Studie
Die Mehrheit der Aargauer Gemeinden betreibt aktiv Alterspolitik für Personen über 65 Jahre – etwa gegen Einsamkeit

Eine Studie der Fachstelle Alter und Familie und des Netzwerks Alter des Departements Gesundheit und Soziales zeigt, wie die Gemeinden im Kanton Aargau Alterspolitik leben und welche Themen in Zukunft wichtiger werden.

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Ältere Menschen sind häufig alleine. Viele Gemeinden helfen diesen Personen mit speziellen Angeboten.

Ältere Menschen sind häufig alleine. Viele Gemeinden helfen diesen Personen mit speziellen Angeboten.

Symbolbild: Pixabay

Zwischen November 2020 und Februar 2021 hat das Institut Alter der Berner Fachhochschule im Auftrag der Fachstelle Alter und Familie des Kantons und des Aargauer Netzwerks Alter eine Umfrage bei den Aargauer Gemeinden durchgeführt. 164 Gemeinden haben die Umfrage beantwortet, was einer Rücklaufquote von 78 Prozent entspricht. Dabei wurde die Repräsentativität nach Gemeindegrösse, Bezirk und Gemeindetypologie beachtet.

Gelebte Alterspolitik in den Gemeinden

Alterspolitik hat das Ziel, der älteren Bevölkerung eine möglichst selbstständige und selbstbestimmte Lebensführung zu ermöglichen. Das Zielpublikum sind Menschen über 65 Jahre. 35 Prozent der Gemeinden geben an, keine aktive Alterspolitik zu betreiben. 2017 haben in einer ähnlichen Umfrage noch 48 Prozent der Gemeinden angegeben, keine aktive Alterspolitik zu betreiben.

Die 137 alterspolitisch aktiven Gemeinden (65 Prozent) bieten zum Beispiel Veranstaltungen oder Dienstleistungen für Menschen über 65 Jahre an oder leiten spezifische Projekte wie beispielsweise Projekte gegen Einsamkeit im Alter oder im Bereich Vernetzung von Altersorganisationen. 22 Prozent der aktiven Gemeinden besitzen strategische Grundlagen in Form eines Altersleitbilds oder von Legislaturzielen. In Gemeinden mit einem Altersleitbild oder Legislaturzielen findenPersonen über 65 Jahre mehr Unterstützung und auf sie zugeschnittenen Angebote.

Die Bedeutung der Alterspolitik

Die Bevölkerungsprojektion 2020 zeigt, dass die Bevölkerung über 65 Jahre im Kanton Aargau bis zum Jahr 2050 stark zunehmen wird. Während die Bevölkerungszahl in allen Altersklassen zwischen 2019 und 2050 zunimmt, zeigen die zwei Altersklassen von Erwachsenen im Ruhestandsalter die mit Abstand grösste Zunahme. Die 65- bis 79-Jährigen nehmen um 55,8 Prozent und die über 79-Jährigen um 215,3 Prozent zu.

Dies widerspiegelt sich in der Einschätzung der Bedeutung der Alterspolitik durch die Gemeinden. 42 Prozent der Gemeinden sprechen der Alterspolitik in ihrer Gemeinde auf der Skala von 1 (gar nicht wichtig) bis 10 (sehr wichtig) mit 8 oder mehr Punkten eine sehr hohe Bedeutung zu. Im Gegenzug bezeichnen nur 3,5 Prozent der Gemeinden die Alterspolitik als unwichtig (3 Punkte oder weniger).

Themenabdeckung in den Gemeinden

69 Prozent der Gemeinden sind im Bereich sozialer Einbezug oder Zusammenleben aktiv. Darunter sind Projekte im Bereich der Partizipation zu verstehen. Zum einen Alterskommissionen, die es den Gemeinden ermöglichen, den Bedarf der Bevölkerung besser abzuschätzen, aber auch die Energie und das Wissen der Seniorinnen und Senioren in die Umsetzung ihrer Alterspolitik miteinzubeziehen. Zum anderen geht es hier um Projekte, die soziale Kontakte ermöglichen wie Mittagstische oder Seniorennachmittage. Im Fragenblock zu den Auswirkungen der Corona-Pandemie wird ersichtlich, dass das gesellschaftliche Zusammenleben und der soziale Einbezug durch die erlebten Einschränkungen an Bedeutung gewonnen haben.

55 Prozent der Gemeinden bieten mehr als die gesetzlich verankerte Anlauf- und Beratungsstelle für Altersfragen. Sie erstellen Adresslisten oder stellen wie die beispielsweise die Gemeinden Leuggern, Aarau, oder Muri die Broschüre «Älter werden in meiner Gemeinde» zur Verfügung, um der älteren Bevölkerung und ihren Angehörigen Anhaltspunkte zu Dienstleistungen und Möglichkeiten in den Gemeinden aufzuzeigen. Die Broschüre basiert auf einer Vorlage des Kantons und wird aktuell von 34 Gemeinden genutzt.

Noch wenig Aktivitäten bestehen in den Bereichen Verankerung der Alterspolitik in der Gemeinde oder Vernetzung und Koordination. Weniger als die Hälfte aller Gemeinden betreibt zum Beispiel eine Alterskommission, die den Gemeinderat berät und bei der Umsetzung der Alterspolitik unterstützt. Auch die Koordination der Akteure im Altersbereich ist aktuell noch nicht in vielen Gemeinden etabliert.

Bedarfsgerechte Alterspolitik heute und in Zukunft

Zum Schluss wurden die Befragten gebeten, zum einen eine Einschätzung vorzunehmen, wie gut der Bedarf von älteren Menschen bezüglich alterspolitischer Themen in ihrer Gemeinde abgedeckt ist und zum anderen, welche Themen in Zukunft an Bedeutung gewinnen werden. Die Mehrheit ist sich einig, dass die Themen der Alterspolitik an Bedeutung gewinnen werden. Die Themen Kommunikation und Information und gesellschaftliches Leben werden gemäss den Befragten aktuell bereits am besten abgedeckt. Den grössten Handlungsbedarf identifizieren die Befragten bei den Themen sozialer Einbezug (Partizipation), Vernetzung und Koordination, Wohnen, Verkehr und Verankerung der Alterspolitik in der Gemeinde.

GAV: Bedeutung der Alterspolitik hat zugenommen

«Die Alterspolitik hat in den Aargauer Gemeinden an Bedeutung zugenommen», sagt Patrick Gosteli, Präsident der Gemeindeammänner-Vereinigung des Kantons Aargau. «Entsprechend der Bevölkerungsstruktur nimmt auch der Anteil dieser Altersgruppe in der Gesamtbevölkerung zu. Die Alterspolitik ist je nach Gemeindegrösse und -struktur sehr different.»

Patrick Gosteli.

Patrick Gosteli.

Fabio Baranzini

Die Umfrage gäbe diesbezüglich einen vertieften Einblick in die aktuelle Situation, würdigt Gosteli die Bestandesaufnahme zur Alterspolitik. Die Gemeinderäte würden sich, insbesondere im Hinblick auf die neue Amtsperiode, vertieft mit der Alterspolitik in den verschiedenen Facetten und angepasst an ihre Verhältnisse beschäftigten.