Bulgarien
Tiefe Löhne im Steuerparadies: Wie Aargauer Unternehmen ihr Glück in Osteuropa suchen

Mit Ablegern in Osteuropa versuchen Aargauer Firmen, dem starken Franken zu trotzen. In Lenzburg warb die bulgarische Botschafterin persönlich für ihr Land, das europaweit am wenigsten Steuern verlangt.

Manuel Bühlmann
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Wie Aargauer Unternehmen ihr Glück im Osten suchen
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In der neu eröffneten «Palemontech»-Fabrik werden 30 Mitarbeiter für die Aargauer Firma arbeiten.
Die bulgarische und die Schweizer Fahne wehen vor dem Howag-Werk.

Wie Aargauer Unternehmen ihr Glück im Osten suchen

zvg

Montana erlebte am Samstag ein grosses Fest. Unter den Gästen: der Schweizer Botschafter und der stellvertretende bulgarische Wirtschaftsminister. Hier, im Nordwesten Bulgariens, eröffnet die Dintiker Max Urech AG ihren neuen Produktionsbetrieb. 30 Mitarbeiter werden künftig in den modernen Hallen der Tochterfirma Palemontech Metall- und Gitterboxen herstellen, die mit Gabelstaplern transportiert werden können.

Geschäftsführer André Urech reist bereits seit 30 Jahren nach Bulgarien – von dort hat sein Vater damals Stapler importiert. Dennoch sagt Urech, er habe Neuland betreten, als er vor vier Jahren die bulgarische Firma übernommen hat. Bereut habe er den Entscheid bisher nicht, auch nicht, als er eine Baubewilligung für den Neubau benötigte. «Das ging erstaunlich schnell, ich habe mit Problemen gerechnet.» Allerdings, so räumt er ein, habe es zwischenzeitlich die Hilfe der bulgarischen Botschafterin gebraucht. Meglena Plugtschieva heisst die Gelobte, die in ihrer kurzen Ansprache am Wirtschafts- und Kooperationsforum Schweiz - Bulgarien vergangene Woche an der Lenzburger Berufsschule die Vorzüge ihres Heimatlands hervorhebt – etwa den europaweit rekordtiefen Steuersatz von zehn Prozent.

«Richtiger Entscheid, richtige Zeit»

Davon profitiert auch die Dintiker Firma Howag. Der Kabelproduzent eröffnete 2014 eine Fabrik in Targovishte – wenige Monate vor dem Frankenschock. «Die richtige Entscheidung zur richtigen Zeit», sagt deshalb Geschäftsführer Eugen Peterhans. «Erfolgsstory einer Schweizer Firma in Bulgarien», lautet der Titel seines Referats, das er am Lenzburger Forum hält. «Eine interessante Gegend, um zu produzieren», sagt er – bevor er zu einer Lobeshymne auf Land und Leute ansetzt. Diese wird so überschwänglich, dass die Botschafterin danach ans Rednerpult tritt und sagt: «Er ist der bessere Botschafter für Bulgarien, als ich es bin.»

1346 Millionen...

...Euro Investitionen flossen 2015 aus der Schweiz nach Bulgarien – das ist der neuntgrösste Wert. Insgesamt rund 8200 Mitarbeiter beschäftigen Schweizer Firmen im osteuropäischen Land.

Nach der Veranstaltung, auf der Terrasse mit Blick auf Schloss Lenzburg, sagt Peterhans, seine lobenden Worte seien ernst gemeint, er arbeite seit sieben Jahren und sehr gern mit bulgarischen Mitarbeitern. Innert eines Jahres verdoppelte sich deren Zahl auf 50. Der Lohn sei sechsmal tiefer als in der Schweiz. «Da kann man noch so optimieren, das lässt sich nicht ausgleichen.» Viele hätten Angst, dass dies zur Schliessung von Standorten im Aargau führe, im Fall der Howag sei diese aber unbegründet, versichert Peterhans.

In der Einladung zum Lenzburger Wirtschaftsforum ist die Rede von einem «gnadenlosen Wettbewerb», dem die Unternehmen ausgesetzt seien. Und: «Die aktuelle Währungssituation zwingt viele schweizerische Unternehmen, die Kostenstrukturen im Produktionsprozess zu überprüfen und ein Outsourcing-Projekt anzugehen.» Auffallend: Die bulgarischen Teilnehmer sind gegenüber ihren Schweizer Kollegen in der Überzahl. Nach wie vor ein heikles Thema.

Tony Moré, Leiter Wirtschaftspolitik Europa beim Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco), ist denn auch bemüht, den eher negativ behafteten Begriff Outsourcing zu entschärfen. Vielmehr handle es sich um «Smartsourcing», es gehe keinesfalls darum, die Schweizer Unternehmen zu ermutigen, das Land in Richtung Bulgarien zu verlassen. Firmen, die sich den Sprung ins Ausland überlegen, können sich am Institut für Business Engineering der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) beraten lassen.

Dessen Leiter Raoul Waldburger schätzt das Potenzial Bulgariens als hoch ein: «Ein hervorragender Outsourcing-Standort.» Das Ziel sei dabei aber nicht primär, in der Schweiz abzubauen, sondern effizienter zu wachsen und günstiger zu produzieren. Am Institut melden sich immer wieder Unternehmen, die eine Niederlassung im Ausland in Betracht ziehen, beispielsweise in Bulgarien. Ein neues Traumziel für Aargauer Firmen? «Das kommt bestimmt.»

Waldburger, Gründungsmitglied der bulgarisch-schweizerischen Handelskammer und während dreier Jahre für Holcim in Bulgarien tätig, sieht aber neben allen Vorteilen auch Nachteile: die Sprache, die relativ weite geografische Entfernung und die ausbaufähige Rechtssicherheit. Bulgarien belegt auf dem Korruptions-Index von «Transparency International» Rang 75 – noch hinter Burkina Faso, Senegal und Kuba. Dennoch sagt Raoul Waldburger: «Die Situation hat sich seit dem EU-Beitritt vor zehn Jahren stark gebessert.»

Bosnien statt Bulgarien

Zur Diskussion stand Bulgarien als Standort auch bei der Tissa ImCut AG. Letztlich entschied sich das Oberkulmer Unternehmen jedoch für ein anderes osteuropäisches Land: Bosnien. Geschäftsführer Niklaus Boss erklärt dies unter anderem mit der Sprache. «In unserer Firma arbeiten viele Bosnier, das ermöglicht den Wissenstransfer in der Muttersprache.» Zudem sei der Mindestlohn mit 300 Euro sehr tief, was ihnen ermögliche, preislich mit ihren Konkurrenten mithalten zu können. Ein Bezug zu Bulgarien besteht dennoch: Dank dem vor einem Jahr eröffneten Standort konnte sich das Aargauer Unternehmen den Auftrag einer bulgarischen Firma sichern.