Auszeit auf der Insel

Tonga statt Alaska, Wale statt Bären: David Bittner lebte mit seiner Familie im Südpazifik

Der kantonale Fischerei-Experte, der sonst im Norden Bären beobachtet, reiste für ein Forschungsprojekt in den Südpazifik. Mit seiner Familie schwamm David Bittner neben Buckelwalen – und stellte fest, dass Plastikmüll auch in Tonga ein Problem ist.

Das grösste Missgeschick passierte schon vor der Abreise: David Bittner packte das Vierer- statt das Sechserzelt ein. Die Heringe blieben ebenfalls daheim in Schlossrued liegen. «Eigentlich kontrolliere ich immer, ob das richtige Zelt in der Hülle verpackt ist. Aber dieses eine Mal hatte ich einfach keine Zeit dafür.» Mittlerweile kann er darüber lachen. Es war zwar ein bisschen enger als geplant, das konnte den Bittners ihr Abenteuer aber nicht verderben. Fast drei Monate verbrachten sie auf einer abgelegenen Insel im Südpazifik. Heller Sandstrand, blaues Meer, Kokospalmen. Den Tagesablauf nach der Sonne und den Gezeiten richten, am Abend am Feuer frischen Fisch essen. Bittners erfüllten sich einen Lebenstraum.

Reise sorgfältig geplant

Eigentlich ist David Bittner bekannt dafür, in einer anderen Klimazone unterwegs zu sein. Seit Jahren beobachtet er in Alaska Bären. Dafür ist er jeweils mehrere Wochen in der Wildnis unterwegs, hat einen Dokumentarfilm darüber gedreht und hält Vorträge. Für ihn und seine Frau Cécile sei es deshalb nichts Besonderes gewesen, mit den beiden Töchtern auf eine Insel des Königreichs Tonga zu reisen. Sorgfältig geplant wurde die Reise trotzdem, gerade wegen der beiden Töchter, die damals vier und sechs Jahre alt waren. «Cécile verbrachte einen ganzen Nachmittag beim Kinderarzt und kam mit einer ganzen Tüte Medikamente zurück», erzählt Bittner.

Auch für ihn selber musste er einiges vorbereiten, damit sein Insel-Traum wahr wurde. Hauptberuflich ist er als Bereichsleiter Fischerei beim Kanton Aargau tätig. Doch im vergangenen Jahr ergab sich endlich die Möglichkeit, drei Monate Urlaub zu nehmen. Dann ging die Suche nach einem Ort los: Auf Google Earth suchte David Bittner nach geeigneten Inseln. Unbewohnt, möglichst abgelegen und kinderfreundlich sollte sie sein. Den Ausschlag für die Insel im Königreich Tonga gab schliesslich, dass dort Buckelwalweibchen jedes Jahr ihre Jungen gebären. «Da wusste ich: Hier müssen wir hin!»

Biologe Bittner fand heraus, dass in Tonga Forschungsprojekte zur lokalen Flora und Fauna durchgeführt werden. Er bekam schliesslich die Möglichkeit, an einem der Projekte teilzunehmen: Auf einer Insel sollte er herausfinden, wie sich der Vogelbestand entwickelt hatte und ob dort Ratten lebten.

Die Anreise zu der Insel war aufwendig. Rund drei Tage brauchte die Familie Bittner dafür. Erst nach Neuseeland, dann zwei weitere Flüge auf eine grössere Insel, und von dort mehrere Stunden mit dem Boot. Der Alltag auf der Insel war einfach: Schlafen im Zelt, «zwar ein bisschen enger als gedacht, aber es ging», kochen auf dem Feuer, «meistens gab es Pasta oder Reis, und wenn ich etwas gefangen habe, auch Fisch.» Ausserdem gab es Kokosnüsse en masse, die seien ihnen aber bald verleidet. «Immer am Sonntag gab es einen Sack Chips und ab und zu ein paar Kekse. Ich war sehr überrascht, dass die Mädchen sich daran hielten und nie die Vorräte plünderten.»

Insel als grosser Spielplatz

Für die Kinder sei die ganze Insel ein grosser Spielplatz gewesen, so Bittner. Sorgen haben sich die Eltern keine gemacht. «Wir hatten jedoch eine klare Regel: Sie durften nie alleine ins Wasser.» Die Zeit mit seinen Kindern habe er als Vater sehr genossen. Noch nie sei er so lange ohne Unterbruch mit ihnen zusammen gewesen. «Es war so, als hätte ich sie erst auf dieser Insel richtig kennen lernen dürfen», erinnert er sich. Ab und zu schliefen David Bittner und die Töchter im Schlafsack am Strand. «Manchmal wachte ich dann auf und ein Krebs krabbelte über mein Gesicht, das war nicht so toll.» Seine Frau blieb deshalb lieber im Zelt.

Streit habe es nie gegeben. Auch wenn nicht alles einfach war: Cécile Bittner wurde auf dem Boot seekrank, Stürme fegten über die Insel, der Kaffee ging viel zu früh aus. «Am Ende kochten wir den Satz dreimal, um noch ein bisschen Kaffeegeschmack zu haben.» Ausserdem machten der Familie Mücken zu schaffen. Eigentlich hatten sie Mückenspray eingepackt, aber bei der Anreise frassen Ratten die Plastiksprays. «Die haben alles gefressen, was aus Hartplastik war: Mückenspray, Zahnpasta, Teile vom Zelt», so Bittner. «Das sind wirklich Sauviecher.»

Für David Bittner war es ausserdem schwer, anzusehen, dass auch Tonga nicht von der Umweltzerstörung verschont bleibt. «Täglich wurde Plastik angeschwemmt», erinnert er sich. Und weil das Meerwasser in den Sommermonaten zu warm sei, schreite auch im Südpazifik das Korallensterben weiter fort, sagt der Biologe.

Buckelwale als Höhepunkt

Langweilig sei es in den drei Monaten nie geworden. «Jede Flut veränderte die Insel, beim Schnorcheln entdeckten wir immer etwas Neues.» Ausserdem konnten Bittners fast täglich Buckelwale beobachten, und Besuch auf der Insel gab es auch ab und zu. Zweimal kamen australische Segler vorbei, einmal einheimische Fischer. «Das waren schöne Begegnungen.»
Ein letztes Highlight war die Rückreise: Die Familie Bittner konnte zu den Buckelwalen ins Wasser springen. «Das war unglaublich. Wir konnten ganz nahe heranschwimmen. Ich musste aufpassen, dass die Kinder die Wale nicht berühren.»

Zurück in der Schweiz habe sich die Familie schnell wieder an den Alltag gewöhnt. Die Reise ist aber nach wie vor ein Thema, regelmässig schauen sie gemeinsam die Erinnerungsbilder an. Für alle ist klar: Sie wollen wieder auf eine Insel. Bittner: «Dieses Mal aber auf eine noch einsamere. Eine, auf der wir gar niemanden antreffen und welche von den Menschen noch völlig unberührt geblieben ist.»

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