Medizinstudium
Strafverfahren: Neuer Eignungstest nötig, weil Aargauer Firma gestohlene Fragen einsetzte

Medtest Schweiz GmbH hilft angehenden Medizinern beim Aufnahmetest. Doch nun läuft gegen die Aargauer Firma ein Strafverfahren, weil sie gestohlene Fragen eingesetzt haben soll. Nun müssen für den Medizinstudium-Eignungstest neue Fragen gestellt werden.

Manuel Bühlmann
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Für viele junge Frauen und Männer ein unerreichtes Ziel: Das Medizinstudium.

Für viele junge Frauen und Männer ein unerreichtes Ziel: Das Medizinstudium.

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Die Konkurrenz ist riesig: Der Grossteil der Bewerber um einen Platz für das Medizinstudium geht leer aus. Dieses Jahr wollen über 6000 Personen am Eignungstest teilnehmen – ein neuer Anmelderekord. Der Druck ist gross, die Nervosität auch. Angebote von Vorbereitungskursen und Testsimulationen sind entsprechend begehrt. Ein lukratives Geschäft.

2014 tauchten in den Vorbereitungskursen des Aargauer Anbieters Medtest 14 Fragen auf, die daraufhin identisch am Eignungstest gestellt worden sind und nicht gewertet werden konnten. Nachforschungen zeigten: Die Aufgaben waren Jahre zuvor gestohlen worden.

Swissuniversities, die Rektorenkonferenz der Schweizer Universitäten, zeigte die Aargauer Firma nach dem Vorfall an. Das Strafverfahren wegen Urheberrechtsverletzung und Widerhandlung gegen das Bundesgesetz ist bei der Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau hängig.

Zuständig für den Eignungstest ist das Zentrum für Testentwicklung und Diagnostik der Universität Freiburg (ZTD).

Auf dessen Blog heisst es: «Wir hatten erwartet, dass der Anbieter das kritisierte Verhalten durch das hohe Rechtsrisiko (es geht um Kosten, Strafen und Schadenersatz in nicht unbeträchtlicher Höhe) in diesem Jahr einstellt.»

Doch 2015 waren im Vorfeld erneut Originalaufgaben aufgetaucht, diesmal zwölf – die aber ebenfalls nicht gewertet werden konnten.

Wieder führte die Spur zur Aargauer Firma: Wer sich dort vorbereitete, kannte einige Fragen bereits.

«Wir haben die betreffenden Aufgaben sofort nach dem Vorfall 2014 aus den Kursunterlagen entfernt», betont Medtest-Geschäftsführer Philip von der Mühll.

Wieso ein Jahr darauf erneut identische Fragen vor dem Test im Umlauf waren, sei ihm rätselhaft. «Alle Kontrollmechanismen, die uns zur Verfügung stehen, haben wir genutzt.»

Wegen des laufenden Verfahrens sitze er nicht auf Nadeln, sagt von der Mühll. «Die Frage, ob Prüfungsaufgaben auch dem Urheberrecht unterliegen, ist nicht eindeutig geklärt.»

Vorwürfe gegen das Aargauer Unternehmen erhebt auch der deutsche Anbieter Meditrain, der in der Schweiz Vorbereitungskurse organisiert.

Medtest habe einen Test vervielfältigt, der davor Meditrain gestohlen worden war, diesen mit dem eigenen Copyright versehen und bei einer kostenpflichtigen Testsimulation eingesetzt, sagt Geschäftsführer Klaus Gabnach.

Aufgeflogen sei dies, weil ein Teilnehmer daraufhin eine Testsimulation bei Meditrain absolvierte und sich über die identischen Fragen beschwerte.

Besonders gravierend sei der Vorfall, weil die Aufgaben zwar regelmässig angepasst, aber nicht neu erfunden würden.

Gabnach schätzt die Kosten für die Erstellung eines neuen Tests auf 100 000 Franken.

Er spricht von einer «grossen Unverschämtheit» und kündigt an: «Wir prüfen, ob wir rechtlich vorgehen können.»

Die Vorwürfe sind Medtest-Geschäftsführer Philip von der Mühll bekannt. Er bestreitet, dass die Aufgaben gestohlen seien.

In diesem Fall sei unklar, bei wem das Copyright liege, sagt von der Mühll und übt im Gegenzug ebenfalls Kritik am Konkurrenten: «Bereits vor diesem Vorfall haben wir Meditrain mehrfach abgemahnt, weil unsere Werke im Unterricht verwendet und Raubkopien unserer Bücher vertrieben wurden.»

Die Vorfälle der letzten beiden Jahre sollen sich nicht wiederholen. Deshalb kündigte Swissuniversities jüngst an, dieses Jahr «ausschliesslich neue Fragen» zu verwenden.

Bislang handelte es sich beim Eignungstest um einen Mix aus neuen und alten Aufgaben, die nach einigen Jahren wieder eingesetzt werden.

Dieses System habe nun allerdings ausgetauscht werden müssen, wie Valérie Clerc von der Hochschulkonferenz sagt: «Wir werden nur noch neue Fragen einsetzen, um die Risiken künftig zu minimieren.»

Letztes Jahr sei dies noch nicht möglich gewesen, weil die Erstellung eines Tests sehr aufwendig ist und sich nicht in so kurzer Zeit realisieren liess. Ohne diese Vorfälle hätte der Test nicht in dieser Form erneuert werden müssen, sagt Clerc.

Die Hochschulkonferenz hat angekündigt, den Vorbereitungsmarkt intensiver zu beobachten.

Die kommerziellen Kurse zur Vorbereitung der Aufnahmeprüfung sind umstritten. Clerc: «Das Angebot freut uns nicht, aber wir müssen damit leben.»

Wichtig sei die Chancengleichheit aller Anwärter auf einen Studienplatz – und die sei gegeben. «Der Test lässt sich auch ohne Vorbereitungskurs erfolgreich absolvieren.»

Der nächste Eignungstest fürs Medizinstudium steht am 8. Juli an.

ZTD-Leiter Klaus-Dieter Hänsgen ist optimistisch, dass dieses Jahr alle Aufgaben gewertet werden können: «Das Risiko, das erneut gestohlene Fragen im Vorfeld auftauchen, ist praktisch gleich null.»