Strassenmagazin Süüürpriiiis!» So tönten die Rufe der Verkäuferinnen und Verkäufer in Bahnhofshallen, Fussgängerzonen, Einkaufszentren. Die Rufe sind vielerorts verhallt. Denn in Bahnhöfen etwa hat man sich längst mit den SBB geeinigt, weiterverkaufen zu dürfen, dafür stumm.

Das Magazin aber lebt – und wie: 2017 gab es zur 400. Ausgabe ein neues Design. In Basel, Bern und Zürich wurden soziale Stadtrundgänge lanciert: Armutsbetroffene und obdachlose Menschen – «die Experten der Strasse» – erzählen aus ihrem Alltag. Und: das «Surprise» gibt es an immer mehr Orten zu kaufen. So sind die Verkaufenden in ihren roten Jacken und Shirts in den vergangenen Wochen besonders in Aargauer Städten und Dorfzentren aufgefallen.

Der Verein Surprise mit Sitz in Basel bestätigt: Man sei dabei, das Absatzgebiet zu erweitern – und der Aargau spiele dabei eine wichtige Rolle. Im März wurde eine neue Ausgabestelle im Aargau eröffnet. Mussten Aargauer «Surprise»-Verkaufende zuvor ihre Hefte jeweils in Zürich oder Basel abholen, erhalten sie diese neu im katholischen Pfarrhaus in Aarau.

Kaum Zeit zum Lesen

Ghulam Abass Haidari, 31, Afghanistan, sitzt jeden Freitag im «Offenen Pfarrhaus», vor sich Stapel mit neuen Heften, ein Sichtmäppchen mit einer Liste, eine rote Geldkassette. Haidari trägt Kapuzenpullover, «Surprise»-Cap und ein warmherziges Lächeln. «Wenn ich Zeit habe», sagt er, «lese ich zu Hause manchmal im Heft. Aber meistens habe ich keine Zeit, weil ich zu tun habe.»

Alle zwei Wochen wird die neue Nummer aus Basel angeliefert, ein  Zivildienstleistender fährt die Hefte nach Aarau. Freitags von 9 bis 13 Uhr macht Haidari die Ausgabe. Gerade tritt Verkäuferin Nasenet aus Eritrea ein, kauft 10 Hefte à Fr. 3.30, die sie nachher für 6 Franken weiterverkauft. Pro Heft verdient sie so Fr. 2.70, Trinkgeld darf sie behalten.

Es ist ein System, das anspornt: Wer effizienter verkauft, hat den besseren Stundenlohn. Doch um Effizienz geht es nur am Rande. Wichtig ist, dass die Verkaufenden eine Aufgabe haben, die sie unter die Leute und mit diesen in Kontakt bringt sowie sich selbst eine Tagesstruktur aufbauen können, die ihr Selbstvertrauen stärkt.

Flucht nach vorn

Haidari trägt auf der Liste Nasenets Namen und ihre Verkaufsnummer ein. Sie bezahlt bar, unterschreibt; er öffnet die Geldkassette, händigt ihr zehn Magazine aus. Jede Woche steht der gelernte Schneider selber auf der Strasse und verkauft das «Surprise». Es sei eine schöne Arbeit: «Ich nehme nicht einfach das Geld von meinen Kunden und fertig. Sie wollen wissen, wie es mir geht, wie es meiner Familie geht. Und sie wollen wirklich hören, was ich zur Antwort gebe.»

Familie Haidari ist vor 30 Jahren aus Afghanistan in den Iran geflohen, Abass und seine Schwester kamen dort zur Welt. Doch weil Afghanen im Iran als Menschen zweiter Klasse gelten, systematisch, teilweise brutal unterdrückt werden und eine Rückkehr in die kriegsgeplagte Heimat nicht möglich war, entschied man sich für die Flucht nach vorn, nach Europa. «Die afghanische Regierung macht nichts», regt sich Haidari auf, «sie hat uns Frieden versprochen, aber die Leute müssen immer noch Angst haben, jeden Tag.»

Im Iran verkaufte er mit seinem Vater Blumen. In Griechenland schlug er sich zwei Jahre als Schneider durch, verlor aus wirtschaftlichen Gründen seine Stelle in einer Textilfabrik. Er wurde obdachlos, schlief monatelang in einem Park. Vor fünf Jahren kam Haidari in die Schweiz. Kreuzlingen, Buchs, Wohlen. Jetzt lebt er mit seinen Eltern und der 18-jährigen Schwester in Aristau, sie erhielten die F-Bewilligung, sind vorläufig aufgenommen.

Hauptberuflich arbeitet er in einem 50-Prozent-Pensum in einer Aargauer Metzgerei, hilft bei der Schlachtung und der Weiterverarbeitung. Um 4 Uhr ist Arbeitsbeginn. «Es ist ein Knochenjob», sagt Haidari, sowohl sichtlich dankbar und glücklich über die Chance, die er erhalten hat, als auch gleichzeitig gezeichnet von der Müdigkeit, die ihn nach vollendeter Schicht manchmal erfasst.

Randständige nicht vergessen

Auch deshalb mag Haidari seinen «Surprise»-Job sehr. «Ich kann draussen sein, habe Bewegung und frische Luft. Das ist gut.» Er steht jeweils vor dem Aarauer Einkaufszentrum Igelweid. «Manchmal verkaufe ich ein Heft pro Stunde, manchmal drei. Man muss einfach Geduld haben, wenn man das machen will.» Am meisten Geduld brauche es in Passagen wie während der letzten zwei Wochen, die mit Feiertagen wie Auffahrt und Pfingsten gespickt waren: «Zu viele Ferien sind schwierig», sagt Haidari und lacht.

Dass es eine «Surprise»-Verteilstelle in Aarau gibt, ist zu einem grossen Teil Jan Götschis Verdienst. Der umtriebige Sozialarbeiter ist bei der Pfarrei Peter und Paul Aarau für Begegnung und Diakonie zuständig und für den Verein Surprise als Coach der Strassenfussballliga aktiv. Zufällig kam er im richtigen Moment mit der Leitung von Vertrieb und Beratung in Basel in Kontakt – und war sofort überzeugt, dass die Heftausgabe ideal ins «Offene Pfarrhaus» passt.

«Wir haben hier die Möglichkeit, Essensgutscheine oder praktische Hilfe zu bieten, aber mein Anspruch ist natürlich, nachhaltig zu arbeiten.» Die Randständigenarbeit sei in einer Kleinstadt wie Aarau eine Randerscheinung, «aber auch hier gibt es viele Betroffene, und wir dürfen sie nicht vergessen».

Als Lohn erhält Ghulam Abass Haidari für eine vierstündige Heftausgabe 30 Hefte kostenlos – sprich die vollen 6 Franken pro verkauftes Heft. «Ich muss jetzt los», sagt er. Die Igelweid wartet.