Reiseziel Aargau
Touristen suchen in Aarau einen ominösen Wasserfall und ein Schloss in den Bergen

Ferienzeit ist für das Tourismusbüro aarau info die Zeit der spontanen Hotelbuchungen, der Suche nach Velorouten und die Zeit der lustigen Fragen. Zum Beispiel, wenn asiatische Gäste extra aus Luzern kommen, um den ominösen Aarauer Wasserfall zu sehen.

Katja Schlegel
Merken
Drucken
Teilen
Lara Zinkl studiert mit dem Ehepaar Hirsch aus Österreich die geplante Veloroute.

Lara Zinkl studiert mit dem Ehepaar Hirsch aus Österreich die geplante Veloroute.

Mario Heller

Der Schweizer Käse interessiere ihn brennend, sagt der Herr mit der schweissnassen Stirn und wälzt die Worte mit österreichischem Zungenschlag. «Unser Sohn arbeitet in der Schweiz als Kuhhirte», erklärt seine Frau und tupft mit dem Nastuch über Hals und Nacken, den Sohn hätten sie bereits besucht auf ihrer «Radeltour» mit Start in Elm im Kanton Glarus.

«Da weiss man, worauf man beim Käse achten muss», sagt der Mann und stützt sich auf den Tresen, «da isst man ihn einfach anders, wenn einer vom Fach sagt, woraufs ankommt.» Und was treibt sie nach Aarau, der Käse könne es hier ja nicht sein. «Aarau ist ein Revoluzzerort, das ist genau nach meinem Gusto», sagt er und stellt sich als Herr Hirsch vor. Aber weshalb und wieso die Aarauer auf die Barrikaden gestiegen sind, gegen wen und wann, das weiss er nicht. Genauso wenig, wo Veloroute Nummer 56 lang führt. Und deshalb sind die Eheleute Hirsch hier.

«Die Frauen aus Pakistan haben behauptet, in Aarau müsse es einen Wasserfall geben. Dafür waren sie extra aus Engelberg angereist.» Corinne Gubler Mitarbeiterin aarau info

«Die Frauen aus Pakistan haben behauptet, in Aarau müsse es einen Wasserfall geben. Dafür waren sie extra aus Engelberg angereist.» Corinne Gubler Mitarbeiterin aarau info

Mario Heller

Das Mittagessen muss warten

Es ist kurz nach Mittag im Tourismusbüro aarau info an der Metzgergasse. Die Hitze drückt gnadenlos und scheucht die Leute aus den Gassen. Es ist ein Tag, an dem keine der drei Frauen im Büro weiss, was alles passieren wird. Und ein Tag, an dem das Mittagessen halt bis 14 Uhr warten muss, weil vorher zu viel los war. Gerade noch wollte ein junger Mann wissen, wo es hier ein Internetcafé mit Drucker gebe. Aber jetzt stehen die Telefone still, die Radler aus Österreich haben sich mit Infos zum Blue Balls Festival in Luzern, der nächsten Station, einer Broschüre zu Aarau und einem herzlichlauten Dankeschön verabschiedet. Leiterin Esther Schmid, Corinne Gubler und Praktikantin Lara Zinkl scharen sich um ihre Salatteller und plaudern aus dem Nähkästchen.

Einer der 111 Orte, die man im Aargau gesehen haben muss: In dieser Säulengrotte in Stafflelbach können Sie wunderbar Cervelat braten.
10 Bilder
Im Wald in Unterlunkhofen gehen Sie wie Indiana Jones auf die Suche nach Gräbern. Wer weiss, vielleicht finden Sie alle 63.
111 Orte im Aargau, die man gesehen haben muss
Dieser Weiher ist das Zuhause der vom Aussterben bedrohten Steinkrebse.
Und plötzlich tut sich die Erde auf – so geschehen in Hellikon.
In diesem Trichter in Herznach können Sie übernachten.
181 Stufen müssen Sie erklimmen, um die Aussichtsplattform des Betonturms in Baden zu erreichen.
In diesem Haus in Beinwil am See können Sie auf Geistersuche gehen.
240 Meter oder 11 Umgänge und 28 Wendungen müssen Sie überwinden, um das Zentrum des Wiesenlabyrinths in Remigen zu erreichen.
Um auf dieser 300 Meter langen Piste in Asp Ski fahren zu können, müssen Sie sich noch etwas gedulden.

Einer der 111 Orte, die man im Aargau gesehen haben muss: In dieser Säulengrotte in Stafflelbach können Sie wunderbar Cervelat braten.

Zur Verfügung gestellt

Rund 70 Personen kommen im Schnitt pro Tag zu aarau info. Wer einheimisch ist, löst hier sein Streckenabonnement, kauft Tickets für Konzerte, Theater, das Open-Air-Kino oder den FC Aarau oder bucht eine Stadtführung. Und die Touristen stellen eben Touristenfragen: Wo das nächste öffentliche WC sei, zum Beispiel. Oder was man in Aarau und der Region alles anschauen solle, wo der nächste Zeltplatz sei. Oder ob man Minuten vor Feierabend noch rasch ein Hotelzimmer für sie buchen könne, und wozu eigentlich die Giebel angemalt wurden – eine Frage, auf die selbst die Historiker eine eindeutige Antwort schuldig bleiben würden, sagt Schmid.

Aber es gebe auch speziell lustige Fragen: Wo denn hier das Schloss sei, habe letzte Woche ein Paar wissen wollen. «Ein Schloss in den Bergen, das gäbe es hier, habe man ihnen gesagt. Hier in Aarau», sagt Lara Zinkl und lacht. Schliesslich habe sie die beiden auf Schloss Lenzburg geschickt. «Oder die Frauen aus Pakistan», sagt Corinne Gubler und die Frauen grinsen. «Die haben behauptet, in Aarau müsse es einen Wasserfall geben. Dafür waren sie extra aus Engelberg angereist. Sie konnten kaum begreifen, dass sie sich getäuscht haben müssen.»

Kein Einzelfall, das mit dem Täuschen: «Eine Frau hat letzthin angerufen und eine Stadtführung durchs Bäderquartier buchen wollen», sagt Zinkl. «Es war nicht einfach, sie davon zu überzeugen, dass sie Baden und Aarau miteinander verwechselt hat und wir hier kein Bäderquartier haben.» Sagt es, schluckt den Bissen Salat hinunter und setzt sich mit dem klingelnden Telefon an den Computer. Das Mittagessen muss warten.

Herzblut für die Stadt

Spontan muss sein, wer in einem Tourismusbüro arbeitet, und auf alles eine Antwort wissen – oder zumindest, wissen, welche Antwort wo zu finden ist. «Und man muss vor allem eines: Herzblut haben für diese Stadt», sagt Esther Schmid. «Wir lieben diese Stadt, wir leben dafür.» Für die Stadt und ihre Besucher tun Schmid und ihr Team fast alles. «Unsere Aufgabe ist es schliesslich nicht nur, das Optimum aus dem Tourismusbüro herauszuholen, sondern auch Standortmarketing zu betreiben», sagt Schmid. Und da gibt es noch zu tun: «Aarau ist ein wunderbarer Ort, sonst lägen wir nicht auf Platz 6 der Schweizer Städte mit der höchsten Lebensqualität. Aber wir glauben manchmal etwas zu wenig daran.»

Um an Aaraus Ruf zu feilen und die Auswärtigen von der Stadt zu begeistern, arbeitet das Team von aarau info unter anderem ständig an seinen Stadtführungen, nimmt neue Themen auf und überarbeitet die bestehenden. Das zahlt sich aus: 800 Führungen finden pro Jahr statt, Tendenz steigend. Und um auch den letzten Kunden glücklich zu machen, stellt sich Schmid auch mal persönlich in die Küche und backt Speckzopf und holt ein paar Flaschen Ortsbürgerwein aus dem Keller, weil den Gästen die vorgesehene Apéro-Variante für die Führung zu teuer ist. «Das ist viel Aufwand für uns, aber nichts ist bessere Werbung für die Stadt, als zufriedene Leute.»