Luftrettung

TCS- und Rega-Helis: Seit beide fliegen, haben sich Notfall-Einsätze verdoppelt

Die Zunahme der Heli-Einsätze lässt an der Notwendigkeit jedes einzelnen Flugs zweifeln. Der Kantonsarzt versichert, ein Helikopter sei nur dann zum Notfall aufgeboten worden, wenn das auch wirklich angezeigt war. Politiker nehmen ihm das nicht ab.

Nachdem letztes Jahr das Monopol der schweizerischen Rettungsflugwacht (Rega) gefallen ist, hat sich 2013 die Zahl der Einsätze von Rettungshelikoptern im Aargau gegenüber dem Vorjahr mehr als verdoppelt.

Der Kantonsarzt versichert, ein Helikopter sei nur dann zu einem Notfall aufgeboten worden, wenn das auch wirklich angezeigt war. Die Politiker nehmen ihm das aber nicht ab.

Das Prinzip funktioniert wohl in wenigen Märkten so gut wie im Gesundheitswesen: Angebot schafft Nachfrage. Da liegt der Verdacht natürlich nahe, dass der Mengenausweitung im Luftrettungswesen nicht allein eine zufällige Häufung von schweren Notfällen zugrunde liegen kann.

Die Entwicklung ist schon sehr eindrücklich: Seit einem Jahr wird der im Birrfeld stationierte TCS-Rettungshelikopter aufgeboten, wenn er verfügbar ist. Die Rega kommt wegen der Nähe zu ihrer Basis in Basel im Aargau weiterhin im unteren Fricktal zum Zug.

Im letzten Jahr flog der TCS-Heli 146 Einsätze, die Rega wurde 95-mal aufgeboten – insgesamt also 241 Luftrettungseinsätze. Die Zahlen schwanken immer, aber an den Rekordwert von 241 Flügen war die Rega in den letzten Jahren nie herangekommen.

Ihre Zentrale in Zürich schlüsselte die üblicherweise für die zwölf Einsatzbasen erfassten Zahlen auf Anfrage der az kantonal auf: 2012, als sie noch Monopolistin war, flog die Rega im Aargau 117 Einsätze. 2011 waren es 153 Flüge, und auch die 171 Einsätze von 2009 liegen immer noch sehr deutlich unter dem Total von 241 Rettungshelikopter-Einsätzen im letzten Jahr.

Kantonsarzt: Kein Flug zu viel

Kantonsarzt Martin Roth räumt ein: «Im Gesundheitswesen ist es generell so: Ist ein Angebot da, wird es auch genutzt.» Gleichzeitig hält er aber fest, dass kein Heli unnötigerweise aufgeboten worden sei. Man habe geprüft, ob letztes Jahr auch in Fällen ein Rettungshelikopter gerufen worden ist, wo eine Ambulanz ebenso für eine adäquate Versorgung ausgereicht hätte.

Das sei nicht der Fall. Mit der schnellen Verfügbarkeit des TCS-Heli praktisch für das ganze Kantongebiet könne dieser das richtige Einsatzmittel sein, wenn die für ein Gebiet zuständigen Ambulanzen besetzt sind und man auf einen Rettungsdienst eines anderen Gebiets ausweichen müsste, der dann nicht in der geforderten Frist vor Ort wäre.

Die markant gestiegene Zahl der Einsätze sei auch in Relation zu den Zahlen aus anderen Kantonen zu setzen: Im Vergleich habe es in den letzten Jahren gemessen an der Bevölkerungszahl im Aargau unterdurchschnittlich wenige Luftrettungen gegeben.

Die Politik will sich mit diesen Erklärungen nicht zufrieden geben. «Dass es zu einer solchen Steigerung kommt, wenn wirklich nur zwingend nötige Einsätze geflogen werden, glaube ich nicht», sagt SVP-Grossrat Fredy Böni. Man werde die Zahlen zumindest in der Gesundheitskommission des Grossen Rats hinterfragen und analysieren oder auch einen neuen Vorstoss dazu einreichen müssen.

Auch die Zweifel von SP-Grossrat Martin Brügger, ob beim neuen Dispositiv für die Luftrettung alle medizinischen Gesamtaspekte berücksichtigt wurden, sind nicht verflogen, sondern haben sich eher noch verstärkt: «Weil das Angebot gleich vor der Tür ist, wird es meiner Meinung nach zu wenig kritisch hinterfragt.»

Zu hinterfragen ist etwa die Aussage, bisher habe es im Aargau weniger Luftrettungen gegeben als anderswo. Die Rega stellte auf Anfrage der az die Zahlen für den Aargau, Zürich und den Kanton Basel-Landschaft zusammen. Ergebnis: Die Differenz ist kaum markant. 2011 kamen im Aargau auf 10 000 Einwohner 2,4 Rega-Flüge, in Baselland nur 1,7 und in Zürich 2,6. 2012 waren es im Aargau mit 1,9 tatsächlich nicht nur weniger als in Zürich (2,2), sondern auch weniger als in Baselland (2,4).

Das Total der Rettungsflüge im Aargau von 2013 liegt hingegen in Relation zur Bevölkerungszahl um das Doppelte über den Rega-Einsätzen in Zürich und sogar um das Zweieinhalbfache über denen im Baselbiet.

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