Fussball-WM
Strenge Richtlinien und Zeitverschiebung erschweren das Public Viewing

In zehn Wochen beginnt die Fussball-WM in Brasilien. Nun liegen erste Richtlinien der Gemeinden für Public Viewing vor. Das Beispiel Rheinfelden zeigt: Viele Live-Übertragungen auf der Gasse fallen den Richtlinien und der Zeitverschiebung zum Opfer.

Katja Schlegel
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Fussball – das sind kochende Emotionen, überbordende Glücksgefühle, das ist pure Lebensfreude. Oder eine todernste Angelegenheit. Nicht nur, wenn die eigene Mannschaft scheitert, sondern insbesondere dann, wenn Beamte und Sachbearbeiter sich des Dossiers Fussball annehmen.

Knapp zehn Wochen vor dem Anpfiff zur Fussball-Weltmeisterschaft in Brasilien geben erste Städte ihre Reglemente und Richtlinien für Public-Viewing-Veranstaltungen auf öffentlichen Plätzen heraus. Und da weht zwischen Paragrafen und gestelzten Formulierungen kein Hauch von Vorfreude, im Gegenteil. Da bleibt man lieber gleich zu Hause vor dem Fernseher, aus lauter Angst, gegen ein Reglement zu verstossen. Geschweige denn traut man sich, ein Public Viewing zu organisieren.

Public Viewing: So planen die Städte

Weniger streng als Rheinfelden handhabt die Stadt Baden die Regelung: Von Sonntag bis Donnerstag dürfen die Spiele draussen bis Mitternacht gezeigt werden, wer länger schauen will, braucht eine Bewilligung. Von Freitag auf Samstag und von Samstag auf Sonntag ist um 2 Uhr Feierabend. Laut Erika Albert von der Gewerbepolizei ist bis jetzt das Gesuch für ein Public Viewing im Graben bewilligt worden. In Bremgarten wurden laut Stadtschreiber Rolf Küng bereits zwei Anträge für ein Public Viewing unter freiem Himmel bewilligt, eines für das Restaurant Mosquito und eines des FC Bremgarten.

In Aarau liegt laut Toni von Däniken, Leiter Stabsdienst der Stadtpolizei, derzeit ein Gesuch für ein Public Viewing beim Stadtrat. In Lenzburg liegt eine Anfrage vor. Weil das Public Viewing unter freiem Himmel aber Anwohner stören könnte und ausserdem das Jugendfest gefeiert wird, wird dieses laut Ferdinand Bürgi, Leiter der Regionalpolizei, abgelehnt. In Wohlen liegt noch kein Reglement vor. Marco Veil, Chef der Regionalpolizei, will ein möglichst einfaches Konzept aufstellen und die Situation - um eine einheitliche Praxis zu gewährleisten - mit benachbarten Regionalpolizeien abklären. Bisher sei aber noch keine offizielle Anfrage für ein Public Viewing eingegangen. (ksc)

Rheinfelden mags kompliziert

Das komplexeste Reglement für Public Viewing auf öffentlichem Grund in Wohngebieten hat die Stadt Rheinfelden. Ziffer 4 besagt beispielsweise: «Im Falle einer Verlängerung und gegebenenfalls eines Penalty-schiessens in den Achtel- und Viertelfinals ist ebenfalls 30 Minuten nach Spielende, spätestens jedoch um 21.30 Uhr, die Beschallung und Übertragung von Bildern auf öffentlichem Grund untersagt.»

Aber Achtung – dies gilt nur, wenn der unter Ziffer 2 genannte Fall nicht eingetreten ist: «Allfällige Spiele der Schweizer Nationalmannschaft in den Achtel-, Viertel- oder sogar Halbfinals, die um 22 Uhr beginnen, dürfen auf öffentlichem Grund gezeigt werden.»

Sollte dieser Fall eintreten, so wären «allfällige Übertragungen 30 Minuten nach Spielende zu beenden». 29 von 64 Spielen fallen diesen strengen Auflagen zum Opfer. Übrigens darf nur auf Fernsehern bis zu drei Metern Bildschirmdiagonale Fussball geschaut werden. Beamer, Verstärker und Home-Cinema-Systeme sind verboten, ebenso wie das Auslegen von künstlichem Rasen.

Ist Rheinfelden etwa fussballfeindlich? Stadtschreiber Roger Erdin lacht und verneint vehement. «Zugegeben, das Reglement ist etwas gar kompliziert formuliert.» Eine strenge Regelung sei aber aufgrund der sehr späten Spielzeiten – viele Spiele werden erst um Mitternacht, eines sogar um 3 Uhr morgens angepfiffen – und den Bewohnern der Altstadt nötig.

«Diesen wäre es nicht zuzumuten, wenn in der Altstadt die Fussballfans bis in aller Herrgottsfrühe feiern würden. Die WM dauert immerhin viereinhalb Wochen», sagt Erdin.

Bei der letzten WM vor vier Jahren mit mehreren Public-Viewing-Anlässen unter freiem Himmel seien mehrfach Reklamationen von Altstadtbewohnern eingegangen. «Aber natürlich haben wir überhaupt nichts gegen Fussball und freuen uns, wenn die Schweiz möglichst weit kommt», sagt Erdin. Das lässt der Gemeinderat auch im Reglement mit der doch sehr optimistischen Annahme durchblicken, dass die Nati im Halbfinal spielen könnte. Ein Gesuch wurde übrigens bereits bewilligt.

Noch strenger als Rheinfelden ist übrigens die Fifa selbst: Das «Reglement für Public-Viewing-Veranstaltungen» umfasst vier Seiten und schreibt vor, dass eine Spielübertragung mindestens zehn Minuten vor Anpfiff beginnen muss, dass kein Sponsorenemblem überdeckt werden darf und es strikte verboten ist, die Übertragung zu wiederholen.