Asylunterkunft Suhr
Syrische Asylsuchende schwanken zwischen Frust, Freude und Verzweiflung

Dieter Haefeli und Marcel Thueler-Uhr betreuen die Asylsuchenden in der Unterkunft in Suhr – es sind 80 Prozent Syrer. Sie erleben in der Asylunterkunft traurige Dinge, die es schwierig machten, abends abschalten zu können.

Aline Wüst
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Ahmad Hannan (40) aus Syrien und seine 72-jährige Zimmernachbarin Favzia Jawad, die ebenfalls aus Syrien kommt.

Ahmad Hannan (40) aus Syrien und seine 72-jährige Zimmernachbarin Favzia Jawad, die ebenfalls aus Syrien kommt.

Aline Wüst

Ahmad Hannan kommt aus Syrien. Er war Lehrer. Heute ist er Asylbewerber.

Er wohnt im ehemaligen Schwesternhaus, der Asylunterkunft in Suhr. Hannan ist krank. Er muss dreimal wöchentlich an die Dialyse.

Seine Ehefrau ist noch in der Türkei. Er zeigt ein Foto – eine lachende Frau.

Er hofft, dass sie bald wieder zusammen sind. In seinem Zimmer trinkt gerade Favzia Jawad einen Kaffee. Die 72-jährige Frau ist ebenfalls aus Syrierin. Sie sagt «Syria» und fasst sich ans Herz. Sie sagt «Syria» und macht eine Bewegung, als ob ihr die Kehle durchgeschnitten würde.

In der Asylunterkunft in Suhr leben zurzeit 80 Asylsuchende, 80 Prozent sind Syrer. Sie leben auf verschiedenen Stockwerken.

Am Morgen putzen sie ihr Zimmer, trinken Kaffee. Die Kinder spielen mit einem Ball im breiten Flur. In diesen Zimmern leben Anwälte, Unternehmer oder eben Lehrer wie Hannan. Denn wer es aus Syrien bis in die Schweiz geschafft hat, der gehörte meist zur höheren Gesellschaftsschicht.

Weiter unten im siebten Stock haben die Betreuer Dieter Haefeli und Marcel Thueler-Uhr ihr Büro. Hierher kommen die Bewohner des Hauses mit all ihren Fragen. Gerade eben steht eine junge Mutter da, sie fragt nach Salbe für ihr Kind, das wilde Blattern hat.

Vater, Bruder, Polizist und Arzt

Die beiden Betreuer schauen, dass in der grossen Wohngemeinschaft kein Chaos ausbricht. Sie seien Vater, Bruder, Polizist und Arzt in einem.

Für die Asylsuchenden sind sie ausserdem oft schlicht «die Schweiz». Vor den Betreuern gehen sie auf die Knie vor Freude, wenn der Asylantrag angenommen wurde und die Betreuer bekommen den Frust zu spüren, wenn der Entscheid negativ ist.

Müssen sich dann schon mal anhören, dass sie Rassisten seien – nicht von den Asylsuchenden im Schwesternhaus, aber sie hätten das in anderen Unterkünften oft erlebt.

Die Betreuer erklären den Bewohnern das System in der Schweiz – so gut das eben geht, wenn man unterschiedliche Sprachen spricht.

Hauptsächlich kümmern sie sich ums Administrative, schauen auch, dass die Termine eingehalten werden. Zum Beispiel beim Arzt. Für viele Kulturen sei es unverständlich, pünktlich dort zu sein, wenn man dann im Wartezimmer doch wieder eine halbe Stunde warten müsse, sagt Haefeli.

Die Betreuer erleben Freude und Verzweiflung im Alltag der Bewohner des Hochhauses. Zum Beispiel bei Syrern, die jetzt mit ihrer Familie in zwei kleinen Zimmern leben, in Syrien ein grosses Haus mit Umschwung hatten und nicht selten Chef einer Firma mit 50 Angestellten waren.

Häfeli sagt: «Sie grübeln viel nach über ihre Situation und darüber, wie es weitergehen soll.»

Thueler erzählt von einer jungen Syrerin, die ein richtiger Sonnenschein sei, ihnen mit Übersetzungen helfe, die dann kürzlicher, als keine anderen Asylsuchende anwesend waren, plötzlich so niedergeschlagen war und sagte: «Ich muss mich so anstrengen, nicht zu verzweifeln. Ich hatte einst so ein gutes Leben in Syrien, ich arbeitete an der Uni, hatte viele Freunde.»

Häfeli sagt: «Die Asylsuchenden haben erlebt, wie ihnen die Welt über dem Kopf zusammengebrochen ist. Nun sind sie hier, wo niemand auf die gewartet hat.»

Die Betreuer raten ihnen, raus zu gehen an die frische Luft, sich die Gegend anzusehen. Manche würden sich das aber nicht trauen.

Dann wiederum gebe es Kinder, die den ganzen Tag weinen – wohl, weil sie Schlimmes erlebt hätten, sagt Thueler.

Es gebe schon sehr, sehr schwere Momente, sagt der Betreuer und erzählt dann von den Frauen, oft aus Afrika, die nach einer Vergewaltigung auf der Flucht schwanger in der Schweiz ankommen.

Die Zerrissenheit dieser Frauen vor der Geburt des Kindes zu erleben, das gehe auch ihm sehr nah und es falle in solchen Momenten schwer, abends abzuschalten.

Bei all dem Schweren brauche es darum für alle im Haus auch die unbeschwerten Momente: Ein Ping-Pong-Match, bei dem die Spieler für einen Moment sportliche Gegner und nicht Flüchtlinge seien, das Plaudern über einen Fussballmatch, das Schmunzeln über Missverständnisse und das Lachen der Kinder im Haus.