Der neue Landammann

Stephan Attiger: «Zusammen mit Zürich ist der Aargau eine Macht»

Stephan Attiger: «Die Nähe zur Wirtschaftsmetropole Zürich ist gut für uns. Mindestens der Osten des Aargaus ist Teil des Zürcher Wirtschaftsraums.»

Stephan Attiger: «Die Nähe zur Wirtschaftsmetropole Zürich ist gut für uns. Mindestens der Osten des Aargaus ist Teil des Zürcher Wirtschaftsraums.»

Der neue Landammann Stephan Attiger erklärt die Entscheidfindung in der Regierung, warum der Aargau mit Zürich zusammen viel erreichen könnte, und warum er nicht glaubt, dass der Umgangston in der Politik härter geworden ist.

Herr Attiger, Sie sind zum ersten Mal Landammann. Was wollen Sie erreichen?

Stephan Attiger: Die erste Aufgabe wird sein, das teilweise neu zusammengesetzte Regierungsgremium zusammenzuführen. Wir wollen uns gegenseitig kennen lernen und Vertrauen aufbauen. Ziel ist, dass wir als Regierung einheitlich auftreten und mit einer Stimme sprechen. Ich denke, in der Vergangenheit ist dies gut gelungen.

Und ausserhalb der Regierung?

Zentral ist die Aufgabe, die erreichte hohe Attraktivität des Kantons Aargau als Wirtschafts- und Wohnstandort aufrechtzuerhalten. Zudem gilt es, die Haushaltssanierung zu schaffen, damit wir aus dem Sparprogramm-Modus herauskommen. 2017 und 2018 werden wohl nochmals schwierig. Ich bin aber zuversichtlich, dass es uns gelingt, mit einem guten Fahrplan da rauszukommen.

Die Attraktivität hat eine Kehrseite. Immer mehr Menschen drängen sich auf engem Raum. Das führt zu Dichtestress.

Wenn man nicht wachsen will, darf man nicht attraktiv sein. Wir wollen aber attraktiv sein. Entscheidend ist, die Infrastruktur auf die zusätzlichen Einwohnerinnen und Einwohner auszurichten, damit alle Platz haben.

Aber viele empfinden Dichtestress.

In der Tat hinken wir hier der Entwicklung hinten drein, wir wollen das aber aufholen und vorausschauend handeln. Es gibt auch gute Beispiele: Mit der Limmattalbahn machen wir es richtig: Da stellen wir uns auf das kommende Wachstum ein und bauen rechtzeitig die nötige Verkehrsinfrastruktur.

Freuen Sie sich auf etwas besonders im Landammannjahr?

Einerseits auf die vielen persönlichen Begegnungen und Gespräche mit den Aargauerinnen und Aargauern. Und dann auf die Zusammenarbeit in der Regierung.
Das wird aber schwieriger. Wie im Parlament könnte es öfters Pattsituationen geben.
Wenn wir vollzählig, also zu fünft, sind, kommt es nicht dazu.

Aber es dürfte mehr Situationen mit knappen Mehrheitsverhältnissen geben.

Es gab bisher schon Themen, bei denen wir schliesslich abstimmen mussten. Pattsituationen hatten wir in der eben zu Ende gegangenen Legislatur aber keine. Vieles wurde einvernehmlich entschieden. Auch wenn ein Entscheid mal nicht einstimmig fiel, standen nachher alle dahinter und vertraten ihn. Das ist das Wesen des Kollegialprinzips.

Wie finden Sie einen Ausweg, wenn Sie sich mal nicht einigen können?

Ein Departement bringt eine Botschaft ja nicht einfach so in die Regierung ein. Es finden Vorkonsultationen und Gespräche auch mit den betroffenen Kreisen statt, bei umstrittenen Vorlagen werden erst Leitsätze verabschiedet. Dann kann man sich mit Mitberichten einbringen, bevor eine Vorlage in die Regierung kommt. So kann sich jedes Regierungsmitglied vorab ein Bild machen, wie ein Geschäft mehrheitsfähig sein könnte. Nur wenn wir uns auch dann noch nicht einig sind, wird abgestimmt.

Wie ist Ihr Tagesstart? Manche Bundesräte machen um 7 Uhr Rapport mit den Chefbeamten.

Das halte ich ebenso, die erste Sitzung mit meinen engsten Mitarbeitern um 7 Uhr ist normal. Das ist eine gute Zeit, da kommen noch fast keine Telefonanrufe.

Fühlen Sie sich zuerst als Badener oder als Aargauer?

Baden ist meine Heimat, die ich sehr gut kenne. Als Regierungsrat fühle ich mich primär als Aargauer. Demzufolge fühle ich mich heute genauso als Aargauer wie als Badener.

Das dynamische Zürich ist nah. Das spürt man nirgendwo so wie in Baden. Ist das ein Vor- oder ein Nachteil?

Die Nähe zur Wirtschaftsmetropole Zürich ist gut für uns. Mindestens der Osten des Aargaus ist Teil des Zürcher Wirtschaftsraums. Wichtig ist hier, dass der Aargau mit seinem guten Preis-Leistungs-Verhältnis gerade beim Wohnen sehr attraktiv ist. Wir sollten noch viel mehr zusammenspannen, um Synergien zu nutzen.

Meinen Sie etwa den gemeinsamen Einsatz für den A1-Ausbau?

Ja, unter anderem. Zürich ist der grösste und der Aargau der viertgrösste Kanton. Wir haben viele gemeinsame Interessen. Zusammen sind wir eine Macht. Wir können in vielem gegenseitig voneinander profitieren. Erst recht, wenn wir uns auch mit anderen Nachbarkantonen zusammen für ein Anliegen starkmachen können.

Regierungsrat Stephan Attiger wird Landammann im Jahr 2017. Der Badener leitet das Departement Bau, Verkehr und Umwelt (BVU). Aufgenommen am 20. Dezember 2016 in Aarau.

Stephan Attiger

Regierungsrat Stephan Attiger wird Landammann im Jahr 2017. Der Badener leitet das Departement Bau, Verkehr und Umwelt (BVU). Aufgenommen am 20. Dezember 2016 in Aarau.

Zum Beispiel?

Ich denke nicht nur an die A1, sondern auch an den weiteren Bahnausbau, den Nationalen Verkehrsinfrastrukturfonds und vieles mehr. Zudem ist man heute mit dem öV von Aarau oder Lenzburg praktisch gleich schnell in Zürich, wie wenn man vom Seefeld mit dem Tram ins Zentrum fährt. Der Kanton Aargau ist aber auch der Kanton der Regionen. Von Zofingen ist man heute sehr schnell in Bern und umgekehrt. Gleichzeitig müssen wir mit Basel zusammenarbeiten, wo das Fricktal profitieren kann, oder mit der Innerschweiz, wo das Freiamt nahe liegt.

Zu Ihren Hobbys zählt Joggen im Badener Wald. Was bringt es Ihnen?

Inzwischen bike ich fast mehr als zu joggen. Ich bin sehr schnell von daheim im Wald. Ich fühle mich in der lebendigen Natur sehr wohl. Sie bringt mir extrem viel. Die Natur vor unserer Haustüre müssen wir uns als Standortvorteil unbedingt erhalten. Heute ist man in 10, 15 Minuten von jedem Punkt im Aargau irgendwo im Grünen. Mir tut zudem körperliche Betätigung gut, ich fühle mich besser. Ich brauche die Bewegung auch, weil ich gern gut esse.

Wie erholen Sie sich sonst von der Arbeit?

Ich fahre gern Töff, bin letztes Jahr aber gar nicht dazu gekommen. Am wichtigsten ist mir meine Familie. Sie kommt wegen meinem Politikerleben leider zu kurz. Wochentags bin ich sehr oft bis 21 oder gar 23 Uhr, manchmal auch bis 24 Uhr, unterwegs. Weil mein Kalender derart dicht gefüllt ist, nehme ich mir aber für meine Familie und als Ausgleich für mich regelmässig Ferien, auch im Landammannjahr.

Haben Sie einen Lieblingsort?

Ja, zwei. Am schönsten finde ich es im Wald und zu Hause in unserem Garten.

Haben Sie es schon einmal bereut, Politiker zu sein?

Im Leben jedes Politikers gibt es Hochs und Tiefs. Die Tiefs verschwinden aber jeweils schnell. Ich mache meine Arbeit gern.

Ich frage, weil Politiker immer öfter heftig angefeindet werden.

Damit muss man leben können. Eine Grenze wird aber überschritten, wenn die Familie einbezogen wird. Diese Grenze muss respektiert werden.

Ihre erste Ausbildung war Bauspengler. Hat Handwerk im digitalen Zeitalter noch goldenen Boden?

Ja, ganz sicher. Zumal es heute viel mehr Weiterbildungsmöglichkeiten gibt als früher – bis zur Hochschule. Wer in der Berufswahl unsicher ist, dem empfehle ich eine handwerkliche Lehre. Als Handwerker kann man projektbezogen arbeiten und gestalten, sieht das Resultat der Arbeit. All dies gefällt mir. Das ist der Hauptgrund, warum ich in die Politik ging. Denn da kann man genau so gestalten, auch wenn natürlich nicht alles auf Anhieb klappt.

Werden der Umgangston und die Lösungssuche härter?

Der politische Diskurs ist persönlicher geworden. Die Medien personalisieren gern, selbst wenn es um die Sache geht. Ich habe aber nicht den Eindruck, dass der Umgangston härter wurde. Da kann ich mich nicht beklagen. Ich habe es in Baden schon vor über zehn Jahren erlebt, dass der halbe Einwohnerrat im Zorn den Saal verliess. Da muss man sich wieder zusammenfinden.

Wie?

Das geht. Es braucht den beidseitigen Willen zum Dialog. Der ist da. Ich behaupte, dass jeder Grossrat und jede Grossrätin, die ich zum Kaffee einlade, käme. Ich könnte auch mit allen einen Kaffee trinken, völlig unabhängig davon, wo wir politisch oder in Sachfragen stehen. Es kann aber sein, dass der politische Diskurs in Zeiten des Sparens härter ist als in guten Zeiten, in denen man etwas verteilen kann.

Planen Sie als Landammann eine besondere Aktivität?

Ich führe den Landammann-Stammtisch weiter, aber in einer anderen Form. So gehe ich zum Beispiel in eine Gewerbeschule, um mit Jugendlichen zu diskutieren, oder zu einem Verein, um mir die Anliegen da anzuhören. Weitere ähnliche Anlässe werden dazukommen. So komme ich in Kontakt auch mit Leuten, die vielleicht nicht an einen Stammtisch-Anlass kämen.

Sie wohnen in Baden und wissen aus eigenem Erleben, was Fluglärm ist. Kämpfen Sie jetzt als Badener oder als Aargauer Regierungsrat gegen zu viel Fluglärm?

Ganz klar, ich setze mich als Aargauer Regierungsrat für eine gute Lösung ein. Das kann ich gar nicht als Badener. Sehen Sie, das Surbtal und Spreitenbach profitieren sehr vom geplanten neuen Flugregime, während Wettingen und weitere Gemeinden sehr darunter leiden. Jetzt muss der Aargau in Bern unbedingt mit einer Stimme sprechen, um die drohenden Verschlechterungen abzuwenden. Nur miteinander und mit einer konsolidierten Haltung haben wir eine Chance.

Wovon sollte der Aargau mehr haben?

Der Aargau hat eine sehr ausgewogene Wirtschaftsstruktur und sehr starke KMU. Mehr so hohe Wertschöpfungen wie in den Pharmafirmen im Fricktal würden uns aber helfen. Viele exportorientierte Aargauer Firmen leiden überproportional unter dem starken Franken, ihre Margen sinken, es gibt weniger Gewinn, es kann weniger investiert werden, und es werden weniger Steuern bezahlt.

Verschiedene Konjunkturauguren sehen inzwischen aber Silberstreifen am Horizont.

Positiv ist, dass viele Auftragsbücher gut gefüllt sind, und dass wir wenig Kurzarbeit haben. Und es gibt tatsächlich Anzeichen, dass sich die Wirtschaft inzwischen auf die schwierige Frankensituation eingestellt hat. Ich bin bezüglich Konjunkturentwicklung vorsichtig positiv gestimmt.

Was ist Ihr grösster Wunsch für 2017?

Gute Gesundheit ist für meine Familie, meine Mitarbeitenden, Freunde und Bekannten, für mich und für jeden Menschen das Allerwichtigste. Für den Kanton Aargau wünsche ich mir, dass er bald aus dem Sparmodus herausfindet, und dass wir wieder neue Herausforderungen anpacken können, um unseren Kanton weiter voranzubringen.

Regierungsrat Stephan Attiger wird Landammann im Jahr 2017. Der Badener leitet das Departement Bau, Verkehr und Umwelt (BVU). Aufgenommen am 20. Dezember 2016 in Aarau.

Stephan Attiger: «Wochentags bin ich sehr oft bis 21 oder gar bis 23 Uhr, manchmal auch bis 24 Uhr, unterwegs.»

Regierungsrat Stephan Attiger wird Landammann im Jahr 2017. Der Badener leitet das Departement Bau, Verkehr und Umwelt (BVU). Aufgenommen am 20. Dezember 2016 in Aarau.

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