Aargauer Steueramt
Tausende füllen keine Steuererklärung aus – und kriegen dafür eine Busse

Im Aargau setzt es jedes Jahr Bussen in Millionenhöhe wegen "Verletzung von Verfahrenspflichten" ab. Meistens pflichtbewusst, oft aber überfordert mit dem Ausfüllen der Steuererklärung sind Senioren. Pro Senectute unterstützt jährlich 2000 ältere Menschen – Tendenz steigend.

Manuel Bühlmann
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Die Steuern zu deklarieren macht vielen Menschen Mühe.

Die Steuern zu deklarieren macht vielen Menschen Mühe.

Franz Pfluegl

Was für die meisten Aargauerinnen und Aargauer eine lästige Pflicht ist, ist für andere eine unlösbare Aufgabe: «Ein grosser Teil der Seniorinnen und Senioren ist komplett überfordert mit der Steuererklärung», sagt Albin Fischer.

Der Alt-Gemeindeammann von Mägenwil erhält immer wieder Anfragen von Bekannten, die ihn um Unterstützung bitten. Fischer (79) selbst hat damit keine Mühe, nutzt dazu den Computer und ein eigenes Programm. Doch längst nicht alle Pensionierten hätten einen Computer oder könnten damit umgehen.

Dass sie die Formulare selber herunterladen müssen, hält Fischer deshalb für zu kompliziert. «Können die Kinder nicht helfen, werden die älteren Bürger zu Treuhandbüros getrieben.» Und wer keine Steuererklärung einreiche, muss eine Busse zahlen. Fischers Befürchtung: Gebüsst werden in vielen Fällen überforderte Senioren.

Überforderte holen Hilfe

Fest steht: Jahr für Jahr verschickt der Kanton Bussen an Tausende Einwohner; 2016 beliefen sich diese auf 11 Millionen Franken (siehe Box). Wer die Adressaten sind, lässt sich nicht überall in Erfahrung bringen.

Das kantonale Steueramt teilt mit, diese Frage könne ohne «spezifische Systemauswertung» nicht beantwortet werden. Zahlen nennt hingegen die Stadt Baden: Von den 224 im letzten Jahr verschickten Bussen wegen nicht eingereichter Steuererklärungen gingen nur gerade vier an über 65-Jährige.

Wer nichts einreicht, wird bestraft: 11 Millionen Franken Bussen, 11'632 Gebüsste

Die Frist ist abgelaufen: Die Steuererklärungen müssten seit Freitag bei den Steuerämtern liegen. Müssten. Bei weitem nicht alle der knapp 395'000 Aargauer Steuerpflichtigen haben ihre Pflicht bereits getan. Tausende reichen auch nach mehrmaliger Aufforderung nichts ein. Im vergangenen Jahr verschickte der Kanton 11 632 Bussen wegen der Verletzung von Verfahrenspflichten, wobei es sich überwiegend um das Nichteinreichen der Steuererklärungen handelt.

Insgesamt beliefen sich die Bussen 2016 auf 11 Millionen Franken – im Vorjahr waren es 10,2 Millionen. Allerdings sei rund die Hälfte davon nicht einbringbar, teilt das kantonale Steueramt auf Anfrage mit. Unter dem Strich bleiben 5,6 Millionen Franken, wovon je die Hälfte an Kanton und Gemeinden geht. Die Höhe der Busse richtet sich nach dem steuerbaren Einkommen des Säumigen. Wer wiederholt keine Steuererklärung einreicht, zahlt mehr: Der Betrag steigt mit jedem Mal. (Mbü)

In Fislisbach waren es drei von 70. Und das Zofinger Steueramt meldet, rund zehn Prozent der Gebüssten seien Rentner. Der Tenor bei angefragten Steuerämtern in den Gemeinden: Die grosse Mehrheit der älteren Steuerpflichtigen ist sehr pflichtbewusst.

In Aarau etwa bringen viele ihre Steuererklärung persönlich auf der Verwaltung vorbei und vergewissern sich dort, dass auch wirklich alles korrekt ist. In Rheinfelden tönt es ähnlich: «Grundsätzlich stellen wir fest, dass sich die meisten älteren Personen mit dem Thema Steuern sehr gewissenhaft auseinandersetzen», sagt Urs Suter, Leiter der Abteilung Steuern.

Die Umfrage bei mehreren Gemeinden zeigt zudem: Wer überfordert ist, holt sich Hilfe. Manchmal können die Gemeinden aushelfen. «Im Rahmen des Service public werden einfache Fälle unkompliziert von uns direkt erledigt», sagt der Wohler Steueramtsvorsteher Thomas Laube.

Älteren überforderten Einwohnern, die sich keine professionelle Beratung leisten können, wird das Ausfüllen auf dem Wettinger Steueramt zuweilen abgenommen, wie Leiter Michael Bürgler sagt. Doch das ist die Ausnahme, meist reicht die Zeit auf den Verwaltungen nicht für mehr als die Beantwortung einzelner Fragen.

Ueli Schär ist einer von 115 Helfern vom Steuererklärungsdienst. In der Pro-Senectute-Geschäftsstelle in Zofingen bringt er Stellenleiterin Andrea Hadorn die Rapporte vorbei.

Ueli Schär ist einer von 115 Helfern vom Steuererklärungsdienst. In der Pro-Senectute-Geschäftsstelle in Zofingen bringt er Stellenleiterin Andrea Hadorn die Rapporte vorbei.

Chris Iseli

«Angst vor vielen Zahlen»

Stattdessen übernehmen die Aufgabe Familie, Bekannte, Treuhänder – oder Pro Senectute. 115 Freiwillige engagieren sich im Aargau beim Steuererklärungsdienst der Altersorganisation, gehen bei älteren Menschen zu Hause vorbei und füllen die nötigen Formulare aus. Ueli Schär, 70, ist seit seiner Pensionierung im Einsatz.

In den Spitzenzeiten hilft er vier bis fünf Kunden täglich. 50 bis 60 Steuererklärungen füllt er pro Jahr aus, seine eigene sei meist die letzte. «Viele haben Angst vor den vielen Zeilen und Zahlen», sagt Schär. Die meisten Beratungen macht er bei Frauen, oftmals erledigte jahrzehntelang der Ehemann die Steuern. Nach dessen Tod sind sie damit überfordert und umso dankbarer über die Unterstützung vom Profi.

Insgesamt lassen sich im Aargau rund 2000 Personen im Pensionsalter vom Steuererklärungsdienst der Pro Senectute helfen – Tendenz steigend. Das Angebot ist aber auch bei Freiwilligen beliebt. Andrea Hadorn, Stellenleiterin in Zofingen, führt gar eine Warteliste mit potenziellen Helfern. Die Kandidaten werden in einem Vorstellungsgespräch geprüft und müssen ein Leumundszeugnis vorlegen. «Die Arbeit beim Steuererklärungsdienst ist Vertrauenssache», sagt Hadorn. Vertrauen bringen die Ratsuchenden Ueli Schär von Anfang entgegen, gewähren ihm Einblicke in ihre persönlichen und finanziellen Verhältnisse.

Die Offenheit erklärt sich Schär mit der Mentalität: «Der Schweizer ist programmiert, für die Steuern alles offenzulegen.» Der Preis für die Dienstleistung bemisst sich nach steuerbarem Einkommen und Vermögen: Wer mehr Geld hat, zahlt mehr. Mindestansatz: 27 Franken. Für Schär, der von der Lehre bis zur Pension auf Gemeindeverwaltungen gearbeitet hat, sind die meisten Fälle Routine und in rund einer Stunde erledigt. «Mir macht es Spass, zu den Leuten zu gehen und zu plaudern.» Die Formulare füllt er vor Ort auf dem Laptop aus. «Easytax ist eine totale Vereinfachung», sagt er.

Das sieht nicht nur Ueli Schär so: Über den ganzen Kanton gesehen schreibt nur noch eine von zehn Personen auf den Papierbogen, fast 90 Prozent nutzen inzwischen das Gratisprogramm. Dabei stellen viele Gemeinden fest: Die Hemmschwelle für die Nutzung des Computers hat bei älteren Personen abgenommen. So sagt der Zofinger Steueramtsvorsteher Kilian Nöthiger: «Nicht selten kommt ein über 80-jähriger Steuerpflichtiger mit dem Laptop an den Schalter und meldet sich mit einer konkreten Einzelfrage.»

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