Ob dieses Zimmer das Sterbezimmer sei, wollte seine Frau von Rolf Möschler im Spital wissen. «Natürlich nicht», antwortete er. Für ihn war klar: «Wenn die Ärzte im Spital nicht mehr für meine Frau machen können, als ich zu Hause für sie tun kann, dann kommt sie nach Hause. Das war auch ihr Wunsch.» Rolf Möschler hatte bereits seine Mutter an Krebs verloren. Sie starb im Spital. Die Ärzte informierten ihn telefonisch. «Damals habe ich mir geschworen, dass mir das nie mehr passiert.»

Im November 2016 diagnostizierte der Arzt bei seiner Frau Krebs. Am Anfang ging alles noch gut. Auch mit der Chemotherapie. «Als ich aber erfuhr, dass sie Ableger im Hirnwasser hat, wusste ich, dass ich sie verliere», sagt Rolf Möschler. Seine Frau starb am 26. August 2017. Zu Hause in Sarmenstorf. Er war bei ihr.

Ohne Angehörige geht es nicht

Immer mehr Menschen möchten zu Hause sterben. Seit Mai 2017 erfüllt die Palliative Spitex Aargauerinnen und Aargauern diesen Wunsch. Die Palliative Spitex ist damals aus der Onko-Spitex der Krebsliga Aargau entstanden. Ein Team von speziell ausgebildeten Fachpersonen berät, pflegt und begleitet Menschen am Lebensende bis zum Tod. Margreth Rütti ist eine der Fachfrauen. Sie versteht gut, wenn jemand in den eigenen vier Wänden sterben will. «Zu Hause zu sein, heisst, immer noch ein bisschen Normalität zu haben. Das fehlt im Spital.»

Am 3. August 2017 meldet das Spital dem Palliative-Spitex-Zentrum Lenzburg, dass eine Patientin zu Hause Unterstützung benötige. Fünf Tage später wird Rolf Möschlers Frau aus dem Spital entlassen. In Sarmenstorf wartet Margreth Rütti und führt als Erstes eine Bedarfsabklärung durch. Nebst der klinischen Untersuchung werden auch die Bedürfnisse aller Beteiligten erfasst. Er werden Betreuungspläne erstellt, Probleme eruiert und eine Behandlungsstrategie festgelegt. Gewisse Aufgaben übernimmt die Spitex vor Ort, Vieles erledigen die Angehörigen. «Ohne Angehörige können wir gar nichts machen», sagt Margreth Rütti. Deshalb sei es wichtig, ihnen Sicherheit zu geben. «Es ist unsere Aufgabe, die Angehörigen zu schulen, damit sie wissen, was sie tun können. Vorbeugend und im Ernstfall.»

Rolf Möschler hat viele Aufgaben selber übernommen. Er hat seiner Frau zum Beispiel Morphin gespritzt, um die Schmerzen zu lindern. «Das ging gut», sagt er. «Man kann viel selber machen, wenn man muss.» Sicherheit gab ihm, dass er sich nie alleine fühlte, dass er wusste, an wen er sich wenden konnte, wenn es ein Problem gab.

Berührungsängste seien normal, sagt Margreth Rütti. Vor allem am Anfang. Die meisten Angehörigen seien Laien. «Sie wurden nie mit Schwerstkranken und Sterbenden konfrontiert.» Morphin zum Beispiel mache vielen Angst, weil sie das starke Schmerzmedikament mit Sterben gleichsetzen. Margreth Rütti versucht, den Angehörigen durch exakte Anleitung und Aufklärung die Angst zu nehmen. «Wenn sie sich sicher fühlen, wachsen fast alle über sich hinaus und sind dankbar, wenn sie es geschafft haben.»

Hoher Koordinationsaufwand

Neben Anleitung und Aufklärung der Angehörigen übernimmt die spezialisierte Palliative Spitex viele Koordinationsaufgaben. Die Pflegefachpersonen stehen in engem Kontakt mit behandelnden Ärzten und Kliniken, organisieren die Medikation oder, wenn nötig, Hilfsmittel wie ein Pflegebett für zu Hause. Zudem sind sie im Austausch mit der Spitex vor Ort. Rolf Möschler schätzte es sehr, dass ihm die Palliative Spitex all das abgenommen hatte. So konnte er sich auf seine Frau konzentrieren, anstatt sich mit Bürokratie herumzuschlagen.

Das Problem: «Diese Koordinationsleistungen werden von den Versicherern nur sehr beschränkt bezahlt», sagt Rebekka Hansmann, Präsidentin des Spitex-Verbands Aargau. Die Palliative Spitex sei weit davon entfernt kostendeckend zu arbeiten. Die Leidtragenden sind die Gemeinden, die als Restkostenfinanzierer zur Kasse gebeten werden. «Für die Gemeinden stellen die stetig steigenden Pflegekosten ein Problem dar. Deshalb müsste der Kanton handeln und die Finanzierung der spezialisierten Palliative Pflege – ambulant und stationär – endlich regeln», fordert Rebekka Hansmann. «Wenn die Finanzierung ab 2020 nicht geklärt ist, können wir den Dienst nicht mehr anbieten.» Von der Gesundheitspolitik werde der Grundsatz ambulant vor stationär zwar propagiert. «Dabei geht es aber primär um chirurgische Eingriffe und kaum je ums Sterben», sagt Rebekka Hansmann.

Im Spital sterben kostet mehr

Obwohl eine Pflegestunde der Palliative Spitex mehr kostet als die normale Spitex, sei sie immer noch günstiger als die Versorgung im Spital, sagt Rebekka Hansmann. Sie rechnet vor: «Die Palliative Spitex hat im Aargau im vergangenen Jahr 160 Menschen bis zum Tod zu Hause begleitet und betreut. Hätten diese vor dem Tod fünf Tage im Spital verbracht, hätte das Kosten von mindestens 1,6 Millionen Franken verursacht, eine knappe Million davon hätte der Kanton zu tragen.» Es müsse nicht aus Kostengründen jeder Mensch zu Hause sterben, sagt Rebekka Hansmann. «Aber es muss möglich sein, wenn sich das jemand wünscht und das Umfeld dazu bereit ist.»

Angefangen hat die Palliative Spitex mit sieben regionalen Zentren im Kanton. Ab 2019 werden es nur noch fünf Zentren sein. «Zwei haben aus Kostengründen ihre Leistungen eingestellt», sagt Rebekka Hansmann. Die Gebiete werden nun auf die übrigen fünf Zentren aufgeteilt: Spitex Region Brugg, Spitex Fricktal, Spitex Region Lenzburg, Spitex Muri sowie Spitex Suhrental Plus. Damit umfasse ein Einzugsgebiet ungefähr 120'000 bis 150'000 Einwohner. «Aus anderen Kantonen weiss man, dass dies eine vernünftige Grösse für den spezialisierten Dienst ist», sagt Rebekka Hansmann.

Manchmal verzweifelt man

Margreth Rütti war erreichbar, wenn Rolf Möschler sie brauchte. Denn so sehr er es genoss, seine Frau zu Hause zu haben, leicht war es nicht immer. «Manchmal verzweifelt man», sagt er. Zum Beispiel in jenen Momenten, in denen seine Frau ihn losschickte, um ein spezielles Getränk zu kaufen, auf das sie Lust hatte. «Ich habe es ihr gebracht und sie trank nur ein Schlücklein. Am Schluss standen vier, fünf Getränke dort», schildert Rolf Möschler. Aber man müsse Verständnis entwickeln, versuchen, sich nicht aufzuregen.

Geholfen hat ihm seine Leidenschaft: die exotischen Fische. Diese züchtet er und verkauft sie im eigenen Laden in Sarmenstorf, der immer am Nachmittag für eine gute Stunde geöffnet ist. «Mit den Kunden konnte ich andere Gespräche führen. Das half mir, abzuschalten.» Er habe sich sowieso vorgenommen, nicht in ein Loch zu fallen. «Das nützt nichts. Es ist brutal, aber das Leben geht weiter. Ich bin dankbar für die 42 gemeinsamen Jahre.»

Nach dem Tod eines Menschen zieht sich auch die Spitex zurück. Die vielen Telefone von Freunden und Bekannten, die Einsamkeit am Abend, die Leere. Hier Stütze zu sein, ist nicht Aufgabe der Spitex. «Aber wir können die Angehörigen darauf vorbereiten, was nach dem Tod alles auf sie als Hinterbliebene zukommt», sagt Margreth Rütti.