Taxifahrer haben kein einfaches Berufsleben. Sie müssen oft stundenlang auf ihren Erfolg warten. Sehen ihn unter Umständen mit der Konkurrenz vor der Nase wegfahren. Sind oft Helfer in der Not, dürfen aber nicht zu viele Fragen stellen. In Lenzburg, das zeigte sich diese Woche vor dem Bezirksgericht, haben Taxifahrer offenbar noch andere Probleme. Vor Gerichtspräsidentin Eva Lüscher trafen sich zwei Vertreter zweier lokaler Taxiunternehmen. Farid*, Geschäftsführer, Businesshemd und Chino-Hosen, Schuhe und Gürtel aus dem gleichen Leder, hat zweimal Klage gegen Bruno eingereicht. Bruno*, Fahrer einer anderen Firma, Kurzarmhemd, Jeans und Turnschuhe mit gleichem Abnutzungsgrad, soll sich ihm einmal beim Abfahren schimpfend in den Weg gestellt und ihn ein andermal minutenlang zuparkiert haben.

Zugeparkt – und «verschnurret»

Dass der Geschäftsführer und der Fahrer – oder eher die zwei Betriebe – keine Freunde sind, wird schnell klar. Farid spricht schnell, schwitzt, wirkt ernsthaft beunruhigt. Über Bruno sagt er: «Er hat immer wieder versucht, mich zu provozieren. Ich habe das Gefühl, er wurde nur eingestellt, um mir das Leben schwer zu machen.» In jener Nacht am Bahnhof Lenzburg habe er bloss zwei Kunden vom Nachtzug eingeladen. Da sei Bruno herangefahren, habe sein Auto neben ihn gestellt, eine Tür aufgerissen und geschrien: «Wenn du noch einmal hier Kunden lädst, werd ichs dir zeigen!» Ja, gibt Farid zu, er habe auf dem Kurzzeitparkplatz gestanden, weil die Bewilligung für einen Standplatz ausstehend gewesen sei. Aber dort als bestelltes Taxi auf seine Kunden zu warten, sei erlaubt. Das habe er Bruno aber nicht erklären können: «Ich konnte mit ihm nicht kommunizieren. Er war voll aggressiv.»

Farid hat als Zeugen zum zweiten Vorfall Walter*, einen seiner eigenen Fahrer, mitgebracht. In der Anklageschrift steht: «Der Beschuldigte parkierte auf dem Parkplatz der Neuen Aargauer Bank hinter das auf dem Parkfeld im Taxidienst stehende Fahrzeug des Geschäftsführers, sodass dieser das Parkfeld mit seinem Fahrzeug nicht mehr verlassen konnte.» Zeuge Walter sagt: «Das war reine Schikane.» Zuerst hätten sie darüber gelacht, aber wenn man 45 Minuten lang kaum wegfahren könne, höre der Spass auf. Es sei ja nichts Neues, dass Fahrer aus dem Unternehmen, für das Bruno unterwegs sei, andere Fahrer einschüchterten.

Bei Sätzen wie diesen hält sich Bruno die Hand vor den Mund, um sein Lachen zu verdecken. Entspannt sitzt er neben seinem Verteidiger und hört zu. Sogleich stellt er klar: «Das am Bahnhof war nicht ich, sondern ein Kollege.» Wer denn?, fragt Gerichtspräsidentin Lüscher. «Das möchte ich nicht sagen.» Und vor der Bank, da habe er nur kurz hin- und gleich wieder wegfahren wollen. «Ich hatte die Abrechnung gemacht und musste einen Kollegen dort etwas fragen. Dann haben wir uns schlicht verschnurret, die Zeit vergessen.» Er habe Farid und Walter gar nicht gesehen, «sonst hätten wir ja miteinander schwätzen können. Hätte man mich gefragt, wäre ich sofort weggefahren.» Farid sei ein Mitbewerber, der gewisse Regeln nicht einhalte. «Er hat das Gefühl, wenn er kommt, müssen alle Platz machen. Aber so ist das Leben einfach nicht.»

«Dazu haben Sie kein Recht»

Spätestens, als der Anwalt von Privatkläger Farid sein Plädoyer hält, wird klar: Was in dieser Verhandlung eher zufällig an die Öffentlichkeit gelangt, muss ein tiefer wurzelnder Konflikt sein. «Dieses Zupacken» von Brunos Arbeitgeber Konkurrenzfahrern gegenüber habe System. «Dem müssen hier gesetzlich Schranken gesetzt werden.» Ein Strafverfahren gegen den Geschäftsführer sei leider eingestellt worden, aber man habe nun gegen mehrere Mitarbeiter geklagt. «Es ist kein Krieg. Es ist eine einseitige Provokation von dieser Seite», sagt der Anwalt und deutet Richtung Bruno.

Dessen Verteidiger bestätigt: «Es gibt diesen Taxi-Streit.» Schuld sei aber nicht sein Mandant, sondern die Stadt Lenzburg, weil es seit Jahren kein geltendes Taxi-Reglement mehr gebe. Seither gebe es ständig Diskussionen, wer wo stehen und Kundschaft laden dürfe. Die zwei Strafbefehle gegen Bruno wegen Nötigung seien dennoch nicht zutreffend: «Man will hier mit Biegen und Brechen einen Sachverhalt konstruieren.» Beim Vorfall am Bahnhof sei sein Mandant schlicht nicht beteiligt gewesen – und bei jenem vor der Bank könne man nicht von Nötigung sprechen, da gar kein Schaden entstanden sei.

Nach einer halben Stunde Bedenkzeit entscheidet Gerichtspräsidentin Eva Lüscher: einmal Freispruch, einmal schuldig. «Da war klar der Wille, einen Mitbewerber zuzuparken», sagt sie. Natürlich hätte Farid ihn, Bruno, fragen können, ob er wegfahren würde. «Aber auch dann schränken Sie seine Willensfreiheit ein. Dazu haben Sie kein Recht.» Für Bruno bedeutet das: eine bedingte Geldstrafe über 3300 Franken und eine Busse von 800 Franken. Und für die Parteien im Lenzburger Taxi-Streit wohl, dass sie vorerst nicht so schnell beste Freunde werden.