Dominik Meier kann sich gut an das erste Mal erinnern. Er stand in Vollmontur im Aarauer Holzschlag «Amerika», sie stand neben ihm, überragte ihn um Längen. Er blickte ein letztes Mal zu ihr hoch und warf seine Motorsäge an. Kurz darauf lag sie am Boden. Eine Rottanne, gewachsen in gut 50 Jahren, gefällt in knappen fünf Minuten. Der erste Baum – ein prägendes Erlebnis im Leben jedes Forstwarts.

Jetzt steht Dominik Meier wieder im Wald, wieder in Vollmontur, zusammen mit elf Lehrlingskollegen, alles künftige Forstwarte. Am Anfang des Kurses waren sie noch 13. Einer der Kollegen hat sich bei der Arbeit verletzt und fiel aus. Forstwart ist ein gefährlicher Beruf, aber ein wunderschöner, sagt Meier. «Ich freue mich auf meine berufliche Zukunft!»

Doch immer weniger seiner Berufskollegen teilen diese Freude. Die 75 Forstwart-Lehrstellen im Aargau sind zwar allesamt besetzt. «Die Forstwart-Lehre liegt wie die anderen ‹grünen Lehrstellen› im Trend», erklärt Oliver Frey, Präsident des Aargauischen Försterverbands (AFV). Das Problem beginnt danach: Immer mehr ausgebildete Forstwarte kehren dem Wald kurz nach ihrem Lehrabschluss den Rücken.

Actionreicher Beruf: Forstwartlehrling Yves Taddeo fällt einen Baum.

Actionreicher Beruf: Forstwartlehrling Yves Taddeo fällt einen Baum.

Wellen statt Wälder

Dramatisch ist die Situation bei den Förstern, den Leitern forstwirtschaftlicher Betriebe. «Der Aargau steuert in den kommenden Jahren auf einen Förstermangel zu. Die Hälfte der knapp 70 Förster wird bis 2025 pensioniert», erklärt Frey. Junge Forstwarte, die die Weiterbildung zum Förster auf sich nehmen, gibt es kaum noch. 2015 haben gerade mal zwei Aargauer Forstwarte die Försterweiterbildung an der Höheren Fachschule in Lyss absolviert. Christoph Fischer, Stadtoberförster in Aarau und Chefexperte für Lehrabschlussprüfungen beim AFV, kennt das Problem. «Viele Forstwarte wechseln kurz nach der Lehre die Branche und werden Polizisten, Grenzwächter oder sogar Matrosen.» Einen Hauptgrund für diese berufliche Fluchtbewegung aus den Aargauer Wäldern sieht er in der harten Arbeit, die Forstwarte Tag für Tag verrichten. «Nur wenige wollen ihr Berufsleben lang Bäume fällen», sagt Fischer.

Waldberufe: Der Forstwart

Waldberufe: Der Forstwart

Das Weiterbildungsprogramm für Forstwarte wurde über die vergangenen Jahre zwar kontinuierlich ausgebaut. Neben der klassischen Weiterbildung zum Förster gibt es heute weiterführende Studiengänge und Spezialausbildungen. «Das Weiterbildungsangebot ist in der Theorie attraktiv», sagt Fischer. «In der Praxis siehts aber oft anders aus. In Forstbetrieben brauchts halt nicht nur Häuptlinge.»

Tiefer Lohn und lange Tage

AFV-Präsident Frey macht vor allem den schlechten Lohn verantwortlich für die Forstwartflucht. «Der durchschnittliche Einstiegslohn für ausgelernte Forstwarte im Kanton Aargau beträgt 4300 Franken. Das sind 500 bis 700 Franken weniger als in der Tiefbaubranche.» Aber nicht nur der Lohn, auch der Arbeitsalltag sei unbefriedigend, betont Ueli Wanderon, Betriebsleiter der Forstbetriebe aargauSüd. «Forstwarte sind den ganzen Tag draussen im Wald, bei Wind und Wetter. Viele sind mit dem Privatauto unterwegs und transportieren die dreckigen Arbeitsgeräte mit demselben Fahrzeug, mit dem sie am Wochenende ihre Freundinnen oder Familien ausführen.»

All diese Faktoren führten den Berufsstand in einen Teufelskreis. «Weil vielerorts das Personal abwandert, müssen kleinere Gebiete zu grösseren Forstrevieren zusammengelegt werden», erklärt Oliver Frey. «Für die Förster bedeutet das immer mehr Arbeit und immer mehr Verantwortung. Junge Forstwarte sehen das und sagen sich: ‹Nein danke!›»

Ohne Förster kein sicherer Wald

Das Förstersterben hat weitreichende Konsequenzen, unter anderem für die Energie- und Baubranche. 40 Prozent des Aargauer Holzes wird zur Wärme- und Energiegewinnung verbrannt. 60 Prozent wird als Rohstoff in der Baubranche, für die Möbelproduktion oder zur Herstellung von Verpackungen verwendet. Ohne genug ausgebildete Forstarbeiter ist dieser Verwertungskreislauf gefährdet. «Wachsen und umfallen, das tun die Bäume selber, dazu braucht es uns nicht», betont Forstwartlehrling Dominik Meier. «Ohne uns könnte das anfallende Holz aber kaum mehr verwertet werden.»

Gefährdet ist längerfristig auch die sichere Nutzung der Aargauer Wälder durch Freizeitsportler und Spaziergänger. «Die Förster halten die Wälder in Schuss und sind darum besorgt, dass die von der Öffentlichkeit genutzten Waldräume jederzeit sicher sind», betont Marcel Zurbuchen, Revierleiter bei den Forstdiensten Lenzia. Wenn die Reviere immer grösser und die Förster immer weniger würden, sei eine gefahrlose Freizeitnutzung der Wälder nicht mehr gewährleistet.

Kampf um bessere Bedingungen

Doch die Förster wollen nicht klagen, sie gehen das Problem aktiv an. Nach dem Ausbau des Weiterbildungsangebotes soll nun das Lohn-Problem an der Wurzel gepackt werden. «Inoffiziell finden Gespräche statt», erklärt Oliver Frey. Auf dem nationalen Parkett bemüht sich der Verband Schweizer Forstpersonal um einen Gesamtarbeitsvertrag, in dem die Lohnfrage definitiv geklärt werden soll. Neben diesen Bemühungen auf politischer Ebene kümmern sich die Förster auch mit anderen Massnahmen um motivierten Nachwuchs: mit Werbeauftritten an Berufsmessen, Walderlebnistagen für Schulklassen oder mit Besuchen in Waldkindergärten. Schliesslich hats viele von ihnen schon als kleine Kinder «gepackt». Dominik Meier, zum Beispiel, war schon als Kind häufig mit dabei, wenn sein Onkel im Wald Bäume fällte. «Es ist halt einfach etwas Wunderschönes, einen grossen Baum zu fällen und zu hören, wies so richtig ‹chlöpft›.»