Gesundheit

Strengere Vorschriften trotz Hausärztemangel? Kanton Aargau denkt über Altersguillotine nach

Von den 598 Hausärzten im Kanton Aargau sind 23 älter als 70. (Symbolbild)

Von den 598 Hausärzten im Kanton Aargau sind 23 älter als 70. (Symbolbild)

In mehreren Kanton müssen über 70-jährige Ärzte alle zwei Jahre bei einem Vertrauensarzt vorsprechen – ansonsten verlieren sie die Berufsausübungsbewilligung. Im Aargau gibt es diese Regel nicht. Braucht es auch bei uns strengere Vorschriften?

Jeder sechste Hausarzt in der Schweiz ist über 65 Jahre alt. Das Durchschnittsalter steige und steige und liege mittlerweile bei mehr als 54 Jahren, berichtete die «SonntagsZeitung». Auch im Aargau gibt es Ärztinnen und Ärzte im Rentenalter, die noch arbeiten. Von den 598 Hausärzten sind 23 älter als 70 Jahre und von diesen wiederum 7 älter als 75. Der älteste Hausarzt ist 87 Jahre alt.

In mehreren Kanton müssen über 70-jährige Ärzte alle zwei Jahre bei einem Vertrauensarzt vorsprechen – ansonsten verlieren sie die Berufsausübungsbewilligung. Im Aargau gibt es diese Regel nicht. Das Gesundheitsdepartement diskutiert aber laut «SonntagsZeitung» die Einführung einer Alterslimite für Grundversorger.

Auf Anfrage dieser Zeitung bleibt die Medienstelle des Departements Gesundheit und Soziales vage. Details zur Einführung einer Altersguillotine, beispielsweise ab welchem Alter diese zur Anwendung käme, könne man zum jetzigen Zeitpunkt nicht sagen. Die Thematik werde aber sicher in die Überarbeitung der gesundheitspolitischen Gesamtplanung aufgenommen.

Alter ist kein Indiz für die Qualität

Die Idee einer Alterslimite kommt bei Politikerinnen und Politikern sowie beim Aargauischen Ärzteverband nicht gut an. BDP-Grossrat Marcel Bruggisser, der selber Mediziner ist, sagt: «Hausarzt ist ein typischer Erfahrungsberuf und kann auch im fortgeschrittenen Alter noch sicher ausgeübt werden.» Die «SonntagsZeitung» verweist diesbezüglich auf eine Studie aus den USA, die zeigt, dass das Risiko, einen Fehler zu begehen, pro zunehmendem Altersjahr um ein Prozent sinkt.

Auch FDP-Grossrätin und Apothekerin Martina Sigg findet die Erfahrung dieser Ärztinnen und Ärzte wertvoll. «Wenn sie noch Freude an der Arbeit haben, gesund sind und sich regelmässig weiterbilden, ist es durchaus sinnvoll, wenn sie weiterarbeiten.» Entsprechend ist sie gegen ein Maximalalter. Die Qualität hänge noch von vielen anderen Faktoren ab, so Sigg. Grünen-Grossrat und Hausarzt Severin Lüscher findet gar, eine Altersguillotine sei ein Schuss ins eigene Bein angesichts des Hausärztemangels. «Man müsste sich eher fragen, ob es nicht besser wäre, älteren Ärztinnen und Ärzten besonders günstige Bedingungen zu schaffen, damit sie noch länger arbeiten.» Schliesslich habe eine Untersuchung des Krankenkassenverbandes Santésuisse gezeigt, dass Ärzte über 65 günstiger arbeiten als jüngere. Severin Lüscher fragt sich zudem, welches Problem der Kanton mit einer Alterslimite lösen wolle.

SVP-Grossrat und Gesundheitspolitiker Clemens Hochreuter ist ebenfalls strikt gegen eine Altersguillotine. «Zentral ist, dass die Patientensicherheit und die Qualität stimmen.» Gerade in der heutigen Zeit, wo die körperliche Fitness der älteren Generation häufig gut sei, solle man nicht auf Alterslimiten setzen. Die Zahlen aus dem Kanton Aargau zeigten zudem, dass die wenigsten Hausärzte über 70 noch weiterarbeiten. «Wir können dankbar sein, wenn sie in Zeiten des Hausärztemangels länger arbeiten», findet er.

Vertrauen in den gesunden Menschenverstand

Bei der Frage, wann es für einen Hausarzt an der Zeit ist, aufzuhören, verlässt sich Clemens Hochreuter auf den gesunden Menschenverstand. «Der Arzt selber oder sein Umfeld müssen merken, wenn es nicht mehr geht oder nicht mehr sinnvoll ist, weiterzuarbeiten.» Auch Severin Lüscher sieht kein Problem darin, dass Ärzte bis 70 arbeiten. «Das läuft für mich unter flexiblem Rentenalter», sagt der Grünen-Grossrat. Zudem sei heute immer die Rede von aufgeklärten Patientinnen und Patienten. «Sie haben freie Arztwahl und würden sich kaum für einen senilen Hausarzt entscheiden.» Dem pflichtet Martina Sigg bei. Als Apothekerin sehe sie, dass Patientinnen und Patienten kritisch genug seien und einen anderen Arzt suchten, wenn das Vertrauen fehle.

Jürg Lareida, Präsident des Aargauischen Ärzteverbands, findet das Alter als Kriterium ebenfalls falsch. Es gebe kein richtiges Alter, um einem Hausarzt die Betrufsausübungsbewilligung zu entziehen. «Es gibt meines Wissens auch keine Untersuchung, die zeigen würde, dass ältere Ärzte schlechtere Medizin betrieben.» Ausserdem gebe es in keinem anderen Beruf eine Altersguillotine.

Der Kanton sei bereits heute das Kontrollorgan über die Qualität der Ärztinnen und Ärzte. «Wenn er diese Funktion korrekt wahrnimmt, sind keine weiteren Massnahmen notwendig», findet Jürg Lareida. Wie diese Kontrollen genau auszusehen haben, müsse hingegen noch besser definiert werden.

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