Nach der Rücktrittsankündigung von Susanne Hochuli (Grüne) und Roland Brogli (CVP) werden zwei Sitze in der Aargauer Regierung frei. Markus Dieth (CVP) und Franziska Roth (SVP) waren bisher die offziellen Kandidaten, welche neu in den Regierungsrat gewählt werden möchten. Seit heute Donnerstag bewirbt sich mit Robert Obrist (Grüne) ein dritter Kandidat um die zwei Sitze.

«Ich werde mich für eine grüne Wirtschaft einsetzen»: Grünen-Kandidat Roland Obrist am Donnerstag nach seiner Nomination.

«Ich werde mich für eine grüne Wirtschaft einsetzen»: Grünen-Kandidat Roland Obrist am Donnerstag nach seiner Nomination.

Damit nicht genug. Via Twitter kündigt die BDP an, möglicherweise ebenfalls einen Kandidaten ins Rennen zu schicken. Das würde die Ausgangslage noch spannender und den Ausgang der Wahlen noch ungewisser machen.

BDP will SVP-Kandidatin verhindern

Roland Basler, Präsident der BDP Aargau, sagt auf Anfrage: "Der Tweet ist nicht von mir, möglicherweise hat ihn unser Nationalrat Bernhard Guhl geschrieben." Allerdings überlege sich die BDP tatsächlich eine eigene Kandidatur. "Wir haben schon früher erste Überlegungen angestellt für den Fall, dass Frau Hochuli nicht mehr antreten würde", sagt Basler. Eine konkrete Kandidatur gebe es noch nicht, doch nun werde man parteiintern rasch geeignete Personen angehen. "Wir werden umgehend eine Sitzung der Parteileitung durchführen und dann eine Findungskommission bilden", kündigt Roland Basler an.

Damit ist auch klar, dass die BDP bei den Regierungsratswahlen nicht die SVP-Kandidatin Franziska Roth unterstützen wird - ganz im Gegenteil. "Zuerst einmal geht es darum, zu verhindern, dass Frau Roth im ersten Wahlgang gewählt wird", sagt Basler. Insbesondere nach ihren letzten Äusserungen zum Bildungsbereich - Roth forderte unter anderem grössere Klassen und eine Rückkehr zum Schulsystem, wie es vor 30 Jahren galt - sei die SVP-Frau für die BDP unwählbar. "Wir wollen deshalb eine bürgerliche Alternative bieten, mit einer Kandidatur aus der Mitte", hält Roland Basler fest.

Auch GLP liebäugelt mit eigener Kandidatur

«Erst durch die Presse haben wir erfahren, dass Susanne Hochuli nicht mehr antritt», schreiben die Grünliberalen Aargau in einer Medienmitteilung. «Wir sind befremdet, dass dieser Entscheid erst kurz vor dem Meldetermin zu den Wahlen von Susanne Hochuli kommuniziert worden ist.» Zu Hochulis Amtszeit selber äussert sich die GLP positiv: «Wir bedauern diesen Schritt, wir bedanken uns für Ihren Einsatz, denn sie hatte in ihrer aktiven Zeit als Regierungsrätin keine einfache Aufgabe.»


Die Geschäftsleitung der glp Aargau werde in den nächsten Tagen eine eigene Kandidatur prüfen, kündigt die Partei an. «In diese Überlegungen werden wir aber auch noch das Verhalten anderer Parteien einbeziehen.»

SP hat schon Kandidaten-Gespräche geführt

Elisabeth Burgener, Co-Präsidentin der SP, ist in London, als die az sie erreicht. Burgener sagt: «Wir bedauern den Entscheid von Susanne Hochuli, sie war eine politische Partnerin für die SP.» Obwohl auch die Sozialdemokraten erst am Donnerstag vom Verzicht erfuhren, haben innerhalb der Partei bereits Gespräche stattgefunden. «Wir haben kompetente Kandidaten in unseren Reihen und müssen nun entscheiden, welche Strategie wir verfolgen», sagt Burgener.

Ziel sei es, einen Rechtsrutsch in der Regierung zu verhindern und die beiden linken Sitze zu verteidigen. «Ob wir dies besser durch eine Unterstützung von Robert Obrist oder mit einer zweiten eigenen Kandidatur neben Urs Hofmann, oder mit einer Kombination davon erreichen können, werden wir nächste Woche im Vorstand besprechen», blickt Burgener voraus.

EVP-Grossrätin Lilian Studer kritisiert Hochuli für den Zeitpunkt ihrer Rücktrittsankündigung als "unseriös". In einem weiteren Tweet schrieb sie, «dieser Entscheid hätte früher kommen müssen #Steilpass für die SVP Kandidatin». Trifft dies wirklich zu, ist Franziska Roth nach Hochulis Verzicht schon fast im Regierungsrat?

SVP-Präsident: "Nie an Hochuli orientiert"

«Keineswegs», sagt SVP-Kantonalpräsident Thomas Burgherr, «ich bin zwar überrascht über diesen Entscheid, weil Frau Hochuli immer noch motiviert gewirkt hat auf mich, aber für uns hat sich die Ausgangslage für den Wahlkampf nicht geändert». Es sei zwar leichter, einen vakanten Sitz zu erobern, als ein amtierendes Regierungsmitglied bei den Wahlen zu überflügeln, doch die SVP habe sich nie an Hochuli orientiert.

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Nach den nationalen Wahlen im letzten Herbst klang dies noch ganz anders, damals sagte Burgherr, ein Angriff auf einen zweiten Sitz im Regierungsrat könne sich nur gegen Hochuli richten. Nun gibt sich der SVP-Präsident zurückhaltender und hofft auf Unterstützung der Freisinnigen. «Wir werden in den nächsten Tagen das Gespräch mit der FDP suchen, dies mit dem Ziel, eine bürgerliche Allianz für die Wahlen aufzugleisen», sagt er.

Anna Wartmann, die Präsidentin der Jungfreisinnigen im Aargau fragt auf Twitter, ob der Entscheid von Hochuli eine Chance für die Bürgerlichen sein könnte. Matthias Jauslin, FDP-Kantonalpräsident und Nationalrat, ist enttäuscht, dass die Grünen-Regierungsrätin nicht mehr antritt.

«Offenbar ist sie nicht bereit, die Probleme in ihrem Departement zu lösen und insbesondere im Gesundheits- und Flüchtlingswesen nun Resultate bei jenen Projekten zu liefern, die sie aufgegleist hat.» Er hätte erwartet, dass Hochuli dies trotz schwieriger Ausgangslage durchziehe und nicht jetzt, «wo zum Beispiel das Konzept der Grossunterkünfte für Asylbewerber vor der Umsetzung steht, einen Rückzieher macht».

FDP-Präsident: "Grüne tun mir leid"

Jauslin tun die Grünen leid, die nun mit Robert Obrist kurzfristig eine neue Kandidatur aufbauen müssten «und es scheinbar nicht mehr schaffen, eine Frau aus dem Hut zu zaubern». Für die FDP biete die neue Ausgangslage mit zwei vakanten Sitzen mehrere Optionen, sagt Jauslin. «Für diesen Fall haben wir uns schon Gedanken gemacht und werden die Varianten am 9. August an der Sitzung des Geschäftsleitungs-Ausschusses nochmals abwägen.» Dies sei schon länger geplant, die Freisinnigen würden nach Hochulis Entscheidung nun nicht in Aktivismus verfallen.

«Ganz klar im Vordergrund steht für uns die Wiederwahl unseres Regierungsrats Stephan Attiger», betont Jauslin. Angesprochen auf eine mögliche zweite FDP-Kandidatur oder eine bürgerliche Allianz, gibt sich Jauslin bedeckt. «Weitergehende Entscheidungen sind schlussendlich dem Parteitag, der vor dem Meldeschluss für die Regierungsratswahlen stattfindet, vorzulegen.» Er hält aber fest, Franziska Roth sei ausserhalb der SVP nicht unumstritten. Jauslin macht deutlich: «Insofern muss die SVP-Kandidatin endlich aktiv in den Wahlkampf einsteigen, ansonsten wird ein zweiter Wahlgang unumgänglich.»

CVP wohl nur mit Einerkandidatur

CVP-Präsidentin Marianne Binder ist irritiert über Hochulis späten Entscheid. «Es ist aus meiner Sicht ziemlich verantwortungslos, zu diesem Zeitpunkt den Verzicht bekannt zu geben», sagt sie. Binder ergänzt: «Man kann von Frau Roth halten, was man will, aber immerhin hat die SVP mit ihrer Nomination früh für klare Verhältnisse gesorgt.» Anders, als beim grünen Kandidaten Robert Obrist, habe die Bevölkerung bei der SVP-Frau immerhin die Möglichkeit gehabt, «sich mit der Person auseinanderzusetzen».

Binder lässt durchblicken, dass die CVP keine zweite Kandidatur aufstellen wird. «Wir konzentrieren uns auf die Wahl von Markus Dieth, mit ihm wollen wir den Sitz von Roland Brogli verteidigen.» Besprochen wird die neue Ausgangslage bei der CVP an einer Parteileitungssitzung in zwei Wochen, dann wird auch eine mögliche bürgerliche Allianz zur Sprache kommen. «Es war immer klar, dass wir für eine Abwahl-Aktion nicht zur Verfügung stehen, aber nun präsentiert sich die Situation mit zwei freien Sitzen anders», sagt Binder.