Schinznach-Bad

Tödlicher Töffunfall: Bedingte Geldstrafe für Autofahrer

Ein heute 74-jähriger Autofahrer hatte in Schinznach-Bad vor knapp einem Jahr einen jungen Töfffahrer übersehen. Mit tödlichen Folgen. Das Bezirksgericht Brugg hat den Rentner nun zu einer bedingten Geldstrafe verurteilt. Es war nicht der erste Unfall an derselben Stelle. Doch: Der Kanton sieht keinen Handlungsbedarf.

«Wir hatten Glück, dass in den letzten Monaten nichts passiert ist. Aber wir haben immer wieder heikle Situationen miterlebt.» Das sagte Marcus Rudolf am Wochenende zum Regionalsender Tele M1. Der Direktor des Thermalbads Bad Schinznach weiss, wovon er spricht: Die Strassenkreuzung, an der Badbesucher abbiegen, liegt nur wenige Meter von den Wellnessanlagen entfernt. Wiederholt forderten die Badbetreiber, die Kreuzung mit der stark befahrenen Kantonsstrasse sicherer zu machen.

Zuletzt, als es im vergangenen Jahr innert drei Monaten zu zwei schweren Unfällen, davon einer mit Todesfolge, gekommen war. Die Thermalbadleitung verlangte einen Kreisel oder mindestens eine Temporeduktion.

Tödlicher Crash Schinznach: Rentner vor Gericht

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Vor einem Jahr übersah ein Rentner mit seinem Auto einen Motorradfahrer und tötete ihn. Heute im Prozess spricht der Senior.

Vertreter des Kantons besichtigten daraufhin die Stelle und nahmen Rücksprache mit der Polizei. Kai Schnetzler, Sektionsleiter Verkehrssicherheit beim kantonalen Departement Bau, Verkehr und Umwelt, sagte nach der Analyse vor einem Jahr: «Die Einmündung weist keine baulichen Mängel auf. Für gute Sichtverhältnisse wird die Bepflanzung regelmässig geschnitten und tief gehalten.» Die Infrastruktur sei in Ordnung, die Unfälle seien auf menschliches Versagen zurückzuführen.

Tempolimite: «Scheinsicherheit»

Eine niedrigere Tempolimite würde ohnehin nichts bringen, sagte Experte Schnetzler: «Ein- und abbiegende Fahrzeuglenker würden sich auf vermeintlich tiefere Geschwindigkeiten verlassen, was zu einer gefährlichen Scheinsicherheit führt und deshalb der Verkehrssicherheit abträglich ist.»

Tödlicher Crash Schinznach: Untersuchungen abgeschlossen – Prozessauftakt am Montag

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So wurde der gestrige Prozess vor Bezirksgericht Brugg mit Spannung erwartet. Verantworten musste sich ein heute 74-jähriger Aargauer Autofahrer, der vor einem Jahr einen 18-jährigen Töfffahrer aus der Region übersehen und tödlich verletzt hatte. Die unausgesprochene Hoffnung jener, die die Kreuzung häufig befahren: Würde die Gerichtsverhandlung allenfalls neue Erkenntnisse bringen, die den Kanton zu einem Umdenken bewegen könnten? Vorab muss konstatiert werden: Dies dürfte nicht der Fall sein.

«Habe ihn übersehen»

Kurt (Name geändert), Brille an der Haltekordel, violetter Pullover, rote Hosenträger, verteidigte sich mit zittrigen Händen und schwerem Atem. Auf einen Anwalt verzichtete er. Er sei verschuldet, erklärte Kurt Gerichtspräsidentin Chantale Imobersteg. Es gehe ihm schlecht. Schlafstörungen vor allem, aber auch der Blutzucker. Imobersteg wollte von Kurt wissen, wie es um seine Sehkraft stehe. Er sei verpflichtet gewesen, beim Autofahren eine Brille zu tragen, sagte er. Vor dem Unfall habe ihm das Aufgebot zur nächsten ärztlichen Kontrolle vorgelegen. «Aber ich habe gesagt, ich gebe alles ab, darum war das hinfällig.»

Nach Junglenker-Tod: Bad Schinznach warnte schon lange

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Am Abend des 26. April 2017 sei er, wie fast täglich zu jener Zeit, ins Bad Schinznach gefahren, um seine rekonvaleszente Frau zu besuchen. Sie hätten zu Abend gegessen. Er sei ausgeschlafen gewesen, habe sich wohlgefühlt. Auch seine Brille habe er getragen. Es habe eingedunkelt, als er nach Hause losgefahren sei. «Diesmal musste ich besonders lange warten, bis ich in die Hauptstrasse einbiegen konnte», erinnerte sich Kurt. «Von Schinznach her war frei. Von Brugg her hatte es gerade eine Lücke.» Er habe die Distanz so eingeschätzt, dass es reichen sollte. «Dann bin ich hinausgefahren. Und von da an weiss ich nicht mehr viel.» Für ihn sei die Sache klar: «Ich habe diesen Töfffahrer übersehen.» Ein Zeuge, der zum Zeitpunkt des Unfalls ebenfalls an der Kreuzung wartete, bestätigte dies.

Auto und Ausweis abgegeben

Die Staatsanwaltschaft, die an der Verhandlung gestern nicht vertreten war, forderte einen Schuldspruch wegen fahrlässiger Tötung. Kurt solle zu einer bedingten Geldstrafe von 27'300 Franken sowie einer Busse von 1000 Franken verurteilt werden.

Nach kurzer Beratung entschied Gerichtspräsidentin Imobersteg: schuldig im Sinne der Anklage. «Sie wollten den Unfall nicht, aber Sie handelten pflichtwidrig und fahrlässig», sagte sie. Nach neuem Gesetz könnte das Delikt mit bedingter Freiheitsstrafe geahndet werden, doch das Gericht müsse das mildere Gesetz anwenden, und das sei hier das alte. Die Familie des Todesopfers macht zudem Zivilforderungen geltend und Kurt muss Anklagegebühr und Prozesskosten übernehmen. Er hat Auto und Fahrausweis abgegeben. Und sagte beim Verlassen des Gerichtssaals: «Ich bin froh, ist es jetzt abgeschlossen.»

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