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Todeskugel und Familienbande: Aargauer Zirkusgeschichte(n)

Todeskugel und Familienbande: die Geschichte der Aargauer Zirkusse

Todeskugel und Familienbande: die bewegte Geschichte von Nock, Monti und Co.

In Aarau würde der Circus Monti in diesen Tagen Premiere feiern. Würde – wäre da nicht dieses Virus. Wir blicken stattdessen zurück und zeigen im neuen AZ-Dokfilm die eindrückliche Geschichte der Aargauer Zirkusse.

Dieses Jahr häufen sich im Aargau die Zirkus-Jubiläen: 160 Jahre ist es her seit der Gründung des Nock, seit genau 50 Jahren wohnt die Familie im Fricktal, vor 35 Jahren tourte der Wohler Monti zum ersten Mal und vor 5 Jahren folgte die erste Ausgabe des Festivals cirqu’ in Aarau.

Und ausgerechnet in diesem Jubiläumsjahr steht alles still. Der Circus Nock tourte 2018 zum allerletzten Mal und der Zirkus Monti musst seine Tournee wegen des Coronavirus' absagen. Cirqu'Aarau pausiert wegen des Umbaus seiner Spielstätte, der Alten Reithalle. Stattdessen blicken wir an dieser Stelle zurück auf die Geschichte des Aargauer Zirkusschaffens.

Zelt und Tiernummern – oder nichts von beidem

Für die einen gehören die exotischen Tiere zum Zirkus, für die anderen geht Zirkus nicht ohne Zelt – und wiederum andere finden, es brauche weder Tiere noch Zelt, um zirzensische Kunst zu machen. Wie sehen die Aargauer Zirkusmacher ihre Kunst?

«Zirkus ist mein Leben», sagt Francesco Nock, der heute in Oeschgen wohnt und von hier seine Engagements im In- und Ausland wahrnimmt, seit es den Circus Nock nicht mehr gibt. Sein Ziel ist es, nächstes Jahr die «Stuhlnummer» seines Grossvaters präsentieren zu können: ein Stuhl-Turm, der auf vier Champagner-Flaschen steht – und auf dem er den Handstand macht. Der Hochseilartist beherrscht auch das Todesrad. Wagemut stecke in den Genen, meint er, und erwähnt nebenbei die Namen seiner draufgängerischen Familienmitglieder Freddy und Bello Nock.

Aargauer Zirkusgeschichte in Bildern:

Für Johannes Muntwyler, Leiter des Circus Monti, gehören Räder zum Zirkus. Die Zirkuskunst lebe von der Bewegung und solle unbedingt Überraschendes bieten. Das Publikum müsse sich willkommen und wohl fühlen, das sei besonders wichtig. Er widmete sich nach der obligatorischen Schulzeit ab 1980 ganz seiner Ausbildung als Jongleur: «Das waren sechs, sieben, acht Stunden Training täglich.»

Und Roman Müller, der künstlerische Leiter der Biennale cirqu’ in Aarau mag Zirkus dann, wenn er beim Publikum etwas auslöst. Es müssten nicht zwingend positive Emotionen sein. «Der heutige Zirkus darf auch anecken und aufwühlen», sagt er. Seit 2012 kuratiert er Zirkusprogramme in der Alten Reithalle, seit 2015 gibt es das Festival cirqu’Aarau, das sich dem aktuellen Zirkus widmet. Das Zelt ist hier kein Must-have mehr.

Grossunternehmen Nock

Wie in keinem anderen Kanton zeigt sich im Aargau, wie breit Zirkusschaffen sein kann. Francesco Nock etwa gehört zur ältesten Zirkusfamilie der Schweiz: Im Jahr 1860 kam Joseph Nock in die Schweiz. Der Circus Nock war anschliessend hierzulande unterwegs und überwinterte Im dort, wo sich eine Gelegenheit bot. Erst 1970 erwarb die Familie in Oeschgen ein Winterquartier – seit 160 Jahren also gibt es den Nock, seit einem halben Jahrhundert im Aargau.

Der Traditionszirkus mit einem Nummernprogramm, das von Artisten oder Dompteuren präsentiert wurde, transportierte bei der achtmonatigen Tournee in 100 Wagen jeweils 100 Personen und 100 Tiere, darunter Zebras, Löwen oder Affen. «Täglich müssen wir zwischen 6500 und 7000 Franken einnehmen, damit unser Zirkus rentiert», sagte der damalige Direktor Franz Nock 1995 in einem Interview im Schweizer Fernsehen.

Was Dimitri in Wohlen veränderte

Ein Nummernprogramm hatte auch der Wohler Circus Monti bis gegen Ende der 1990er-Jahre. Seit Beginn aber wirkte eine Regie mit, die kurz vor Saisonstart im März nach Anreise der Artistinnen und Artisten das Programm zusammenstellte.

Guido Muntwyler, dem Gründer des Zirkus, war es zudem ein Anliegen, dass sämtliche Mitarbeitenden beim Monti eine kleine Rolle hatten. «So gab es viele kleine Zwischennummern, um beispielsweise auch die Personen vom Buffet einzubinden», sagt sein Sohn Johannes Muntwyler, der den Zirkus seit rund zwei Jahrzehnten leitet. «Aus heutiger Sicht mutet das vielleicht etwas dilettantisch an.» 

Erst 1998, als Dimitri Regie führte, ergab sich eine neue Art, das Monti-Programm zu erarbeiten. «Heute proben wir zwei Monate, bevor wir auf Tournee gehen», sagt Muntwyler.

Schon Ende der 1970er-Jahre reiste die Familie Muntwyler mit dem Zirkus Olympia. Den eigenen Zirkus gründete sie dann vor 35 Jahren. Ab 2014 baute Monti aus, übernahm die Zeltvermietung von Alfredo Nock und ermöglichte mit einem Neubau in Wohlen ein Weihnachtsvariété.

Neue Formen

«Mit Zirkus hatte ich als Kind eigentlich kaum etwas am Hut», sagt Roman Müller. «Irgendwann kam aber das Jonglieren in meinen Heimatort Sarmenstorf.» So habe sich das Interesse für die Bühne entwickelt und während der Ausbildung an der Dimitri-Schule entdeckte er neue Zirkusformen. Es folgte eine Saison beim Zirkus Monti als Jongleur und dann viele Jahre mit eigenen Inszenierungen auf Tourneen und Festivals auf der halben Welt.

«Als ich in der Alten Reithalle Aarau das Stück ‹ArbeiT› zeigte, war klar: Diese Halle ist gemacht für ein Zirkusfestival.» Der Raum lasse verschiedene Anordnungsmöglichkeiten von Spielfläche und Publikum zu – eine Notwendigkeit für zeitgenössische Formen des Zirkus.

Und so war die Idee für cirqu’Aarau geboren; inzwischen hat sich das Festival für aktuelle Zirkuskunst international etabliert und bringt alle zwei Jahre Stücke aus der ganzen Welt nach Aarau. Es sind Inszenierungen, die oft mit zirzensischen Techniken von der Clownerie bis zum Vertikalseil arbeiten, aber künstlerisch hinterfragen und ästhetisch herausfordern.

Ohne Publikum kein Zirkus

Während der Cicus Nock 2010 sein 150-Jahre-Jubiläum noch mit Glamour und Prominenz feiern konnte, musste er nach der Tournee 2018 seinen Betrieb aus finanziellen Gründen einstellen.

«Für mich ist es eine grosse Aufgabe, die Geschichte des Zirkus weiterzutragen», sagt Francesco Nock heute. Er pflegt das familieneigene Museum in Oeschgen und plant eine Zirkusschule für Kinder der Region. «So kann Zirkus ein neues Publikum aufbauen», sagt er.

*Ruth Wiederkehr ist Autorin beim Projekt "Zeitgeschichte Aargau"

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