Vor 50 Jahren

Tage der Angst: Als im Aargau die Seuche ausbrach

Vor 50 Jahren, von Ende November 1965 über den Jahreswechsel bis zum Februar 1966, suchte einer der grössten Maul-und-Klauenseuche-Züge den Aargau heim

Am 21. Oktober 1965 wurde im waadtländischen Brent erstmals seit 40 Jahren wieder ein Fall von Maul- und Klauenseuche (MKS) in der Schweiz registriert. Fünf Wochen später erreichte der Seuchenzug aus der Romandie den Aargau. Auf einem Hof in Gipf-Oberfrick mussten am 27. November 13 Stück Rindvieh und 20 Schweine notgeschlachtet werden.

Einen Tag später suchte die Seuche einen Bauernbetrieb in einer ganz andern Ecke des Kantons, in Brittnau, heim. Die Ansteckung über grössere Distanzen gab Rätsel auf.

Dann herrschte zehn Tage Stille. Aber in dieser trügerischen Ruhe breitete sich das hoch ansteckende Virus mit seiner bis zu siebentägigen Inkubationszeit unbemerkt weiter aus.

Die Maul- und Klauenseuche greift um sich: TV-Beitrag aus der Sendung «Antenne» vom 20. Dezember 1965.

Die Maul- und Klauenseuche greift um sich: TV-Beitrag aus der Sendung «Antenne» vom 20. Dezember 1965.

Ab dem 9. Dezember häuften sich die Fälle. Die Seuchenspur zog sich vorerst durch die südlichen Aargauer Täler, vom Wiggertal ins Suhren- und Wynental, See- und Bünztal bis ins Reusstal. Bis zu zehn Neuinfektionen pro Tag lösten Alarmstimmung aus.

Der Regierungsrat verbot Tiertransporte der Rinder-, Schaf-, Ziegen- und Schweinegattungen sowie die Ausfuhr von Heu, Stroh, Mist, Jauche, landwirtschaftlichen Werkzeugen und Geräten.

Starke Einschränkungen

Der landwirtschaftlichen Bevölkerung wurde die Teilnahme an Anlässen und Reisen untersagt. Metzger, Viehhändler, Klauenschneider und Hausierer durften landwirtschaftliche Gehöfte nicht betreten.

In den ländlichen Gegenden wurden an Dorfeingängen und -ausgängen, auf Hausplätzen und vor Geschäften Sägemehlteppiche mit Desinfektionslaugen ausgebreitet. In Wohlenschwil standen neben einer betroffenen Bauernfamilie 28 Personen eines Vierfamilienhauses unter Quarantäne. Etliche Gemeinden verschoben ihre Budgetgemeindeversammlungen.

Weihnachtsveranstaltungen wurden abgesagt. Weihnachtspakete und andere Postsendungen aus Seuchengebieten galten als gefährlich.

Eine noch nie dagewesene Schutzimpf-Aktion hob an. Die Gesundheitsbehörden versuchten den östlichen Kantonsteil durch einen Impfgürtel vom Seetal über Lenzburg, Brugg bis ins Limmattal zu schützen. Aber die Seuche übersprang die Pufferzone. Und weil die Vakzination erst nach 10 bis 14 Tagen wirkte, erkrankten sogar geimpfte Tierbestände.

Bis Ende 1965 waren alle elf Bezirke von der MKS betroffen. Am Silvestertag traf es auch den Gutsbetrieb von Bad Schinznach mit 67 Tieren. Engpässe bei Transportmitteln, Schlachtmöglichkeiten und Anlagen zur Vernichtung der enormen Mengen Konfiskate vergrösserten das Problem. Vorübergehend wurden nicht mehr ganze Bestände, sondern nur noch Tiere gekeult, bei denen die Krankheit sichtbar ausgebrochen war. Das führte zu weiteren Verschleppungen.

Eine auffällige Seuchen-Achse

Die Seuchenfälle konzentrierten sich schliesslich auffallend auf der Achse Oftringen-Wettingen, entlang der damaligen Hauptverbindung Bern–Zürich, wo die meisten Viehtransporte in den Schlachthof Zürich stattfanden (die A1 war noch nicht durchgehend eröffnet). So traf es Orte wie Oberentfelden, Othmarsingen, Mägenwil, Mellingen und vor allem Fislisbach, wo die Schule vorübergehend geschlossen wurde.

Das nährte den – nicht erhärteten – Verdacht, die Seuche könnte auch noch durch undichte Transportfahrzeuge verbreitet worden sein. Erst nach Neujahr reduzierte sich die Hektik an der Seuchenfront allmählich. Aber noch am Sonntagabend des 16. Januar wurden die Gäste des Restaurants Kurve in Unterwindisch aufgefordert, das Lokal sofort zu verlassen, weil bei Tieren im wirtshauseigenen Schweinestall die Seuche ausgebrochen war.

Der grosse Seuchenzug verursachte Millionenschäden. Bund und Kanton vergüteten zwar 90 Prozent der Tierschatzungssumme. Neben dem Selbstbehalt von 10 Prozent hatten betroffene Landwirte den zwei- bis dreimonatigen Ausfall der Milcheinnahmen sowie die Remontierungskosten ihrer Tierbestände zu tragen.

Darum starteten die Aargauische Landwirtschaftliche Gesellschaft und ein Komitee unter dem Vorsitz von Gesundheitsdirektor und SP-Regierungsrat Adolf Richner eine Hilfsaktion, die eine breite Solidaritätswelle auslöste. Seit 1966 gab es im Aargau nur noch selten Fälle von Maul- und Klauenseuche.

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