Tag der Arbeit
1. Mai dieses Jahr wieder auf der Strasse: SP und Gewerkschaften kritisieren tiefe Löhne und fordern eine soziale Wende

Nach dem rein digital durchgeführten Tag der Arbeit im Coronajahr 2020 finden diesen Samstag im Aargau wieder Aktionen auf der Strasse statt. Es sei wichtig, am 1. Mai öffentlich präsent zu sein und sich für höhere Löhne und mehr Service public einzusetzen, sagt Silvia Dell'Aquila, die Präsidentin des Aargauischen Gewerkschaftsbundes.

Fabian Hägler
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Silvia Dell'Aquila, Präsidentin des Aargauischen Gewerkschaftsbundes, setzt sich gegen die zunehmende Lohnungleichheit ein.

Silvia Dell'Aquila, Präsidentin des Aargauischen Gewerkschaftsbundes, setzt sich gegen die zunehmende Lohnungleichheit ein.

Bild: Iris Krebs

Im letzten Jahr machte die erste Welle der Coronapandemie die traditionellen Umzüge, Feiern und Ansprachen zum Tag der Arbeit vor Publikum unmöglich. Stattdessen trafen sich Gewerkschafterinnen, linke Politiker und Sympathisanten am 1. Mai 2020 zu digitalen Anlässen. Sie forderten unter anderem mehr Lohn für Angestellte in systemrelevanten Berufen – also zum Beispiel in der Pflege, im Transportwesen, in der Logistik oder bei Lebensmittel-Grossverteilern.

Derzeit sind politische Kundgebungen trotz Pandemie erlaubt, und so können übermorgen Samstag die 1.-Mai-Feiern im Aargau wieder auf der Strasse stattfinden. Gerade in diesem Jahr sei es für die Gewerkschaften besonders wichtig, sich für mehr Rechte und Gerechtigkeit einzusetzen, schreibt Silvia Dell'Aquila, die Präsidentin des Aargauischen Gewerkschaftsbundes, in einer Mitteilung.

Gewerkschaften diskutierten lange, ob Aktionen auf der Strasse richtig sind

Schweizweit werden dieses Jahr am 1. Mai unter dem Motto «Zeit für die soziale Wende» zahlreiche Demos, Umzüge, Kundgebungen und Online-Veranstaltungen durchgeführt. Feiern am Tag der Arbeit mit mehreren hundert Teilnehmenden, und das während der Pandemie? «Wir haben diese Frage lange diskutiert und sind zum Schluss gekommen, dass es wichtig ist, auf der Strasse präsent zu sein und die Forderungen der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer zu vertreten», sagt Dell'Aquila auf Nachfrage.

Im Vergleich zu früheren Jahren wurden die Umzüge und Kundgebungen in Aarau und Baden aber verkürzt, zudem gelten Maskenpflicht und Abstandsregeln für alle Teilnehmenden. «Wir werden strikt darauf achten, dass diese Vorgaben eingehalten werden», kündigt SP-Grossrätin Dell'Aquila an. In Brugg, Wohlen und Zofingen wurden die Feiern, die zum Teil in Innenräumen geplant waren, aufgrund der Pandemie dieses Jahr abgesagt.

Mindestlohn und Grundeinkommen als Lösungen?

Zu den Forderungen der Gewerkschaften am 1. Mai sagt sie: «Ein wichtiges Thema ist die Lohnungleichheit zwischen Angestellten mit niedrigem Einkommen und Managern mit steigenden Salären und Boni.» Im letzten Jahr habe sich gezeigt, dass es für Menschen mit tiefen Löhnen sehr schwierig werde, «wenn sie in Kurzarbeit sind und nur 80 Prozent ihres ohnehin schon niedrigen Gehalts bekommen».

Deshalb müsse man über ein Grundeinkommen für alle diskutieren, aber auch ein kantonaler Mindestlohn müsse Thema sein. «Das ist ein Anliegen, das wir vom Aargauischen Gewerkschaftsbund und von Arbeit Aargau schon länger verfolgen», sagt Dell'Aquila. Bereits heute Donnerstag wird am SP-Parteitag über eine Resolution für einen kantonalen Mindestlohn diskutiert. Stimmen die Genossinnen und Genossen zu, soll eine entsprechende Volksinitiative lanciert werden.

Kritik an Lohnungleichheit: Wer wenig verdient, leidet in der Krise stark

Gemäss Schätzungen des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes ist der Lohn von Angestellten der untersten Einkommensklassen – mit Gehältern bis zu 4000 Franken brutto – in der Krise um rund 300 Franken pro Monat gesunken. Anders bei den oberen Einkommensklassen: Wer mehr als 10'000 Franken verdient, bei dem kamen laut Gewerkschaftsbund weitere 300 bis 400 Franken im Monat dazu. Zudem profitierten Leute mit hohen Einkommen von besseren Arbeitsbedingungen und mehr Schutz. Dell'Aquila kritisiert:

«Dabei wurde in der Krise eigentlich klar, wer die Schweiz am Laufen hält: Nicht die Anzugträger in den Chefetagen, sondern die unterbezahlte Pflegekraft, die Verkäuferin, der Postbote, die Reinigungskraft, der Kleinkinderzieher, die Logistikerin und andere Berufsleute, die wenig Ansehen, schlechte Löhne und Arbeitsbedingungen haben.»

Was die Krise aus Sicht der Gewerkschaften auch klarmacht: wie wichtig soziale Sicherungssysteme sind und was der Service public leistet. «Diesen gilt es auszubauen und nicht wie in den letzten Jahren immer weiter auszuhöhlen», fordert Dell'Aquila. Der diesjährige 1. Mai sei geprägt von der Hoffnung, dass die soziale Wende möglich sei.

Fünf Kundgebungen und zwei Demonstrationen im Aargau

Vertreten werden diese Forderungen am Tag der Arbeit im Aargau an insgesamt fünf Kundgebungen und zwei Demonstrationen, die in Aarau und Baden stattfinden. In der Mitteilung des Gewerkschaftsbundes werden die Reden von Katharina Prelicz-Huber, Präsidentin VPOD Schweiz und Grünen-Nationalrätin, von Natascha Wey, stv. Generalsekretärin VPOD Schweiz, von Silvia Dell’Aquila, Präsidentin AGB und SP-Grossrätin, von Irène Kälin, Präsidentin Arbeit Aargau und Grünen-Nationalrätin, und von Lelia Hunziker, Präsidentin VPOD Aargau und SP-Grossrätin, als Highlights bezeichnet.

Zur Frage, ob es Zufall ist, dass die überwiegende Mehrheit der Reden von Frauen gehalten wird, sagt Silvia Dell'Aquila: «Ja, das ist tatsächlich ein Zufall, wir haben nicht bewusst ausschliesslich Frauen für die Ansprachen angefragt, auch wenn 2021 die Einführung des Frauenstimmrechts vor 50 Jahren gefeiert wird.» Vielleicht habe diese Konstellation unbewusst dazu geführt, dass mehr Frauen auftreten, aber es gebe auch dieses Jahr mehrere Männer, die am 1. Mai im Aargau eine Rede halten.