Wer stand noch nie vor einem Billettautomaten und studierte die Zoneneinteilung, während der Bus abfuhr und erst noch das falsche Billett gelöst wurde? Manche kaufen gar ein Generalabonnement, bloss damit sie jederzeit und überall einsteigen können, ohne sich um ein Billett kümmern zu müssen. Das geht jetzt auch ohne GA. Wenn die App «fairtiq» für den öffentlichen Verkehr all das hält, was ihre Promotoren versprechen, steht man nie mehr verzweifelnd im Regen vor einem Automaten. Vorausgesetzt, alle regionalen Tarifverbünde schliessen sich dieser App an, sodass sie in der ganzen Schweiz gültig ist (vgl. Box unten).

Ab sofort im A-Welle-Gebiet

Ab sofort aber gilt sie auch im Verbreitungsgebiet der A-Welle. Aktiv mitgetragen bzw. mitfinanziert wird sie in unserer Region von den Regionalen Verkehrsbetrieben Baden-Wettingen (RVBW), dem Regionalbus Lenzburg (RBL) sowie dem Busbetrieb Olten Gösgen Gäu.

Inzwischen gibt es viele Apps für den öffentlichen Verkehr. Bei fairtiq muss man einfach vor dem Einsteigen in Bus oder Bahn die zuvor auf dem Handy installierte App aktivieren. Das Ziel der Reise braucht man nicht einzugeben. Man kann ein oder mehrere Verkehrsmittel hintereinander nutzen. Einfach bei Beendigung der Reise nicht vergessen, die App mit einem Wischen zu stoppen. Dann rechnet sie den günstigsten Preis für die zurückgelegte Strecke aus und belastet sie Ihrer Kreditkarte. Wenn die Strecken zusammen mehr als eine Tageskarte kosten, berechnet die App den Preis der Tageskarte.

Welche App setzt sich im Billettverkauf durch?

Was aber, wenn man vergisst, das Reiseende zu markieren? Kriegt man dann eine Riesenrechnung, weil die App weiterläuft, obwohl man womöglich mit dem Privatauto weitere 50 km fuhr? «Nein», sagt RVBW-Direktor Stefan Kalt lächelnd, «das Handy kann heute so viel. Es erkennt, wenn Sie nicht mehr sitzen, sondern sich bewegen. Dann fragt es Sie, ob die Fahrt beendet ist.»

Das klingt nach einer neuen Stufe der digitalen Revolution im öffentlichen Verkehr. Kalt: «Das ist es auch. Die App ist in mehreren Verkehrsverbünden bereits im Einsatz, so wie weitere anderswo. Wir haben diese beobachtet und verglichen und sind zum Schluss gekommen, dass sich diese durchsetzen wird. Ich erwarte, dass sie bis nächsten Frühling flächendeckend angeboten wird.» Doch was haben die Verkehrsbetriebe davon, ausser ihrem Anteil an den Kosten der App? «Sie ist ein Angebot an unsere Fahrgäste. Sie senkt die Schwelle, einen Bus zu benutzen, markant», ist Kalt überzeugt. Man müsse kein Münz mehr aus dem Hosensack kramen, sondern könne einfach ein- und aussteigen, wie wenn man ein Generalabonnement hätte. «Man muss einzig beim Einsteigen die App mit einem Wischen aktivieren und beim Aussteigen stoppen. Ich habe es selbst wochenlang getestet. Es ist simpel und funktioniert zuverlässig.»

Fairtiq: So funktioniert's!

So funktioniert die fairtiq-App.

  

Lädt die App nicht zum Schummeln ein, etwa durch blitzartiges Aktivieren, wenn ein Kontrolleur auftaucht? Das werde wie beim heutigen Billettsystem nicht funktionieren, versichert Kalt. Der Kontrolleur sehe ja auf der App, ob diese vor wenigen Sekunden oder schon beim mutmasslichen Einstieg aktiviert wurde: «Dann wird der Fahrgast freundlich ermahnt, und man nimmt seinen Namen auf. Eine Busse gibt es noch nicht. Wenn aber dasselbe ein zweites und drittes Mal passiert, bezahlt der Betreffende nebst dem Billett eine Busse. Unsere Kontrolleure haben ein sehr gutes Auge. Mit der modernen Elektronik kann man sie noch weniger überlisten als bisher.»

Der Zürcher Verkehrsverbund beispielsweise macht aber bei fairtiq (noch) nicht mit. Dann braucht man doch mehr als ein Billett? Kalt: «Ja, wenn jemand von Lenzburg nach Zürich fährt, gilt fairtiq nur auf dem A-Welle-Gebiet bis zur Kantonsgrenze. Für die Reststrecke nach Zürich muss man via SBB-App, an einem Automaten oder einem Billettschalter separat ein Ticket lösen. Man kann dann am Schalter natürlich geradesogut ein Billett für die ganze Strecke kaufen. Ich bin aber zuversichtlich, dass dies nicht lange so bleibt, sondern dass sich die App bis nächsten Frühling in der Schweiz flächendeckend durchsetzt», so Kalt.

Im Unterschied zu einem System, das die SBB vor über zehn Jahren getestet und schliesslich als viel zu teuer und komplex verworfen haben, bedingt die App keinerlei Investitionen in den Fahrzeugpark. Im Gegenteil. Stefan Kalt erwartet, dass man mittel- bis langfristig die Zahl der im Ankauf und Unterhalt teuren Billettautomaten stark abbauen kann – weil es sie dann wie die Telefonkabinen kaum noch braucht.

Doch was geschieht mit ihren Daten, die die Fahrgäste über diese App preisgeben müssen? Werden die weiterverkauft, kriegt man lästige Telefonwerbung, oder schickt die RVBW dann gar Prospekte über die Stadt, in die man am meisten fährt? Stefan Kalt lacht herzhaft: «Nein, auf gar keinen Fall. Die Daten werden anonymisiert genutzt. Wir wissen nicht, wer das Billett gekauft hat. fairtiq speichert die Daten nur, solange die Reklamationsfrist für den Kunden läuft. Dies für den Fall, dass er mit einer Abrechnung nicht einverstanden ist. Danach werden sie komplett gelöscht und niemandem weitergegeben. Das System ist sicher.»
Wer ein GA oder ein Streckenabo hat, weil er regelmässig längere Strecken fährt, muss sich den Umstieg auf fairtiq allerdings genau überlegen. Denn die App verrechnet jede Fahrt einzeln, was je nach Kilomterlänge teurer werden kann.

Das Bonus-Programm von Fairtiq.

Das Bonus-Programm von Fairtiq.

Bisher 40 000-mal verbreitet

Seit Lancierung der App im Jahr 2016 wurde sie bereits über 40 000-mal heruntergeladen, bisher wurden über 250 000 Tickets auf diese Weise verkauft. Heute gilt sie bereits für über zehn Tarifverbünde (vgl. Box). Weitere sollen dazukommen.