Volker Künzle trägt einen vollen Schnauz, eine runde Brille, einen gelben Veston und eine violette Krawatte. Kurz: Der Mann ist die Verkörperung der Konstanz. Künzle ist Leiter des Hauptzollamts Lörrach. Wenn einer wie er warnt, tut er dies in jener Sprache, die sonst nur in codierten Arbeitszeugnissen verwendet wird.

Über seine Zöllnerinnen und Zöllner an der Grenze zur Schweiz schreibt Künzle: «Die in diesem Bereich eingesetzten Beschäftigten leisten Erhebliches und sind täglich bemüht, dem Servicebedürfnis von Wirtschaft und Privatkunden gerecht zu werden.» Freundliche Grüsse aus dem Seminar «Krisenkommunikation für Optimisten».

Stempel für (fast) jeden Einkauf

Denn: Die deutschen Zöllner sind am Anschlag. Für Aargauer etwa, die entlang dem Rhein wohnen, ist der Gang über den Fluss Alltag. Doch seit dem Fall der Euro-Untergrenze fahren auch Luzerner, Obwaldner und Berner nach Rheinfelden, Stein oder Laufenburg, um günstiger einzukaufen. 2014 stempelten Beamte der deutschen Hauptzollämter Lörrach und Singen total 15,7 Millionen Ausfuhrkassenzettel ab.

Alle sieben Aargauer Grenzübergänge zählen zu diesem Gebiet, das insgesamt von Basel bis Konstanz reicht. Das sind 15,7 Millionen Einkäufe, die Schweizer im Lidl, im Kaufland oder im Drogeriemarkt tätigten.

Oder: An einem Spitzentag bis zu 60 abgefertigte Belege – pro Minute. Nicht unbedingt, weil sich die Rückforderung bei jedem Beleg lohnt, sondern weil sie bei jedem möglich ist: Deutschland kennt keine Bagatellgrenze; unabhängig von der Summe wird jede Ausfuhr bestätigt.

«Der Lage kann man fast nicht mehr Herr werden», sagte ein Zollamtsleiter kürzlich zur az. Das Problem: Die Abfertigung ist Handarbeit. Jeder Kassenzettel, jedes Formular wird von Auge geprüft, von Hand geheftet, abgestempelt. Der Beamte am Schalter und der Schweizer in der Schlange könnten Zeit und Nerven sparen, würde der Ablauf automatisiert.

«Zoll und Bürger entlasten»

Um just diese Idee zu besprechen, trafen sich vor einem Jahr Vertreter der Bundesfinanzdirektion, der Industrie- und Handelskammer Hochrhein-Bodensee und wichtiger Unternehmen.

Gemäss einer Medienmitteilung erhoffen sie sich drei positive Effekte: die Kunden könnten an den Kassen und am Zoll schneller abgefertigt werden, die Läden müssten die Ausfuhrkassenzettel nicht mehr aufwendig einlagern, die Rückerstattung würde elektronisch schneller erfolgen.

Linda Kosmalla von der Stabsstelle Öffentlichkeitsarbeit der Bundesfinanzdirektion Südwest bestätigt auf Anfrage: «Wir möchten nicht nur den Zoll entlasten, sondern auch die Wirtschaft und die Bürger.»

Dass jetzt wirklich etwas geht, ist auch ein Verdienst von Thomas Dörflinger. Der Bundestagsabgeordnete aus Waldshut-Tiengen und Vorsitzende der deutsch-schweizerischen Parlamentariergruppe hatte bereits vor einigen Jahren einen Vorstoss unternommen – erfolglos.

Doch: Im Juli 2013 besuchte ein Abteilungsleiter des Bundesfinanzministeriums den Zoll in Waldshut – und versicherte, man werde das Anliegen prüfen.

Vor wenigen Tagen wurde bekannt: Jetzt hat die Bundesfinanzdirektion aus Berlin den Auftrag erhalten, eine Expertenkommission zusammenzustellen. Linda Kosmalla: «Die Kommission wird jetzt Ideen sammeln und besprechen.»

Platzverhältnisse bereiten Sorgen

Noch ist unklar, wie die Automatisierung konkret umgesetzt würde, laut Dörflinger werde es sich aber sicher «um ein IT-gestütztes Verfahren handeln». Eingesetzt werden könnte es theoretisch an allen Grenzübergängen zur Schweiz, «vermutlich aber schon aus Kostengründen nicht an jedem einzelnen, sehr kleinen Übergang», vermutet Dörflinger. Bis im Spätsommer sollen die Anforderungen definiert sein, dann wird das weitere Vorgehen geplant.

Nicht involviert ist die Schweiz. Laut Patrick Gantenbein, Sprecher der eidgenössischen Zollverwaltung in Basel, sei man «im Rahmen der guten Zusammenarbeit vor einiger Zeit über die Möglichkeit dieses neuen Verfahrens informiert» worden.

Eine Mitwirkung sei aber «nach jetzigem Wissensstand nicht vorgesehen». Gantenbein würde es begrüssen, wenn damit der Verkehrsfluss gefördert werden könnte, doch gibt er auch zu bedenken, dass die Platzverhältnisse für eine Realisierung «teilweise knapp» seien.

Dies ist auch den deutschen Planern bewusst. Antje Bendel, Sprecherin des Hauptzollamts Lörrach, sagt: «An unseren Grenzübergängen sind die Platzverhältnisse beengt. Das muss bei der Planung berücksichtigt werden».

Nun würden aber erst einmal «die technischen Möglichkeiten ausgelotet» und die «rechtlichen Voraussetzungen geprüft». Eine Inbetriebnahme vor 2017 halte sie für «sehr optimistisch.». Bis dahin müssen sich die Zöllner wohl oder übel in der Krisenkommunikation für Optimisten üben.