Ich bin dann mal unterwegs. Das steht auf der Homepage von Susanne Hochuli, die nach acht Jahren im Aargauer Regierungsrat im Januar 2017 zu einem langen Fussmarsch an die Ostsee aufbrach. Nun ist klar, wohin ihr Weg führt: nicht zurück in die Politik, sondern an die Spitze von Greenpeace.

Frau Hochuli, sind Sie am Trainieren, damit Sie sich bei der nächsten Greenpeace-Aktion von einem Atomkraftwerk abseilen können?

Susanne Hochuli: Ich gehe oft in die Berge und seile mich dort auch gelegentlich ab, insofern müsste ich dies nicht gross üben. Man ist ja nie ungesichert, weder in den Bergen noch als Greenpeace-Aktivistin, ich würde mir dies also durchaus zutrauen.

Aber als Stiftungsratspräsidentin von Greenpeace werden Sie kaum an solchen Aktionen teilnehmen?

Nein, bei Greenpeace steht die Präsidentin nicht im Vordergrund. Sie ist auch bei Einsätzen der Aktivistinnen und Aktivisten nicht dabei, wobei ich deren Beweggründe achte und sehr gut nachvollziehen kann.

Stehen Sie hinter den Greenpeace-Aktionen im Aargau, bei denen es ja auch Strafbefehle oder Gerichtsverfahren gegen Aktivisten gab?

Wenn man Stiftungsratspräsidentin von Greenpeace wird, weiss man, dass im Namen dieser Organisation gelegentlich Aktionen im Graubereich der Legalität durchgeführt werden. Wichtig ist für mich, dass Greenpeace frei von Privatinteresse für den Schutz von Mensch und Natur auftritt, dies gewaltfrei und respektvoll gegenüber Andersdenkenden. Die Organisation ist nicht verletzend in ihren Aussagen, wie es sonst in der Schweizer Politik oft vorkommt.

Sie waren als Regierungsrätin eine Vertreterin des Staates, der gegen Greenpeace-Aktivisten klagte . . .

Ich habe die Aktionen von Greenpeace als umweltbewusster Mensch auch bisher schon mit viel Wohlwollen wahrgenommen. Sie zeigen Missstände auf, erregen Aufmerksamkeit, sind oft sehr mutig und manchmal auch provokativ. Aber es gibt keine Gewalt und kaum Sachbeschädigungen, deshalb stehe ich voll und ganz hinter den Aktionen.

Wie gefährlich sind aus Ihrer Sicht die Atomkraftwerke im Aargau, gegen die Greenpeace protestiert?

Offenbar derart gefährlich, dass mit Beznau I eines seit 2015 stillsteht. Wenn es so lange dauert, um festzustellen, ob ein sicherer Betrieb möglich ist, wirft das für mich schon Fragen auf.

Susanne Hochuli – Bilder aus knapp acht Jahren Regierungsrätin:

AKW-Betreiber und bürgerliche Politiker würden entgegnen, dass die sorgfältige Untersuchung im Fall Beznau zeigt, dass die Kontrolle funktioniert. Braucht es also gar keine Greenpeace-Aktivisten?

Die Frage ist doch, wie gut diese Kontrollen funktionieren und wie genau die Behörden hinschauen würden, wenn es keine Organisationen gäbe, die immer wieder auf Mängel hinweisen.

Waren Sie bisher schon Greenpeace-Mitglied, oder haben Sie für die Organisation gespendet?

Ich habe an Greenpeace gespendet, Mitglied bin ich beim WWF, dort habe ich vor meiner Zeit als Regierungsrätin auch die Aargauer Sektion präsidiert.

Wie ist es zu Ihrem Engagement als Stiftungsratspräsidentin von Greenpeace Schweiz gekommen?

Es gab eine Findungskommission für die Nachfolge von Cécile Bühlmann bei Greenpeace. Ich wurde als eine von mehreren Kandidatinnen und Kandidaten angefragt, habe ein Auswahlverfahren durchlaufen und wurde vom Stiftungsrat als Präsidentin gewählt.

Hochuli wanderte bei -15°C und fragte sich: «Was mache ich hier überhaupt?»

Hochuli wanderte bei -15°C und fragte sich: «Was mache ich hier überhaupt?» (Beitrag vom Dezember 2017)

Die Aargauer Alt-Regierungsrätin Susanne Hochuli gibt Einblicke in ihr Leben ohne Politik. Sie erzählt neue Details von ihrer langen Wanderung, blickt auf die schwere Zeit zurück, als sie als junge Frau ihren Vater verlor – und verrät, auf was sie sich 2018 freut.

Cécile Bühlmann stand als Präsidentin von Greenpeace nie im Rampenlicht. Werden Sie dieses Amt anders interpretieren?

Greenpeace ist eine Organisation, die sehr professionell aufgestellt ist und für viele Themenbereiche eigene Spezialisten zur Verfügung hat. Anders als bei der Schweizer Patientenschutzorganisation, die ich präsidiere, gehen bei Greenpeace zum Beispiel Medienanfragen nicht an die Präsidentin, sondern an die Pressestelle.

Was ist denn Ihre Aufgabe als Stiftungsratspräsidentin?

Ich bin nicht das politische Sprachrohr der Organisation nach aussen, sondern zusammen mit dem Stiftungsrat zuständig für die Genehmigung der Strategie und des Jahresbudgets oder aktuell die Neubesetzung der Geschäftsleitung. Das ist für mich kein Problem, weil ich nicht das Gefühl habe, ich müsse mich auf der politischen Bühne noch profilieren. Aber ich ergreife natürlich Partei für Anliegen von Greenpeace und vertrete diese in meiner neuen Funktion.

Muss man Mitglied der Grünen sein, um Greenpeace zu präsidieren?

Nein, das ist keine Bedingung, aber es ist natürlich naheliegend, dass die Organisation eher jemanden mit einem Herz für die Grünen wählt, als einen Vertreter von bürgerlichen Parteien. Greenpeace ist aber eine parteiunabhängige Organisation, die bei den Ursachen von Problemen ansetzt. Das entspricht meinem Verständnis und auch den Grundwerten der Grünen.

Gegner sagen, Greenpeace führe zwar spektakuläre Aktionen durch, erreiche damit aber nichts.

Das sehe ich anders. Greenpeace hat die Funktion, immer wieder den Finger auf wunde Punkte zu legen und klar Stellung zu beziehen. Das geschieht fundiert durch aufwendige Recherchen und wissenschaftliche Untersuchungen. Im Unterschied zum WWF, der im Aargau zum Beispiel bei Verkehrsprojekten oder Bauvorhaben in Verfahren einbezogen ist, agiert Greenpeace ausserhalb dieses institutionellen Rahmens. Die beiden Umweltorganisationen ergänzen sich somit, haben aber andere Arbeitsweisen.

Gelegentlich werden Greenpeace-Vertreter auch als ideologische Öko-Fundamentalisten bezeichnet.

Wenn jemand hartnäckig und vehement seine Positionen vertritt, wie es Greenpeace tut, ist das für mich noch keine Ideologie. Und wenn Sie sich den Stiftungsrat anschauen, so sitzen dort keine wirtschaftsfeindlichen Öko-Fundis im Wollpulli, sondern Menschen mit ganz unterschiedlichem Hintergrund, die für ihre Überzeugung einstehen.

Werden Sie als Greenpeace-Präsidentin künftig zur Lobbyistin im Bundeshaus?

Es ist wichtig, dass Greenpeace mein Netzwerk als Stiftungsratspräsidentin nutzen kann. Es gibt Kontakte zur Politik oder auch zu grossen Spendern. Grundsätzlich ist es aber nicht primär Aufgabe der Präsidentin, für die Anliegen der Organisation zu lobbyieren.

Sie sind Patientenschutz-Präsidentin und werden Greenpeace-Präsidentin. Ihre Vorgängerinnen in diesen beiden Ämtern waren im nationalen Parlament – gehen Sie als Politikerin nach Bundesbern?

Cécile Bühlmann wurde erst Stiftungsratspräsidentin, als sie nicht mehr im Nationalrat sass. Wenn Sie sich bei Greenpeace engagieren, wissen Sie im Voraus, dass Sie kein politisches Amt übernehmen können. Das ist eine internationale Vorgabe der Organisation. Vielleicht könnte ich noch Schulpflegerin sein, aber ein politisches Mandat ist ausgeschlossen.

Also haben Sie sich mit der Übernahme des Greenpeace-Präsidiums ganz bewusst gegen eine Karriere in Bundesbern entschieden?

Nein, diesen Entscheid habe ich schon viel früher gefällt, ganz persönlich für mich und unabhängig vom Engagement bei Greenpeace. Wenn ich weitere politische Ambitionen hätte, dann hätte ich mich gar nicht als Stiftungsratspräsidentin zur Verfügung gestellt. Aber ich kann es mir nicht vorstellen, in die Politik zurückzukehren.

Haben Sie gar keine Lust mehr auf Politik, ist sie ihnen verleidet?

Nein, das ist sie nicht, meine beiden Ämter beim Patientenschutz und bei Greenpeace sind sehr politisch. Und sie sind konkreter, als viele politische Mandate es wären. Ich weiss auch nicht, ob es sinnvoll ist, nach der Exekutive in die Legislative zu gehen – mir würde ein solcher Schritt nicht gut tun.

Weil Sie als National- oder Ständerätin in Bern weniger selber entscheiden und gestalten könnten als im Aargauer Regierungsrat?

Einerseits deshalb. Ich habe es immer sehr geschätzt, an meinen Dossiers und Themen zu arbeiten. Andererseits mag ich Anlässe mit Stehlunch oder Apéro, an denen immer die gleichen Leute teilnehmen und immer über die gleichen Themen reden, überhaupt nicht. Ich weiss nicht, was ich an solchen Anlässen soll, ich habe mich dort nie wohlgefühlt. Und von Terminen dieser Art gibt es für Bundesparlamentarier noch viel mehr als für Regierungsmitglieder. Man muss sich irgendwann entscheiden, was man eigentlich will im Leben – und ich habe mich entschieden, dass ich das nicht will.

Sie galten als aussichtsreiche Kandidatin der Linken für die Nachfolge von SP-Ständerätin Pascale Bruderer. Sind Sie angefragt worden?

Ich fühlte mich geehrt, dass Politbeobachter und Medien mich als mögliche Nachfolgerin sahen. Aber weder die SP noch die Grünen haben mich angefragt. Meine Partei habe ich Anfang Monat vorinformiert, dass ich das Präsidium bei Greenpeace übernehme. Daher war für sie klar, dass ich nicht als Kandidatin zur Verfügung stehe.

Schliessen Sie definitiv aus, dass sie jemals in die Politik zurückkehren?

Ich gehe nicht davon aus, dass ich das Amt als Stiftungsratspräsidentin bei Greenpeace nur für zwei, drei Jahre ausüben werden. Daher stellt sich diese Frage für mich im Moment nicht. Und wenn ich ins nationale Parlament möchte, müsste ich 2019 kandidieren. Jetzt kennen mich die Leute noch, wenn ich zum Beispiel erst 2023 antreten würde, wäre ich weg vom Fenster.

Trauern Sie der Zeit als Regierungsrätin manchmal nach?

Nein, das tue ich überhaupt nicht. Aber wenn ich in der Politik hätte bleiben wollen, wäre ich am liebsten nochmals als Regierungsrätin angetreten, denn das Amt als solches hat mir viel Freude gemacht. Ich finde die Sozial- und Gesundheitspolitik sehr spannend und sehe auch viel, das sich weiterhin verändern liesse. Man darf aber auch einmal sagen: Ich habe mich politisch engagiert, eine spannende Zeit gehabt, viel gelernt, hoffentlich auch etwas bewirkt – aber das war es jetzt.

Rücktritt: Acht Jahre sind genug

Rücktritt: Acht Jahre sind genug (Beitrag vom Juli 2016)

Die Aargauer Regierungsrätin Susanne Hochuli kandidiert überraschend nicht für eine dritte Amtszeit. Wieso nicht?

Neben den zwei Präsidien bleibt für Sie noch ziemlich viel Zeit. Haben Sie andere Zukunftspläne?

Ich bin daran, ein Konzept für ein ökosoziales Start-up zu erstellen. Geplant ist ein Unternehmen, das Gemüse, Beeren, Kräuter und Ähnliches anbaut und diese Produkte dann über ein Gemüse-Abo vertreibt. Dadurch sollen Arbeitsplätze für Frauen aus dem Asylbereich entstehen, wobei ich ein ertragsorientiertes Unternehmen im ersten Arbeitsmarkt plane, keine Wohlfühloase. Aber Freude machen wird die harte Arbeit.

Also gehen Sie zurück zu Ihren Wurzeln als Biobäuerin?

Ja, back to the roots, angereichert mit allem, was ich in der Zeit als Regierungsrätin lernen und erfahren durfte. Dieses Wissen bringe ich nun aber auch mit Freude bei Greenpeace und bei der Patientenschutzorganisation ein.