Leeres Portemonnaie
Steuern direkt vom Lohn abziehen? – Jungpolitiker: «Totaler Blödsinn!»

Steuern vom Lohn abziehen, Schulden vermeiden – die Idee kommt bei Jungpolitikern schlecht an. Sie stören sich vor allem daran, dass mit dem Vorschlag der Eindruck erweckt werde, nur junge Leute könnten nicht mit Geld umgehen.

Manuel Bühlmann
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Leere Taschen gehören bei fast jeder zehnten Person zwischen 18 und 29 Jahren zum Alltag. Keystone

Leere Taschen gehören bei fast jeder zehnten Person zwischen 18 und 29 Jahren zum Alltag. Keystone

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Angenehm ist sie für niemanden, bei einigen sorgt sie gar für existenzielle Ängste: die Steuerrechnung. Wer Schulden hat, schuldet meist auch den Steuerbehörden Geld. Rechnung um Rechnung, Mahnung um Mahnung stapelt sich.

Eine schweizweite Studie besagt, dass fast jede zehnte Person zwischen 18 und 29 Jahren verschuldet ist. Im Aargau dürfte dies ähnlich sein, sagt Barbara Zobrist von der Aargauer Schuldenberatungsstelle. Soweit soll es gar nicht erst kommen, findet die Eidgenössische Kommission für Kinder- und Jugendfragen (EKKJ) und macht einen ungewöhnlichen Vorschlag: Die Steuern sollen direkt vom Lohn abgezogen werden, analog zu AHV und IV.

Der Jugendlohn: Eine Alternative zum Sackgeld

Wer den Umgang mit Geld bereits in jungen Jahren lernt, gerät weniger leicht in die Schuldenfalle. Auch deshalb zahlen die meisten Eltern ihren Kindern ein monatliches Sackgeld. Damit können sie kaufen, was sie wollen. Der Jugendlohn, den Schuldenpräventionsfachleute empfehlen, hingegen geht weiter: Den fixen monatlichen Betrag können die Jugendlichen selber verwalten, müssen damit aber auch Lebenskosten wie Kleider, Coiffeur, Velo oder Handy bezahlen. Aktiv für die Verbreitung des Jugendlohn-Konzepts wirbt Andrea Fuchs von der Schuldenberatung Aargau-Solothurn: «Die Kinder lernen, notwendige Anschaffungen gegen Konsumwünsche abzuwägen und müssen selber überlegen, was ihnen wichtig ist und wie sie ihr Geld einteilen.» Die Höhe des Betrags soll den bisherigen Ausgaben und dem Familienbudget entsprechen. Eine jüngst veröffentlichte erste Evaluation zeigt nun: Viele Eltern haben mit dem Jugendlohn gute Erfahrungen gemacht. (Mbü)

Doch wie kommt die Idee bei den Aargauer Jungpolitikern an? Von links bis rechts ziemlich schlecht. «Totaler Blödsinn», sagt Itamar Piller, Präsident der Jungen Grünen. Es brauche stattdessen frühzeitige Sensibilisierung: «In der Schule werden die Jugendlichen zu wenig auf die finanziellen Risiken vorbereitet.» Prävention hält auch Juso-Präsident Sascha Antenen für den richtigen Ansatz. Er warnt vor einem Pauschalurteil: «Die meisten jungen Leute können durchaus mit Geld umgehen.»

Dominik Peter, Präsident der jungen Aargauer Grünliberalen findet es «keine kluge Idee», die Steuern nur bei jungen Erwachsenen vom Lohn abzuziehen. «Damit wird das Problem nur nach hinten verschoben und sogar noch verschärft, weil mit dem höheren Alter Lohn und Steuern steigen.»

Und: Die Eigenverantwortung werde durch diese Massnahme auch nicht erhöht. Die Präsidentin der Jungfreisinnigen, Anna Wartmann, sieht dies ähnlich: «Für Jugendliche mag das zwar einfacher sein, aber so lernen sie nicht, damit umzugehen.»

Bei jungen Leuten laufe vieles nach dem Prinzip Versuch und Irrtum. «Wer nicht Fehler machen kann, wird nie lernen, Verantwortung zu übernehmen.» Michael Kaufmann, Präsident der Jungen CVP, sagt: «18-Jährige sollten alt genug sein, um die Verantwortung für die eigenen Finanzen zu übernehmen.»

Alle angefragten Jungpolitiker stören sich insbesondere an einem Punkt: Der Eindruck werde erweckt, dass nur junge Leute nicht mit Geld umgehen könnten und sich verschulden würden.

Dabei seien alle Altersgruppen gleichermassen davon betroffen. Das bestätigt Schuldenberaterin Barbara Zobrist: «Die Verschuldung ist ein Problem der Gesellschaft, nicht der Jugend.»

Die Zahl der Ratsuchenden würden stetig steigen, aber nicht nur unter jungen Menschen. Rund ein Fünftel der Klienten der Beratungsstelle sind unter 30 Jahre alt. Wer kommt, steckt meist schon tief im Steuersumpf.

«Die meisten Betroffenen suchen erst dann Rat, wenn der Leidensdruck bereits sehr hoch ist», sagt Zobrist. Wenn Einsamkeit droht, weil man nicht mehr am kulturellen oder sozialen Leben teilnehmen kann. Wenn der Eintrag im Betreibungsregister den Einzug in eine neue Wohnung verhindert. Wenn die Pfändung des Lohns droht.

Das Ziel: schuldenfrei innerhalb von drei bis vier Jahren. «Wenn alle Voraussetzungen für eine Sanierung erfüllt sind, funktioniert der Weg in die Schuldenfreiheit in 99 Prozent der Fälle», sagt Zobrist. Allerdings nur mit professioneller Hilfe: «Allein kommen die wenigsten aus den Schulden raus.» Gefordert seien die Beraterinnen insbesondere bei den Verhandlungen mit Gläubigern.

Ohne deren Goodwill gehe es nicht, sagt Zobrist. Findet sich eine Lösung, wird ein Budget ausgearbeitet – der Überschuss geht an die Gläubiger. Wer den Sprung aus den Schulden schafft, schafft ihn meist definitiv. «Mir ist kaum jemand bekannt, der sich nach einer erfolgreichen Sanierung erneut verschuldet.»

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