Antoinette Burkhalter von der Beratungsstelle Opferhilfe Aargau-Solothurn in Aarau berät Menschen, die einst Opfer administrativer Zwangsmassnahmen waren, gemeinhin als Verdingkinder bekannt. Betroffene nehmen meist telefonisch mit ihr Kontakt auf. Manche kommen in die Beratungsstelle nach Aarau oder nach Solothurn. Wenn jemand nicht mobil ist, geht Antoinette Burkhalter gern auch zu ihm oder zu ihr nach Hause.

Der Beraterin wurden schon viele herzzerreissende Erinnerungen offenbart. Burkhalter: «Das ist für die Betroffenen und für mich aufwühlend, manche brechen beim Erinnern und Erzählen in Tränen aus.» Es gibt Betroffene, die zum ersten Mal über das Erlittene reden. Viele schämen sich dafür, selbst wenn sie ja nichts dafür konnten. Bisher hat Antoinette Burkhalter schon 136 Aargauerinnen und Aargauern geholfen, ein Gesuch für einen Solidaritätsbeitrag des Bundes auszufüllen. Der hat sich bekanntlich für einstiges Unrecht entschuldigt und für Verdingkinder maximal 300 Millionen Franken bereitgestellt, pro Betroffene(n) aber maximal 25'000 Franken. Die Frist für das Einreichen der Gesuche läuft noch bis 31. März 2018.

Viele betonen, dass sie das Gesuch nicht des Geldes willen einreichen. Das Erlittene könne man nicht wieder gutmachen. Wichtig sei ihnen die damit verbundene Anerkennung des Staates für seine Schuld. Burkhalter hilft gern beim Ausfüllen des Gesuchs und bietet Betroffenen auch an, für sie via Staatsarchiv Nachforschungen für Belege anzustellen: «Das machen wir gern, die Betroffenen müssen nicht selbst in die damalige Wohngemeinde gehen.» Wenn hingegen jemand seine Unterlagen selbst suchen will, sei die Gemeinde per Gesetz verpflichtet, diese – wenn noch da – den Berechtigten herauszugeben, betont sie.

Im Gewitter draussen

Theresia Rohr aus Rheinfelden hat ihr Gesuch bereits eingereicht. Sie wurde im Luzernischen in eine kinderreiche Familie hineingeboren. Als sie zweijährig war, starb ihre Mutter. Ihr Vater heiratete wieder, die Stiefmutter schlug die Kinder.

Eines Tages riss die damals Siebenjährige mit drei Geschwistern von zu Hause aus. Danach wurden alle vier behördlich aus der Familie herausgenommen und auf verschiedene Pflegefamilien verteilt. Zwischendurch war Theresia in einem Heim, dann wieder in einer Pflegefamilie. Schläge gab es nicht, aber auch keine elterliche Liebe und Geborgenheit. So erinnert sie sich noch heute daran, dass sie bei einem Gewitter, quasi als menschlicher Blitzableiter, draussen Weihwasser verteilen musste, damit der Blitz ja nicht ins Haus einschlagen sollte.

Theresia musste viel arbeiten, durfte nur sieben Jahre zur Schule gehen, machte schliesslich eine Lehre bei der Post und bildete sich später selbst weiter. Schliesslich führte sie eine eigene Praxis als Atemtherapeutin. 71-jährig ist Rohr inzwischen, pensioniert und seit 24 Jahren mit ihrem zweiten Mann glücklich verheiratet. Ihm und vielen anderen Partnern und Partnerinnen einstiger Verdingkinder dankt sie dafür, dass sie zu ihnen stehen und ihnen den Rücken stärken. Enorm traurig ist sie, dass drei Geschwister das Erlebte nicht ertragen und auch keine Hilfe annehmen konnten und in ihrer Not Suizid begingen.

Bis 15'000 Anspruchsberechtigte

Dadurch, dass sich der Bundesrat endlich für das erfahrene Unrecht der Verdingkinder entschuldigt hat, fühlt sich Theresia Rohr heute auch von der öffentlichen Schweiz als vollwertiger Mensch wahr- und ernst genommen: «Ich erhielt meine Würde zurück. Und mit dem Abschicken meines Gesuchs habe ich auch den Stempel des Verdingkindes abgegeben. Es war höchste Zeit, das Thema öffentlich zu diskutieren und die Menschen dafür zu sensibilisieren. Es gehört als dunkles Kapitel unbedingt in die Schweizer Geschichtsbücher, damit man es niemals vergisst und es sich nicht wiederholt!»

Luzius Mader, der Delegierte des Bundes für die Opfer von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen, hofft, dass noch möglichst viele Betroffene einen Antrag stellen: «Der Bundesrat schätzt, dass es 12'000 bis 15'000 anspruchsberechtigte Opfer gibt. Wir rechneten deshalb mit bis zu 10'000 Gesuchen.» Bis jetzt seien aber erst rund 3000 Gesuche eingetroffen, 183 davon aus dem Kanton Aargau. Mader: «Wenn sich bis Ende März 2018 aus der ganzen Schweiz mindestens noch einmal so viele Personen melden, wäre das gut. Wenn es am Schluss bloss 6000 bis 7000 wären, bekäme jeder und jede Betroffene die Maximalsumme von 25'000 Franken.» Wobei damit die vom Bund zur Verfügung gestellte Gesamtsumme von bis 300 Millionen Franken nicht voll ausgeschöpft würde.

1117 Personen in einer finanziellen Notlage haben übrigens bereits Soforthilfe von insgesamt 8,7 Millionen Franken erhalten. Darunter waren 50 Aargauerinnen und Aargauer (59 hatten ein solches Gesuch gestellt). Die Beiträge pro Person schwankten zwischen 4000 und 12'000 Franken.

Mader versucht im Gespräch jeweils, mögliche Missverständnisse auszuräumen. Das betrifft etwa Ängste, das Antragsformular sei zu kompliziert: «Das ist es nicht, man kann es auch handschriftlich ausfüllen, oder man kann sich von den kantonalen Opferhilfestellen helfen lassen. Letztlich braucht es einfach die Unterschrift des Betroffenen.» Man müsse auch keine wochenlangen Nachforschungen betreiben, wenn man zum Beispiel in Heimen in verschiedenen Kantonen war. Mader: «Diese Arbeit übernimmt das jeweilige Staatsarchiv. Es holt die Unterlagen ein, soweit diese noch existieren. Leider haben nämlich manche Gemeinden ihre alten Akten vernichtet.»

Was geschieht, wenn jemand betroffen ist, dies aber nicht mehr mit Akten belegen kann? Auch hier rät Luzius Mader dringend zu einem Gesuch: «Das kann man nicht den Betroffenen anlasten. Dann reicht es, das Geschehene glaubhaft zu machen und anzugeben, in welchem Heim man war. Man kann dazu vielleicht im betreffenden Heim noch mündliche Auskünfte einholen. Wir wissen, wo unter welchen Leitungen in welchen Zeiträumen schlimme Missbräuche geschehen sind. Das Gesuch wird dann sorgfältig geprüft. Wir entscheiden im Zweifelsfall eher zugunsten des Gesuchstellers. Es wird deswegen auch niemand vor eine Kommission zitiert.»

Auch Befürchtungen, der Staat würde Empfängern dieser Entschädigung allfällige Ergänzungsleistungen oder Sozialhilfe kürzen oder man müsste dann mehr Steuern zahlen, entkräftet er: «Das Gesetz ist klar. Diese Entschädigung haben die Betroffenen integral zugute. Deshalb darf keine andere Leistung gekürzt oder gar die Einkommenssteuer erhöht werden.»

Bisher keine Trittbrettfahrer

Was geschieht, wenn jemand das Geschehene nicht glaubhaft machen kann, weil er gar nicht berechtigt ist? Betroffene hätten ihm mitgeteilt, so Mader, dass sie von Personen angegangen wurden, «die nie und nimmer Anspruch haben, die aber Informationen wollten, um ein Gesuch stellen zu können. Bis jetzt ist bei uns aber kein einziger Fall möglicher Trittbrettfahrer aufgetaucht». Man prüfe die Gesuche genau, so Mader. Schliesslich sei man verpflichtet, das Geld korrekt einzusetzen.

Zusammen mit der Guido-Fluri-Stiftung hat das Bundesamt für Justiz Flyer drucken lassen. Diese werden in den nächsten Wochen an Institutionen abgegeben, die regelmässig mit älteren Menschen in Kontakt sind. Etwa Pro Senectute, Pflegeheime, Spitex, Hausärzte usw. Ziel ist, sagt Mader, «dass man so Menschen, die betroffen sind, finden, ansprechen und ihnen Mut machen kann, ein Gesuch zu stellen».

Gedenkstätte für Verdingkinder in Mümliswil: