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«Stellt die Drögeler wieder auf die Strasse»: Wie sich der Aargau um seine Süchtigen kümmerte

Vor 25 Jahren wurde die offene Drogenszene am Letten geschlossen. In Zürich verkehrten damals zahlreiche Süchtige aus dem Aargau. Ab 1993 wurden sie in ihre Wohngemeinden zurückgeführt. Im Gegensatz zu anderen Kantonen war das Hilfsangebot im Aargau deutlich schlechter.

Die offenen Drogenszenen auf dem Platzspitz neben dem Zürcher Hauptbahnhof und später auf dem stillgelegten Bahnhof Letten waren während Jahren die grössten Drogenumschlagplätze in Europa. In aller Öffentlichkeit wurde gedealt, geraucht, gespritzt und gestorben. Wer das Elend nicht mit eigenen Augen gesehen hat, auf den wirken die Bilder von damals surreal.

Bilder von Menschen mit hochgekrempelten Ärmeln, die zwischen Abfall auf dem Boden sitzen und eine Vene für den nächsten Schuss suchen. In den 80er- und 90er-Jahren pendelten täglich tausende Süchtige nach Zürich, um sich mit Stoff zu versorgen – darunter auch viele aus dem Kanton Aargau.

Der Aargau kümmerte sich damals aber lieber nicht um sein Drogenproblem. Auf privater Ebene sind zwar verschiedene Angebote für Abhängige entstanden. Aber der Kanton tat sich schwer. Es wurde jahrelang ein Standort für eine kantonale Drogenklinik gesucht. Das Projekt scheiterte jedoch am Widerstand der Gemeinden. Niemand wollte die Drögeler vor seiner Haustüre.

Kritik an repressiver Haltung

Der damalige Aargauer Gesundheitsdirektor Peter Wertli (CVP) sagte 1991 zum «Tages-Anzeiger»: «Wir sind nicht willens, zusätzliche Anreize für Drogenkonsum im Kanton zu schaffen.» Überlebenseinrichtungen würden von den politischen Instanzen auch nicht akzeptiert. Ausserdem gebe es aufgrund der dezentralen Struktur des Kantons keine eigentliche zentrale Drogenszene.

«Ähnliche Hilfsangebote, wie sie Zürich anbieten kann, wären daher bei uns kaum möglich», sagte Peter Wertli. Im Kanton Zürich wurde der Aargau für seine Haltung kritisiert. Durch Repression und eine zaghafte Politik fördere er den Drogentourismus und schiebe seine Abhängigen nach Zürich ab.

An der repressiven Haltung gegenüber Süchtigen änderte auch der Wechsel im Aargauer Regierungsrat nichts. Stéphanie Mörikofer (FDP) führte als Gesundheitsdirektorin die Politik ihres Vorgängers fort. Ansätze einer offenen Szene im Aargau erstickte die Polizei im Keim, Fixerstübli oder andere Orte, an denen Süchtige geschützt konsumieren konnten, duldete man im Kanton nicht.

1993 änderte die Stadt Zürich ihre Taktik und versuchte, die anderen Kantone stärker in die Pflicht zu nehmen. Die Polizei brachte ausserkantonale Süchtige, die sie in der offenen Szene aufgriff, zuerst ins Vermittlungs- und Rückführungszentrum Hegibach und ab August 1994 in die Kaserne im Zürcher Kreis 4. Dort wurden sie maximal 24 Stunden festgehalten, um anschliessend in ihre Wohngemeinden zurückgeführt zu werden. Dadurch sollte die Stadt Zürich entlastet und eine angemessene Betreuung der Süchtigen durch ihre Wohnsitzgemeinden sichergestellt werden.

Beitrag aus der «Tagesschau» vom 22. Juli 1994 zum Rückführungszentrum für Drogenabhängige in der Alten Kaserne in Zürich

Beitrag aus der «Tagesschau» vom 22. Juli 1994 zum Rückführungszentrum für Drogenabhängige in der Alten Kaserne in Zürich

«Allenfalls könnten wir zurückgeschobene Süchtige unbürokratisch mit Methadon behandeln, damit sie nicht mit dem nächsten Zug nach Olten oder Zürich fahren», sagte Stéphanie Mörikofer 1993 zum «Aargauer Tagblatt». Aber verhindern könne sie die Zirkulation letztlich nicht. «Sonst müsste ich die Süchtigen ja anbinden.»

451 Süchtige aus dem Aargau im Rückführungszentrum

In den ersten beiden Betriebsjahren des Rückführungszentrums in der Kaserne fanden 11'556 Zuführungen statt, wie eine Evaluation des Zürcher Instituts für Suchtforschung zeigt. Diese Zuführungen entfielen auf 3957 Personen aus 710 Gemeinden. Mit 1069 Zuführungen, verteilt auf 451 Personen, wies der Aargau – nach dem Kanton Zürich – die zweithöchste Zuführungsziffer auf.

In der Kaserne arbeiteten 1994 auch zwei Aargauer Polizisten. Sie kontrollierten die Süchtigen und erfassten deren Personalien. Einer der Polizisten ist bis heute bei der Kantonspolizei Aargau im Dienst. Über seine Erlebnisse wollte er mit der AZ nicht sprechen.

Damit eine süchtige Person zurückgeschafft werden konnte, musste die Gemeinde der Rückführung zustimmen. Barbara Ludwig, Chefin des Rückführungszentrums, sagte 1994 zum «Aargauer Tagblatt», das Bewusstsein bei den Gemeinden sei mit der Verschärfung des Drogenproblems gewachsen. Die Aargauer Gemeinden würden in 66 Prozent der Fälle einer Rückführung zustimmen. Damit liege die Vermittlungsquote im interkantonalen Vergleich über dem Durchschnitt. Trotzdem komme es noch zu oft vor, dass aus einem Aargauer Gemeindehaus ins Rückführungszentrum gefaxt werde: «Stellt den Drögeler wieder auf die Strasse.»

«Im äussersten Notfall steht der Zivilschutzbunker bereit »: Vier Drogenabhängige sollen nach der Lettenräumung 1995 zurück nach Gipf-Oberfrick

«Im äussersten Notfall steht der Zivilschutzbunker bereit »: Vier Drogenabhängige sollen nach der Lettenräumung 1995 zurück nach Gipf-Oberfrick

Das sagen Politiker, Männer am Stammtisch und der damalige Wirt des «Adlers», dessen Sohn selbst in der offenen Drogenszene verkehrte. Beitrag aus der SRF-Sendung «10vor10» vom 16. Januar 1995.

Was die Rückführungen tatsächlich gebracht haben, ist umstritten. Viele Süchtige sind unmittelbar nach der Rückführung in den Aargau wieder nach Zürich zurückgekehrt. Was blieb ihnen auch übrig, sie brauchten den Stoff. Die Leiterin des Rückführungszentrums sagte zum «Aargauer Tagblatt», für einige sei die Rückführung «ein Schuss vor den Bug».

Allerdings hätten nur 0,7 Prozent der Süchtigen, die im August und September 1994 in der Kaserne betreut wurden, eine Therapie begonnen. Das Institut für Suchtforschung kam in einer Studie ebenfalls zum Schluss, dass in erster Linie die Schliessung der offenen Szene am Letten die Attraktivität der Stadt Zürich für auswärtige Drogenkonsumenten reduziert habe und kaum die Aktivitäten des Rückführungszentrum.

Der Letten wurde am 14. Februar 1995 geräumt. Anders als nach der Platzspitzschliessung verlagerte sich die Drogenszene an keinen anderen öffentlichen Platz. Nach der Lettenschliessung landeten auch immer weniger ausserkantonale Süchtige im Rückführungszentrum. Ihr Anteil sank von rund 45 Prozent auf stabile 24 bis 28 Prozent.

Die Hilfsangebote im Aargau waren deutlich schlechter

Mit dem Ende der letzten offenen Szenen verschwand das Drogenelend allmählich aus der Öffentlichkeit. Die Sucht jener, die zuvor täglich am Letten waren, blieb. Das Institut für Suchtforschung hat im Auftrag des Bundesamtes für Gesundheit untersucht, mit welchen konkreten Angeboten Drogenabhängigen in ihren Wohngemeinden geholfen wurde. Die Studie wurde 1996 publiziert. Im Aargau waren von damals 231 Gemeinden 106 mit Rückführungsmassnahmen konfrontiert. 81 haben an der Befragung teilgenommen.

Infogram: Auswirkungen der Lettenschliessung in den Gemeinden

Verglichen mit den Kantonen St. Gallen und Zürich kommen die Aargauer Gemeinden weniger gut weg. Sie würden über ein deutlich schlechteres Drogenhilfsangebot verfügen, schreiben die Studienautoren. Ihnen fielen besonders die fehlenden Angebote im Bereich der Drogenabgabe, den Substitutionsprogrammen und den Spritzenabgabestellen auf.

Infogram: Zugang zu Drogenhilfseinrichtungen in den Gemeinden des Kantons Aargau

Im Kanton Zürich konnte rund die Hälfte der Gemeinden (51,6 Prozent) Angaben zu Spritzenabgabestellen machen, im Kanton St. Gallen sogar 68,3 Prozent. «Dass im Kanton Aargau lediglich 15,2 Prozent der Gemeinden Angaben zu einer Spritzenabgabestelle in der Gemeinde oder Region machen können, stimmt vor dem Hintergrund der Aidsprophylaxe nachdenklich», heisst es in der Studie.

Infogram: Instanzen für die längerfristige Betreuung der Drogengebrauchenden

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