeiten. Einmal wegen eines «Schweppes», das er nicht bekam. Abgedrückt hat er bisher nie. Ausser einmal – aber das liegt mehr als 20 Jahre zurück. Es gibt ein Recht auf Vergessen.

Diesmal soll Martin einen leicht behinderten jungen Mann verprügelt, ihm ein Messer an den Hals gehalten und gesagt haben: «Das nächste Mal ramme ich es dir in die Kehle.» Und er soll einen Mann spitalreif geprügelt, ihm niederzuknien befohlen , ihm eine Pistole in den Nacken gedrückt haben.

Martin bestreitet das alles. Zerpflückt die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft. Er sagt, es sei nachlässig ermittelt worden. Er sagt immer wieder: «Stimmt nicht, stimmt nicht, stimmt nicht.» Zu allem. Klar, das sagen viele vor Gericht. Doch Martin wirkt glaubwürdig, irgendwie. Martin ist überdurchschnittlich intelligent. Das Gutachten sagt, er sei hochgradig manipulativ. Das komplette Gegenteil.

Was zum besagten Tiefpunkt führte, um exakt 11.21 Uhr, letzten Dienstag im Gerichtssaal in Unterkulm.

Ein Schlamassel, das spürbar, aber nie sichtbar ist. Die Richter sitzen ruhig, fast teilnahmslos da. Denn im harten Kontrast zu den menschlichen Abgründen stehen die starren Regeln des Gerichts. Diese Regeln, wer wann spricht, die Art, wie ein Plädoyer begonnen wird. Alles immer gleich. Nur die Fälle ändern. Das gibt halt, wie der Bügel des Skilifts.

In Martins Bekanntenkreis werden Probleme mit einer Stange Bier heruntergespült. Oft auch mit einer zu viel. Manchmal schafft Martin den 20-minütigen Fussweg vom Spunten nach Hause nicht mehr, weil er nicht mehr gehen kann.

Fast alle am Prozess beteiligten Personen verkehren in diesen Beizen. Egal ob sie Angeklagte, Zeugen oder Opfer sind. Sie haben eigene Namen für die Beizen – die klingen wie Kosenamen.

Die Hexe

Träte man einen Schritt zurück, könnte man sagen: Es geht in diesem Fall um eine Mietstreitigkeit mit unkonventionellem Lösungsansatz.

Es war so: Martin war bei einer Frau eingemietet, die den Schnaps schon am Morgen trank. Eine, die sich selber als Hexe bezeichnet, Zucker in den Tank seines Autos geschüttet und ihm Gift ins Essen gemischt haben soll.

Martin hatte Streit mit ihr. Die Vermieterin wollte, dass er auszieht. Sie benutzte einen anderen Mann, der Martin das klarmachen sollte – Herr Meier (Name geändert). Er ist der Mann, den Martin später mit einem Kollegen spitalreif geschlagen hat, ihm soll die Pistole ins Genick gedrückt worden sein.

Herr Meier erscheint vor Gericht. Trauriges Gesicht, rote Nase. «Er ist nicht das Opfer, als das er sich gibt», sagt Martin.

Der Trinker

Auf Fragen des Richters antwortet Herr Meier mit: «Jawoll, richtig, ja.» Herr Meier erzählt den Richtern von diesem Abend, den er bei Martins Vermieterin verbrachte: «Ich habe mein Bierli getrunken, und es hat seinen Schnaps getrunken», beginnt er.

Niemals habe er gedacht, was noch alles passieren werde. Nie gedacht, dass er mit gebrochenen Rippen im Spital landen würde. Gerichtspräsident Christian Märki will wissen, ob eine Waffe im Spiel war. «Jawoll, richtig, ja», sagt Herr Meier. «Lügner», zischt Martin.

Was genau geschah, wer weiss das schon? Martin sagt, Herr Meier sei gestürzt, weil er betrunken war. Sie hätten Herrn Meier verprügelt, weil er sie angriff.

Klar ist: Eine Sondereinheit der Kantonspolizei suchte nach dem Vorfall die Gegend ab. Martin und sein Kollege wurde in der nahen Beiz verhaftet. Kein Polizist fand eine Waffe. Martin sagt, sie existiere nicht. Die Waffe sei frei erfunden.

Die Vermieterin und Herr Meier wollten ihm etwas anhängen. In einer der vielen Akten steht, dass Martin nach der Verhaftung zu einem Polizisten gesagt hat: «Ihr könnt mir nichts beweisen, ihr werdet die Waffe nie finden.» – «Stimmt nicht, hab ich nicht gesagt», sagt Martin vor Gericht.

Martin war einst drogensüchtig. Das Heroin lockt ihn noch heute. Doch Martin sorgt vor. Will er einen Schuss, besorgt er sich vorher auf dem Schwarzmarkt Methadon. Er nimmt die Drogen, dann das Methadon. «Warum nehmen Sie immer wieder Drogen, wenn Sie wissen, wie suchtanfällig Sie sind?» Martin lacht, sagt spöttisch: «Das würde ich auch gern wissen. Ehrlich, das ist jetzt eine Frage, die sie keinem Süchtigen stellen müssen.»

Martin ist schlagfertig, manchmal frech. Will der Gerichtspräsident etwas wissen, sagt er: «Schauen Sie doch in den Akten nach.» Gearbeitet hat Martin immer. Damit kenne er sich aus, sagt er, mit harter Arbeit auf dem Bau.

Martin kennt sich auch aus mit dem Strafrecht. Die Erfahrung kam mit dem langen Vorstrafenregister. 60 Straftaten sollen es sein. Darum argumentiert Martin wie ein Anwalt und spricht wie ein Trinker.

Nun will der Staatsanwalt, dass Martin verwahrt wird. Er sei eine Gefahr für die Öffentlichkeit. Einem psychologischen Gutachten verweigerte sich Martin. Er wollte, dass die Psychiatrischen Dienste Aargau ein Gutachten machen und nicht eine private Gutachterin.

Also erstellte die private Gutachterin ein Gutachten, das rein auf den Akten über Martin beruht. Gesehen hat sie Martin nie. Der Befund: eine stationäre Massnahme. Obwohl: Bringen würde das wohl nichts. Also Verwahrung, war die Schlussfolgerung des Staatsanwalts.

Der Richter

Das Gericht kam um kurz vor 20 Uhr zu einem Entscheid: Es braucht ein neues Gutachten. Die Richter werteten das vorliegende Gutachten als höchst fragwürdig.

Eine Verwahrung sei ein massiver Eingriff in die Persönlichkeitsrechte eines Menschen, sagte Gerichtspräsident Märki. «Bei einer Frage von so grosser Tragweite kann nicht auf ein fragliches Gutachten abgestützt werden.»

Der Staatsanwalt war einverstanden mit einem neuen Gutachten. Pochte jedoch darauf, dass der bekannte Forensiker Dr. Josef Sachs das Gutachten macht.

Auch Martin durfte sich über seine Verteidigerin äussern. Er sagte: «Ich habe zwar früher gesagt, dass ich bei einem Gutachten der Psychiatrischen Dienste Aargau mitmachen würde, hätte aber nun lieber den Dr. Graf aus Basel als Gutachter.»

Da wurde es Gerichtspräsident Märki zu bunt: «Es ist mit aller Deutlichkeit festzuhalten: Das hier ist kein Wunschkonzert.»

Das Gutachten wird klären, ob Martin eine psychische Störung hat, vermindert schuldfähig ist. Es wird Aussagen darüber machen, wie gefährlich Martin ist und ob er eine Therapie braucht. Es wird den Richtern helfen zu entscheiden, ob Martin verwahrt werden soll.

Martin, der immer wieder Auto fährt, obwohl er keinen Ausweis hat. Der Bier trinkt und kifft während der Fahrt, die Waffe schnell zieht, aber selten abdrückt.