Berufsberatung

Stiftung vermittelt Lehrstellen – und kassiert dafür jeweils 4000 Franken

Was tun nach der Schule? Um Jugendlichen bei ihrer Zukunftsplanung zu helfen, stellen Kanton und eine private Stiftung Unterstützungsleistungen bereit. (Symbolbild)

Was tun nach der Schule? Um Jugendlichen bei ihrer Zukunftsplanung zu helfen, stellen Kanton und eine private Stiftung Unterstützungsleistungen bereit. (Symbolbild)

Seit Anfang Jahr wirbt eine private Stiftung in Lenzburg damit, Jugendlichen eine Lehrstelle vermitteln zu können – zum Ärger des Kantons. Denn dessen Beratungsdienst «ask!» tut das auch, und zwar kostenlos.

«Allen Jugendlichen eine Lehrstelle» lautet der verheissungsvolle Leitsatz der Schweizer Stiftung für berufliche Jugendförderung. Mit dem Programm «Lehre4you» ist die Stiftung bereits seit 2007 an acht Standorten in der ganzen Schweiz tätig. Seit Anfang Jahr nun auch im Kanton Aargau. Die neue Zweigstelle befindet sich in einem Büro in Lenzburg.

In seiner Broschüre verspricht «Lehre4you», jenen Jugendlichen zu helfen, die besonders Mühe haben, eine Lehrstelle zu finden. Ein professionelles Coaching verhelfe zu einem erfolgreichen Lehrabschluss, heisst es. Es steht: «75 Prozent der von uns betreuten Jugendlichen erhalten einen Lehrvertrag.» Klingt gut. Einziger Haken: Das Programm kostet 4000 Franken. Kein Klacks für junge Schulabgänger.

Als SP-Grossrätin Viviane Hösli eine persönliche Einladung zur Eröffnungsfeier der neuen Zweigstelle erhielt, informierte sie sich im Internet über die Stiftung und ihr Lehrvermittlungsprogramm. Sie sagt: «Auf den ersten Blick, sah das Angebot der Stiftung toll aus. Je länger ich jedoch recherchierte, umso kritischer wurde ich.»

Denn erst auf den zweiten Blick sei ihr klar geworden, dass das Angebot kostenpflichtig sei. Hösli findet es falsch, dass die Stiftung Geld verdient mit etwas, das der Kanton kostenlos zur Verfügung stellt.

Denn der Kanton verspricht ebenfalls, Jugendlichen erfolgreich zu einer Lehrstelle zu verhelfen. Sein Angebot ist allerdings gratis. Der Beratungsdienst für Ausbildung und Beruf im Kanton Aargau, «ask!», hilft Jugendlichen, nach der obligatorischen Schulzeit eine Anschlusslösung zu finden. Im letzten Jahr erhielten über 10'000 Jugendliche in einem der sechs Informationszentren von «ask!» eine Berufs-, Studien oder Laufbahnberatung.

1000 Franken beim Kanton

Nebst der Hilfe zur richtigen Berufswahl erhalten die Schüler Unterstützung beim Schreiben von Bewerbungen. Auf Wunsch können Mentoren beigezogen werden. Jene, die auch nach vielen Bewerbungen keine Stelle finden, können das Angebot «Lehrstelle Jetzt Plus» nutzen. In Gruppen- und Einzelgesprächen bekommt man Tipps zur Bewerbung und Unterstützung zur Lehrstellensuche.

Finden Jugendliche im neunten Schuljahr keine Lehre, können sie an der kantonalen Schule für Berufsbildung immer noch ein zehntes Schuljahr anhängen. Für Schulmaterialien und Ausflüge bezahlen die Schüler dort rund 1000 Franken.

Die Zahl jener, die nach der obligatorischen Volksschule keine Anschlusslösung findet, wird immer kleiner (siehe Box). Thomas Eichenberger, Geschäftsleiter von «ask!», zeigen diese Zahlen, dass das Bildungs- und Beratungsangebot des Kantons gut ist. Er findet fraglich, ob es neben dem kantonalen Angebot noch eine private Stiftung braucht, die für 4000 Franken Lehrstellen vermittelt.

Grundsätzlich fände er alle Aktivitäten begrüssenswert, die Jugendlichen helfen, eine Lehrstelle zu finden. Dass aber Unterstützungsleistungen auf dieser Stufe ökonomisiert würden, findet er problematisch. «Das ist nicht im Sinne unseres Auftrags, für Chanchengleichheit zu sorgen.»

Intensive Begleitung

Werner Zeller, Leiter der Zweigstelle von «Lehre4you» in Lenzburg, sagt: «Wir sehen uns nicht als Konkurrenz zum Kanton, sondern als Partner.» Es läge in der Entscheidung der Jugendlichen und ihrer Eltern, ob sie die 4000 Franken für das Coaching und die Begleitung bis zum Lehrabschluss investieren wollen.

Wenn Eltern nachweislich nicht in der Lage sind, diese Kosten zu tragen, springt laut Zeller die Stiftung ein. Drei Personen hätten soeben die erste Stufe des Programms abgeschlossen, sagt Zeller. Nun gehe es in die zweite Phase: das Bewerben. Ein Mentor wird die drei auf ihr Bewerbungsgespräch vorbereiten und sie gar dorthin begleiten.

Ist der Lehrvertrag unterschrieben, werden sie weiter betreut, bis sie die Lehre abgeschlossen haben. Zeller sagt: «Diese intensive Begleitung könnte von «ask!» gar nicht bewerkstelligt werden.» Wenn man sehe, was beim Coaching der Jugendlichen herauskomme, sei 4000 Franken nicht viel Geld.

Eva Eliassen, Grossrätin (Grüne), arbeitete fast 30 Jahre lang als Berufsberaterin bei «ask!». Seit zwei Jahren ist sie pensioniert. Sie sagt, dass Jugendliche auch in den vom Kanton mitgetragenen Programmen von Mentoren eng begleitet würden. Mit Angeboten wie jenen von «Lehre4you» habe sie Mühe.

Eliassen findet, statt private, kostenpflichtige Angebote auf den Markt zu werfen, müssten eher jene Angebote unterstützt werden, die schon vorhanden und gratis sind. «Gerade jetzt, wo der Kanton auch bei der Bildung auf Sparkurs geht.»

Im kommenden Sparpaket wird das Berufswahljahr abgeschafft und Beiträge an «ask!» werden limitiert. Grossrätin Viviane Hösli mutet es seltsam an, dass die Zweigstelle von «Lehre4you» gerade jetzt im Kanton Aargau eröffnet wird. Sie sagt: «Der Zeitpunkt der Eröffnung ist kaum zufällig gewählt.» Bei «Lehre4you» werde mit der Angst von Jugendlichen und deren Eltern gespielt. «Der Beratungsdienst impliziert, dass für alle eine Lehre gefunden wird, wenn dafür genug bezahlt wird.»

Schon enorme Fortschritte

Mit dem Sparpaket des Kantons habe die Eröffnung von «Lehre4you» nichts zu tun, sagt Zweigstellenleiter Zeller. Nach seinem Herzinfarkt habe er etwas machen wollen, das ihm Freude bereite. Nach den ersten zwei Wochen Betrieb ist er begeistert. «Die drei Jugendlichen, die wir in Lenzburg betreuen, haben schon enorme Fortschritte gemacht.»

Lobende Worte erhält die Stiftung aus dem rechten politischen Lager. SVP-Grossrätin Tanja Suter sagt: «Es ist immer ein Gewinn für die Gesellschaft, wenn verhindert werden kann, dass Jugendliche keine Lehre finden.» Und wenn die öffentliche Hand das Projekt nicht tragen müsse, sondern es privat finanziert würde, habe sie kein Problem damit.

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