Der Fall von Rupperswil mache absolut fassungslos – so leitet Moderator Kaspar Loeb die Sendung «TalkTäglich» ein. Nicht nur, dass Thomas N. eine Mutter, ihre beiden Söhne und die Freundin des älteren Sohnes umgebracht habe. «Er missbrauchte zudem den jüngeren Sohn sexuell und zündete das Haus an.» Ob er jemals einen solchen Fall erlebt habe, will er von Ex-Kriminalkommissar Markus Melzl wissen. Dieser verneint: «Nicht von dieser Intensität. Aber ich wehre mich etwas dagegen, wenn man darüber diskutiert, welcher Fall jetzt schlimmer ist. Wir hatten viele Tötungsdelikte, und jedes ist ein Drama für sich.»

Ein unbeschriebenes Blatt

Besonders überraschend ist für Melzl, dass Thomas N. ein «unbeschriebenes Blatt» war, vor Rupperswil nie ein Delikt beging – oder zumindest nicht erwischt wurde. Dass bei ihm kinderpornografisches Material gefunden wurde, verwundert den Experten dagegen nicht. «Es hat ja eine gewisse Logik, dass jemand, der ein Kind sexuell missbraucht, auch schon Kinderpornografie konsumiert hat.»

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«Ist unsere Justiz mit einem so unvorstellbaren Fall überfordert?», will Loeb von Strafrechtsprofessor Martin Killias wissen. Zumindest sei der Fall in seiner Komplexität eine Herausforderung, sagt dieser. «Die Reaktion der Menschen ist: So jemand muss krank sein, ein normaler Mensch macht so etwas nicht. Normal ist es natürlich nicht. Aber auch normale Menschen sind zu schrecklich abnormalen Taten fähig.» Loeb fragt nach, ob es vorstellbar ist, dass Thomas N. gar nicht krank ist. «Das müssen nun die Fachleute herausfinden. Aber ich halte es zumindest für möglich.»

Auch Melzl pflichtet dem bei. Ein guter Kriminalist müsse auch diese Möglichkeit in Betracht ziehen. Er gehe aber davon aus, dass während der Strafuntersuchung damit gerechnet wurde, dass der Vierfachmörder schon früher straffällig geworden sei. «Aber es gibt einen Grundsatz in der Kriminalistik: allen alles zutrauen.»

Lebenslange Verwahrung?

Dass Thomas N. lebenslang verwahrt wird, ist für beide Experten im «TalkTäglich» alles andere als sicher. Damit dies möglich ist, müssen beide Gerichtsgutachter zum Schluss kommen, dass der Täter untherapierbar bleibt – sein Leben lang. Melzl gibt zu bedenken, dass der Täter noch sehr jung ist und bisher nicht straffällig wurde. «Es stellt sich die Frage, ob überhaupt jemand lebenslang verwahrt werden kann, ausser der Täter akzeptiert das Urteil und zieht es nicht weiter.»

Killias zieht den Vergleich zu einem Arzt, der eine Krankheit diagnostiziert: «Vielleicht kann er sagen, dass momentan keine Behandlung möglich ist. Aber niemand wird behaupten, dass das für die nächsten 30 Jahre so bleibt.» Es sei auch falsch, dass man bei der Therapierbarkeit ansetze: «Es gibt grässliche Taten, und diese verdienen einfach eine lebenslängliche Strafe.»

Ausserdem kritisieren beide Experten die Abhängigkeit der Justiz von der Psychiatrie: «Wir haben in den letzten zwei Generationen aus dem Strafrecht ein Therapieprogramm gemacht», sagt Killias. Melzl schliesst sich an: «Der Richter kann nicht zum Therapeuten werden. Deswegen ist er in seiner Urteilsfindung wahnsinnig abhängig von der Psychiatrie.»

Zum Schluss fragt der Moderator die beiden Experten nach einer Schätzung, wie lange Thomas N. weggesperrt werde. Keiner möchte sich darauf einlassen – dafür müsse man die Akten kennen, finden sie.