Die Wahrheit kann zuweilen unangenehm sein. Jahr für Jahr setzen Fischer in Aargauer Bächen und Flüssen Hunderttausende Forellen ein, investieren viel Zeit und Geld. Nun zeigt sich: Was gut gemeint ist, verfehlt das Ziel. Der Rückgang beim Bestand lässt sich dadurch nicht stoppen. Das ist der Hauptbefund einer wissenschaftlichen Untersuchung, welche die kantonale Abteilung Wald, Sektion Jagd und Fischerei, in Auftrag gegeben hat.

Und was auf 73 Seiten unter dem Titel «Populationsgenetische Untersuchung der Forellen im Kanton Aargau» beschrieben wird, stellt auf den Kopf, was seit Jahrzehnten als gesicherte Erkenntnis galt: Wer mehr Fische aussetzt, wird mehr Fische fangen. Die Untersuchung der genetischen Eigenschaften von rund 2600 Forellen widerlegt diese Annahme.

Von den meisten Zuchtfischen fehlt nach einiger Zeit jede Spur, sie können sich nicht gegen die lokalen Artgenossen durchsetzen. «Innerartliche Konkurrenz» lautet der Fachausdruck. Will heissen: Die einheimischen Forellen sind den Eindringlingen überlegen und können ihr Revier verteidigen. «Die eingesetzten Fische haben oft keine Chance, den Standort einzunehmen», sagt Alain Morier, Leiter Abteilung Wald beim Kanton Aargau. Die Folge: Sie sterben – woran genau ist ungeklärt. Klar ist jedoch, dass genetisch ungeeignete Fische eingesetzt wurden. Bislang wurde der ganze Kanton als eine einzige Einheit betrachtet und in allen Fliessgewässern der gleiche Forellenstamm für den Besatz verwendet.

Kanton der Forellenregionen

Die Studie beweist nun aber: Die Unterschiede zwischen den Tieren sind deutlich grösser als angenommen. Allein im Kanton Aargau gibt es zahlreiche genetisch differenzierte Populationen. Forellen passen sich den lokalen Umweltbedingungen an. Obwohl sie teilweise nur wenige Kilometer entfernt voneinander leben, unterscheiden sie sich teilweise stark voneinander. Für den Besatz haben diese Erkenntnisse weitreichende Folgen. Das Kantonsgebiet solle neu in 35 Zonen eingeteilt werden, in denen nur speziell dafür gezüchtete Forellen eingesetzt werden, empfehlen die Studienautoren. Die Zahl der Bewirtschaftungseinheiten müsste angesichts der grossen genetischen Unterschiede eigentlich noch deutlich höher ausfallen, heisst es darin weiter. «Darauf wurde jedoch zugunsten der Praxistauglichkeit verzichtet.»

«Das ist sehr ernüchternd»

Fest steht: Der Besatz muss angepasst werden. Ein böses Erwachen für alle Beteiligten. Beim Kanton ist man sich bewusst, dass dies besonders für Pächter und Fischer keine leichte Situation ist. Alain Morier: «Sie kümmern sich seit Jahrzehnten mit viel Herzblut und Engagement darum, haben nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt.» Erst die relativ neue Methode genetischer Tests habe es ermöglicht, die Auswirkungen des Besatzes zu untersuchen. Wie diese Erkenntnisse in die Praxis umgesetzt werden, sei noch nicht entschieden, betont Morier. Die Frage werde zurzeit mit der Fischereikommission besprochen.

Deren Präsident, Rudolf Jost, sagt: «Ich bin dafür, ein wenig auf die Bremse zu stehen.» Ihm kommt eine vermittelnde Rolle zwischen Basis und Verwaltung zu. Jost selbst hat in Villmergen jahrelang Fische eingesetzt – vergeblich, wie sich nun zeigt. «Das ist sehr ernüchternd.» Von der Studie erwartet er grosse Auswirkungen auf die Fischerei. «Doch dieses Denken muss zuerst reifen, der Lernprozess braucht Zeit.» Alt Grossrat Rudolf Jost plädiert dafür, Fischzucht und Besatz vorerst trotzdem beizubehalten, um nicht auf einen Schlag sämtliches Wissen zu verlieren.

Zu einem ähnlichen Schluss kommt Kurt Braun, Präsident des Aargauischen Fischereiverbands: «Der Besatz war nicht nachhaltig. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse muss man akzeptieren.» Dennoch werde es nicht ohne das Einsetzen von Forellen gehen. «Die Renaturierung der Bäche allein reicht nicht.» Braun ist der Ansicht, der Besatz müsse weitergeführt werden, jedoch mit lokalen Fischen. Weil die Zucht eines einzigen Forellenstamms für den ganzen Kanton nicht mehr reicht, rechnet er mit deutlich höheren Kosten bei der Beschaffung der Tiere. Dafür aufkommen müssen die Pächter, die für den Fischbesatz in den Bächen verantwortlich sind. Kurt Braun, selbst Pächter an der Surb, weiss aus eigener Erfahrung, wie gross Aufwand und Ausgaben sind. Für seinen Bachabschnitt etwa werden mehrere tausend Zuchtforellen benötigt. Kostenpunkt: rund einen Franken pro Stück. «Der Besatz wird künftig massiv teurer.» Braun stellt unter den Aargauer Fischern einen gewissen Unmut fest. Einerseits müssten die Pächter mehr zahlen für die Bäche, andererseits würden sie beim Besatz durch die Vorgaben des Kantons mehr eingeschränkt. «Darüber sind nicht alle glücklich. Ich habe von Pächtern gehört, die ihre Pacht nicht verlängern wollen.» Derzeit läuft im Aargau die Neuverpachtung der staatlichen Fischereireviere, die wiederum für acht Jahre vergeben werden.

Eine erfreuliche Überraschung

Beim Kanton ist man sich im Klaren darüber, dass die Zucht geeigneter Forellen aufwendiger und somit teurer wird. Auch aus finanziellen Gründen müsse deshalb der Besatz optimiert werden, sagt Alain Morier. «In Zukunft soll die Wirkung durch das Einsetzen lokal angepasster Rassen verbessert und die natürliche Verlaichung ausgenützt werden.» Ein wichtiges Element dazu sind ökologische Massnahmen, mit denen die natürliche Umgebung verbessert werden soll. Denn die Studie hat auch eine erfreuliche Überraschung hervorgebracht: Die Naturverlaichung funktioniert häufiger und erfolgreicher als bislang angenommen.