Aargau
Streit um Schulpflegen: Sollen sie abgeschafft werden?

Der Aargau will eine 200 Jahre alte Institution abschaffen: die Schulpflegen. Die unklare Kompetenzverteilung zwischen Schulpflege und Schulleitung soll so ein Ende haben. Doch ist das wirklich der richtige Weg?

Hans Fahrländer
Drucken
Teilen

Nach dem Willen der Regierung wird ab dem Jahr 2018 der Gemeinderat oberstes Führungsorgan der Volksschule, die 200 Jahre alte Institution der Schulpflegen soll abgeschafft werden. Bildungsdirektor Alex Hürzeler hat die Vorlage für eine Schulgesetzesrevision unter dem Titel «Optimierung der Führungsstrukturen der Volksschule Aargau» Mitte Juni vorgestellt.

Noch bis Mitte September läuft dazu eine dreimonatige Vernehmlassung. Die Vorlage enthält noch weitere Punkte, so sollen auch die Schulräte der Bezirke abgeschafft und durch eine vom Kanton berufene Vermittlungskommission abgelöst werden.

Gleich am Tag der Präsentation der Vorlage hat der Vorstand des Verbandes Schulleiterinnen und Schulleiter Aargau (VSLAG) signalisiert, dass er die Abschaffung der Schulpflegen grundsätzlich begrüsst - falls damit gleichzeitig eine Stärkung der Schulleitungen, vor allem eine höhere durchschnittliche Stellendotation, einhergehe.

In der Theorie herrscht Verantwortungsteilung zwischen Schulpflege und Schulleitung: Die Schulpflege führt die Schule strategisch, die Schulleitung operativ. Doch in der Praxis herrschen vielerorts unklare Verhältnisse, zum Beispiel punkto Anstellung der Lehrpersonen oder Behandlung von Beschwerden. Im neuen Modell wären dies Aufgaben der Schulleitung.

Doch der Vorstand stiess damit im eigenen Verband nicht nur auf Zustimmung. Bald zeigte sich: Es gibt auch Schulleitungen, welche sich den Fortbestand der Schulpflegen als wichtigste Partner wünschen. Die «Aargauer Zeitung» hat deshalb eine Befürworterin und einen Gegner der Abschaffung gebeten, ihren Standpunkt darzulegen.

Astrid Zeiner*: Die Schulleitungen stärken

Die Volksschule Aargau muss konstant geführt und weiterentwickelt werden können. Dies ist nur mit klaren Führungsstrukturen möglich. Eine zunehmende Fluktuation in den Schulpflegen lässt das leider nicht mehr in allen Schulgemeinden zu. Ebenso ist eine ganzheitliche Trennung von strategischen und operativen Aufgaben für eine vertiefte und konstante Schulkultur zwingend und schafft Vertrauen bei allen Adressaten.

Unser Aufgabengebiet hat sich sehr verändert. So ist zum Beispiel das Personalmanagement ein wesentlicher Bestandteil, erfordert viel Zeit und ein adäquates Führungsverständnis. Eine konstante attraktive Schul- und Unterrichtsqualität steht allen Kindern zu und gewinnt für Familien bei der Wohnortswahl zunehmend an Wichtigkeit. Die neue Führungsstruktur führt zu einer Stabilisierung auf operativer Ebene und gewährleistet eine nachhaltige Strategieplanung. Der Gemeinderat kann sich auf die Wahrnehmung seiner Kontrollfunktion konzentrieren und muss keine beschwerdefähigen Entscheide mehr fällen oder Lehrpersonal anstellen.
Schulpflegemitglieder brauchen viel Zeit und Energie, um sich intensiv in dieses Amt einzuarbeiten. Dies fordert auch von Schulleitungen zusätzliche Unterstützung und somit Zeit, Zeit die wir heute kaum noch haben. An den meisten Schulen leisten Schulleitungen um ein Wesentliches mehr als für ihre Aufgabe an Pensum gesprochen wird. Einige Gemeinden zahlen aus der Gemeindekasse zusätzliche Ressourcen. Finanzschwache Gemeinden können sich dies aber oft nicht leisten. Eine neue, gut überdachte Ressourcen-Ausstattung der Schulleitungspensen muss daher zwingend mit der geplanten Reform einhergehen. Es müssen Lösungen angestrebt werden, welche der Heterogenität der Aargauer Volksschule Rechnung tragen.

Natürlich kostet dies Steuergelder, welche aber sicherlich nicht falsch investiert sind. Der Aargau ist ein Kanton mit starkem Wirtschaftswachstum, was letztlich immer auf gut gebildete Arbeitskräfte zurückzuführen ist. Wenn wir in eine gute Volksschule investieren, stärken wir jene, welche diese führen. Qualitätssicherung und Qualitätsentwicklung sind wichtige Bausteine der Volksschule. Somit liegt es auf der Hand, dass Schul- und Unterrichtsqualität gut, konstant und professionell geführt sein muss. Aus dem Monitoringbericht der externen Schulevaluationen 2009 bis 2011 geht hervor, dass die meisten roten Ampeln im Fokus «Schulführung» vergeben wurden, also ein weiterer Beweis dafür, dass unser jetziges Schulführungssystem überholt ist.
Politisches Engagement in der Gemeinde kann sich heute nicht mehr jeder Mann/jede Frau «leisten». Es erfordert sehr viel Zeit und persönliches Engagement. Mit der Übertragung der strategischen Führung an den Gemeinderat werden Kompetenzen geschaffen und Wege verkürzt. Ebenso muss dieser künftig sicherstellen, dass die Schule und deren Führung unter guten Bedingungen qualitativ hohe Leistungen erbringen können.

*Astrid Zeiner (43) ist Schulleiterin der Schule Zuzgen. Zuvor war sie selbst Schulpflegerin am Oberstufenzentrum Fischingertal Mumpf.

Ueli Zulauf*: Volksschule erden statt Schulpflegen abschaffen

«Optimierung der Führungsstrukturen» heisst das Ding, worunter sich auch interessierte und gut ausgebildete Menschen zunächst kaum etwas vorstellen können. Selbst wenn sie als Eltern von schulpflichtigen Kindern einen Bezug zur Volksschule haben. Was im Klartext «Abschaffung der Schulpflegen» bedeutet, lesen die Frau und der Mann von der Strasse so: «Halte dich da bloss raus. Das regeln wir unter uns!»

Die Volksschule Aargau hat mit der Einführung der Schulleitungen in den letzten zehn Jahren einen notwendigen Professionalisierungsschub erlebt. Mit der Abschaffung der Miliz-Aufsicht droht die Entwicklung nun aber ins Negative zu kippen; die Lenkung der Volksschule soll Insidern und Experten überlassen werden. Nach den Reform-Turbulenzen der letzten Jahre wäre aber etwas anderes angezeigt: ein wirkungsvolles Korrektiv zu etablieren in Form von lokalen Behörden mit unabhängigen Köpfen. Dabei geht es nicht um mehr oder weniger Professionalität, sondern um Abgehobenheit oder Erdung. Die Schulpflegen haben es in der Hand dafür zu sorgen, dass professionelle Arbeit nicht abhebt, sondern geerdet bleibt.

Ein zweiter Einwand betrifft das Tabuthema Macht. Mit der Einführung von Schulleitungen hielt an der Schule das Weisungsrecht Einzug. Diese Reform war notwendig, aber der damit verbundene Kulturwandel ist noch längst nicht abgeschlossen. Er verlangt von den Lehrerinnen und Lehrern ein Umdenken in ihrem Rollenverständnis. Es geht darum, das herkömmliche Paradigma «Meine Klasse und ich» zum «Wir und unsere Schule» weiterzuentwickeln. Denn: In der Geleiteten Schule sind Lehrpersonen nicht mehr freischaffende Pädagogen, sondern arbeitsteilig kooperierende Fachleute für das Lernen. Bezugsrahmen ist nicht mehr allein die Klasse, sondern die Schule. Diesen anspruchsvollen Veränderungsprozess zu steuern, ist harte, konfliktträchtige Personalführungsarbeit, bei der sich - verdeckt oder offen - immer wieder die Machtfrage stellt.


Diese Führungsarbeit soll nun künftig die Schulleitung allein leisten dürfen. Wer aber als Schulleiter mit dem Lehrerkollegium und der Macht alleine ist, gerät in Versuchung, sich entweder zu verrennen oder es allen recht machen zu wollen. Profilierte Mitglieder von Schulpflegen können der Schulleitung helfen, das Augenmass zu wahren. Sie kennen in der Regel das Innenleben einer Schule, sie wissen um die Ruhe- und Störzonen, sie kennen die Biedermänner und die Brandstifter. Vor allem aber sind sie durch Volkswahl legitimiert, Entscheide von besonderer Tragweite und von nachhaltiger Wirkung zu treffen. Im Sinne einer geerdeten Schulführung.

Profilierte Leute, die sich engagieren wollen, gibt es genug. Sie stellen sich zur Verfügung, wenn die Schulbehörden institutionell aufgewertet werden. Darüber wie dies zu bewerkstelligen wäre, gibt es genügend praktikable Vorstellungen. Zunächst gilt es aber, eine Fehlentwicklung zu verhindern.

*Ueli Zulauf (56) ist seit 10 Jahren Schulleiter, zurzeit in Leibstadt und an der Schule Bözberg. Davor war in der gleichen Funktion an der Kreisschule Mutschellen und in Neuenhof tätig.

Aktuelle Nachrichten