Wahlkampf
SVP Aargau setzt nicht auf Intellektuelle, sondern vertraut auf Wachhund Willy

Ist die SVP noch eine Bauernpartei? Die SVP Zürich setzt für die nationalen Wahlen auf Intellektuelle. Im Aargau jedoch sollen bei der Kandidatenauswahl akademische Titel keine Rolle spielen – offenbar beschränkt sich der Köppel-Effekt auf Zürich.

Fabian Hägler
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Bei der Nominationsversammlung trugen alle Kandidatinnen und Kandidaten der SVP für den Nationalrat einen Plüsch-Willy – das Maskottchen ist Intellektuellen gegenüber kritisch.

Bei der Nominationsversammlung trugen alle Kandidatinnen und Kandidaten der SVP für den Nationalrat einen Plüsch-Willy – das Maskottchen ist Intellektuellen gegenüber kritisch.

Alex Spichale

Für die nationalen Wahlen setzt die SVP im Kanton Zürich auf Intellektuelle. Rechtsprofessor Hans-Ueli Vogt kandidiert für den Ständerat.

«Weltwoche»-Chefredaktor und -Verleger Roger Köppel, der sein Studium der Politischen Philosophie und Wirtschaftsgeschichte mit dem Lizenziat abschloss, will für die SVP in den Nationalrat.

2012 rückte Gregor Rutz, ein studierter Jurist, in die grosse Kammer nach. Schon deutlich länger dauert die Politkarriere von Christoph Mörgeli – der Medizinhistoriker sitzt seit 1999 im Nationalrat.

Unter den 16 Kandidaten auf der Nationalratsliste der SVP Aargau finden sich hingegen nur zwei Akademiker: Dr. iur. Maximilian Reimann und Rechtsanwalt Luzi Stamm, der zudem auch ein Wirtschafts-Studium abgeschlossen hat.

Wahlkampfleiter Werner Laube sagt: «Ob ein möglicher Kandidat einen akademischen Titel besitzt oder nicht, war bei der Auswahl kein Kriterium.»

Vielmehr habe man darauf geachtet, dass die Wahlliste ausgewogen besetzt sei, was Geschlecht, Wohnort, Beruf und Alter der Kandidierenden betrifft. «Das sind die traditionellen Kriterien, die uns bisher zum Erfolg verholfen haben», hält Laube fest. Dies bestätigt Rolf Jäggi, Mitglied der Findungskommission für die Nationalratskandidaten, im Bericht an den Nominationsparteitag.

Von intellektuellen SVP-Kandidaten ist dort nicht die Rede, hingegen sollen die «verschiedenen Berufsgruppen, wie zum Beispiel die Landwirtschaft oder die KMU, auf der Liste vertreten sein».

Ziel: Zusätzlicher Sitz

Ein Ziel der SVP ist es, bei den Nationalratswahlen im Herbst den zusätzlichen Sitz zu holen, den der Aargau wegen des Bevölkerungswachstums erhält.

Müsste die SVP dafür nicht Wählerkreise ansprechen, die bisher andere Parteien bevorzugten? Und dafür auch stärker auf Intellektuelle setzen, wie dies die Volkspartei in Zürich tut?

«Ich glaube nicht, dass dies in Zürich wirklich ein Trend ist», sagt Wahlkampfleiter Laube. Wenn unter den 35 Kandidaten auf der Liste im Nachbarkanton eine Handvoll «Studierter» sei, könne nicht die Rede davon sein, dass die SVP ihre Ausrichtung geändert habe.

Laube ergänzt mit Blick auf die SVP Aargau: «Wir sind keine Akademiker-Partei.» Um neue Wähler anzusprechen, setze man nicht zusätzliche Intellektuelle auf die Liste. «Wir haben aber den Stil geändert und treten heute moderater und gemässigter auf als noch vor vier Jahren», sagt Laube.

Wohl habe es auf der Nationalratsliste auch Hardliner wie Andreas Glarner, der mit umstrittenen Plakaten und markigen Aussagen provoziert.

Gerade bei Ständeratskandidat Hansjörg Knecht, der explizit nicht als «Polteri», sondern als kompromissbereiter Sachpolitiker auftritt, zeige sich aber das neue Profil der Volkspartei.

«Ich bin überzeugt, dass Hansjörg Knecht für breite Kreise wählbar ist», sagt Laube. Dafür sei nicht entscheidend, ob ein Kandidat einen akademischen Abschluss habe, sondern ob er sich volksnah präsentiere und die aktuellen Probleme der Menschen angehe.

«Ich wünschte mir zwei bis drei Köppels auf der Aargauer SVP-Nationalratsliste»

Nicht zufrieden mit der Nationalratsliste der SVP Aargau ist ausgerechnet ein Intellektueller. Gregor Biffiger, ehemaliger Grossrat und Jurist, schrieb auf Facebook: «Ich wünschte mir zwei bis drei Köppels auf der Aargauer SVP-Nationalratsliste.» Auf seinen Eintrag angesprochen, erklärt der Bezirksrichter: «Es kann nie genügend Intelligenz in einer Partei haben.»

Biffiger sagt, ihm gehe es nicht primär darum, mehr Intellektuelle auf der Liste zu haben. «Ich wünsche mir aber mehr neue, starke Kandidaten, die langjährige Sesselkleber verdrängen.»

«Branchen-Lobbyisten und reine Vertreter spezifischer Altersgruppen» gehörten aus seiner Sicht nicht auf die Nationalratsliste.

Obwohl Biffiger keinen Namen nennt, ist klar, dass er Maximilian Reimann meint. An der SVP-Nominationsversammlung vor gut zwei Monaten scheiterte ein Antrag klar, den 72-Jährigen auf der Liste durch den 47-jährigen Roger Fricker zu ersetzen.

Doch weshalb kandidiert Biffiger nicht selber für den Nationalrat? Mit seinen 53 Jahren wäre der frühere Grossrat rund zehn Jahre jünger als die aktuelle SVP-Vertretung aus dem Aargau.

Zudem trägt Biffiger den Titel lic. iur., ist also ein Akademiker. Dennoch kommt eine Kandidatur für ihn nicht infrage. «Ich bin geschäftlich derart stark engagiert, dass ein Nationalratsmandat nicht möglich ist», erläutert Biffiger.

Somit wird sich der Intellektuellen-Anteil bei der SVP Aargau nicht erhöhen. Reimann und Stamm, die beiden Juristen, treten nämlich als Bisherige wieder an.

Dies gefällt zumindest Parteimaskottchen Willy: Der Plüsch-Wachhund, mit dem alle Kandidierenden am Parteitag auf die Bühne traten, bellte kürzlich auf Facebook freudig, als eine Umfrage zeigte, dass sich 72 Prozent der Deutschen mehr Volksentscheide wünschen.

Nur um im nächsten Satz laut knurrend zu bemerken: «Umso absurder sind die andauernden Äusserungen schweizerischer Intellektueller und Staatsangestellter, die unsere direkte Demokratie als ein Problem ansehen.»