Der Kommentar auf Facebook zielt auf die Person. Über ein Foto von CVP-Grossrätin Marianne Binder schrieb SVP-Ratskollege Andreas Glarner: «Falls tatsächlich kein Photoshop verwendet worden ist, kommt mir ein Spruch in den Sinn: Es gibt Frauen, die machen für ihr Äusseres Dinge, für die ein Gebrauchtwagenhändler ins Gefängnis käme ...»

Der Post von Andreas Glarner.

Der Post von Andreas Glarner.

Marianne Binder mag sich dazu nicht gross äussern. Sie sagt lediglich: «Wenn Herr Glarner meint, er müsse so politisieren, ist das sein Problem. Ich führe die Debatte auf der inhaltlichen Ebene. Dafür bin ich gewählt.» Deutlichere Worte findet ihr Fraktionspräsident Peter Voser: «Ich finde das völlig daneben, das hat mit Politik nichts zu tun.» Er hoffe, dass diese Angriffe im Aargau nicht zum Normalfall würden: «Das wäre eine Katastrophe.» In der CVP würde dies nicht toleriert, sagt Voser. «Wir haben eine andere Kultur.»

Andreas Glarner steht zu seinem Facebook-Kommentar. «Im Wahlkampf ist viel zulässig. Schliesslich heisst es Wahlkampf, nicht Wahlstreicheln. Mit solchen Sprüchen muss eine Politikerin leben können.» Um Aufmerksamkeit, sagt er, gehe es ihm dabei nicht. Wichtig sei, dass man sich danach die Hand reichen und gemeinsam ein Bier oder ein Glas Wein trinken könne. Der SVP-Fraktionspräsident ist in der Vergangenheit schon mehrmals mit provokativen Äusserungen aufgefallen. Susanne Hochuli deckt er immer wieder mit heftiger Kritik ein, jüngst nannte er die Regierungsrätin eine «rot-grüne Irrläuferin», die es zu stoppen gelte.

2009 nahm er den damaligen CVP-Regierungsrat Rainer Huber ins Visier. Die Kampagne «Keiner wählt Rainer» zeigte schreiende Kinder, dazu den Satz «Aargauer Kinder sind erschüttert: Rainer Huber kandidiert nochmals ...» Kurz darauf zeigte sich: Hinter der anonymen Aktion steckten Andreas Glarner und der damalige FDP-Grossrat Urs Haeny. Letzterer trat von seinen Parteiämtern zurück, nachdem ihn seine Partei dazu aufgefordert hatte, die Verantwortung für sein Handeln zu übernehmen. Glarner hat das Plakat noch heute auf seiner Website aufgeschaltet – «etwas teuer, aber hochwirksam», lautet sein Kommentar dazu.

Wirksam dürfte auch die letzte Kampagne der Juso gewesen sein, zumindest die Aufmerksamkeit war ihr gewiss: «Bschisser-Brogli» nannten die Jungpolitiker den Finanzdirektor im Vorfeld der Abstimmung über das Sparpaket und versahen ihn mit einer Pinocchio-Nase. Broglis CVP reagierte empört auf die Juso-Aktion: «Stil- und niveauloser Club», «Kindergartenkampagne», liessen sich Parteikollegen verlauten. Und Brogli selbst sagte in einem Interview mit der «Aargauer Zeitung»: «Dies ist eine Stilfrage. Dieser Stil beruht auf Provokation.»

So wurde Roland Brogli von den Juso auf Facebook dargestellt. ZVG

So wurde Roland Brogli von den Juso auf Facebook dargestellt. ZVG

«Die Versuchung ist gross, durch provokative Äusserungen Aufmerksamkeit zu erzeugen», sagt Daniel Kübler, Direktor des Aarauer Zentrums für Demokratie (ZDA). Allerdings sei dies ein zweischneidiges Schwert: Einerseits lasse sich so kurzfristig Aufmerksamkeit erzeugen, andererseits erreiche in der direkten Demokratie auf Dauer nichts, wer nur auf die Person ziele. Auch deshalb glaubt Kübler nicht daran, dass sich dieser Stil durchsetzen wird.

Juso-Präsident Sascha Antenen findet die Brogli-Kampagne auch mit Blick zurück «absolut legitim» – trotz teils heftiger Kritik. «Die Provokation war schon immer ein Stilmittel der Juso. So zu politisieren, ist unsere Aufgabe.» Einerseits liessen sich auf diese Weise mehr junge Menschen ansprechen. Andererseits müssten Jungparteien darum kämpfen, wahrgenommen zu werden. Auch deshalb findet Antenen: «Bei Jungparteien liegt mehr drin als bei etablierten Parteien.» Doch für Antenen steht fest, Provokationen bringen nur etwas, wenn sie gezielt eingesetzt werden. «Wer zu häufig provoziert, wird irgendwann nicht mehr ernst genommen.»

Die Aargauer Nationalrats-Kandidaten der SVP – unter ihnen Andreas Glarner – nahmen am Samstag übrigens an einer Schulung teil. Ein Programmpunkt: der Umgang mit Facebook und Twitter.