Zersiedlung
Täglich wird im Kanton Aargau die Fläche eines Fussballfeldes zubetoniert

Wenn der Aargau die prognostizierten über 100000 Zuzüger verkraften will, braucht er in den Zentren mehr Bauland. Sonst droht eine noch stärkere Zersiedlung.

Hans Lüthi
Merken
Drucken
Teilen
Siedlungen bei Brugg im Kanton Aargau (Symbolbild)

Siedlungen bei Brugg im Kanton Aargau (Symbolbild)

Keystone

Die Zersiedlung bleibt im Aargau ein ebenso spannendes wie kontrovers beurteiltes Thema. Zweifellos auch über den Volks-Entscheid zur Raumplanungs-Revision vom 3. März hinaus. Der Landbedarf im Rüebliland bedroht die Rüebliäcker: Alle 23 Sekunden wir ein Quadratmeter Land verbaut, pro Tag läppert sich das zur Fläche eines Fussballfeldes zusammen. Pro Jahr sind es 139 Hektaren, die zur Hauptsache die Bauzonen-Reserven verringern. Im vorletzten Jahr schnellte die Zahl auf rekordhohe 172 Hektaren, was dem täglichen Bedarf von sieben Einfamilienhaus-Parzellen entspricht – im Aargau, nicht in der Schweiz!

30 Hektaren werden jährlich durch Einzonungen zu neuem Bauland gemacht. In einem spannenden Bericht zum Stand der Erschliessung per Ende 2011 kommt die Abteilung Raumentwicklung im Departement Bau, Verkehr und Umwelt (BVU) zu diesem Fazit: 15 Prozent der Aargauer Fläche oder genau 20471 Hektaren sind Bauzonen, davon sind 17576 Hektaren oder knapp 86 Prozent überbaut und nur noch 2895 Hektaren als Reserven verfügbar. Allerdings sind nur zwei Drittel davon wirklich baureif, der Rest ist noch nicht erschlossen. Allein in den Reserve- und Mischzonen (ohne Industriebrachen) «hätten nach einer detaillierten Kapazitätsberechnung 134000 zusätzliche Einwohner Platz». Bei den Industrie- und Gewerbezonen ist ein Viertel nicht überbaut.

80000 zusätzliche Einwohner

Die Kurzfrist-Prognose von Anfang 2012 bis 2026 rechnet mit 80000 zusätzlichen Einwohnern und damit einem Anstieg auf über 700000 Aargauerinnen und Aargauer. Theoretisch könnte man diese Zuwanderer, die meist aus den Nachbarkantonen ins gelobte Wohnland kommen, gut unterbringen. In Wirklichkeit sind aber die Reserven in Aarau, Baden und den Agglomerationen bald erschöpft, ins Zurzibiet und in die abgelegenen Täler will fast niemand (siehe Grafik). Spannend sind auch die Zahlen der Langfristprognose mit plus 145000 Einwohnern von 2008 bis 2035. «Gestützt auf das stärkere Wachstum der letzten Jahre werden wir diese Zahl schon 2013 nach oben korrigieren», sagt Daniel Kolb, Leiter der Abteilung Raumentwicklung. Ohne weitere Einzonungen werde der Aargau das Wachstum nicht verkraften können, aber sie sollen nicht zu einer uferlosen Zersiedlung führen. Unterstützt wird das Bestreben des Bundes, die Bauland-Hortung zu bekämpfen. Oft liegt das blockierte Bauland zentral in der Gemeinde, mit optimaler öV-Erschliessung, während sich neue Bauzonen ins Grünland hinausfressen. Der Aargauer Grosse Rat hat die Regierung beauftragt, «die räumlich erwünschte Siedlungsentwicklung aufzuzeigen.»

Die Einzonungen erfolgen in der Regel auf Kosten von wertvollem Kulturland, das im Aargau besonders fruchtbar ist. Vom Bund besteht die Forderung, mindestens 40000 Hektaren Fruchtfolgeflächen (FFF) langfristig sicherstellen zu müssen. «Noch sind wir per Ende 2011 um 652 Hektaren über diesem Wert», betont Kolb. Aber seit dem Jahr 2001 sind die Fruchtfolgeflächen um volle 236 Hektaren zurückgegangen. Im Mittel waren das 24 Hektaren pro Jahr, doch die Situation hat sich zugespitzt, mit allein 40 Hektaren FFF-Verlust im vorletzten Jahr (für 2012 fehlt die Zahl noch). Das frühere Landwirtschaftsland wird zwar primär durch Wohnsiedlungen beansprucht, ein Teil geht allerdings auch für Infrastrukturbauten und durch Naturschutzflächen verloren.

621398 Personen lebten Ende 2011 im Aargau, die Zunahme von rund 87000 Personen innert 15 Jahren ist mit 16,3 Prozent deutlich über dem Schweizer Mittel von 12,3 Prozent. Anderseits lässt die Zahl von durchschnittlich 47 Einwohnern pro Hektare in den überbauten Wohn- und Mischzonen noch viel Raum für eine Verdichtung. Die Differenzen sind enorm, von weniger als 30 Einwohnern in den ländlichen Regionen, bis zu den Spitzenreitern Neuenhof mit 95 und Spreitenbach mit 111 Einwohnern pro Hektare. Die Kernstädte kommen auf eine hohe Siedlungsdichte, hier wird das Wachstum primär stattfinden. Denn die jungen Leute und immer mehr ältere Menschen drängen in die Zentren.