Schafisheim
Steiner-Schule: Eltern beharren auf Untersuchung von Gewaltvorwürfen

Eine Untersuchung des kantonalen Inspektorats zeigt: Die Gewaltvorwürfe gegen die Steiner-Schule haben sich nicht bestätigt, die Anzeige ist aber noch hängig. Bei einer Einstellung des Verfahrens würden die Eltern Beschwerde einlegen, sagen sie.

Fabian Hägler
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Joseph Hess und seine Lehrerkollegen an der Rudolf-Steiner-Schule Aargau müssen ein neues Beurteilungssystem erarbeiten.

Joseph Hess und seine Lehrerkollegen an der Rudolf-Steiner-Schule Aargau müssen ein neues Beurteilungssystem erarbeiten.

Mathias Marx

Ein Kindergärtler, der in der Toilette eingesperrt wird, ein Schüler, der vom Englischlehrer gewaltsam über das Pult gezogen und auf eine Bank gestossen wird – die Vorwürfe von Eltern an die Rudolf-Steiner-Schule in Schafisheim, die im Dezember publik wurden, waren happig.

Nun zeigt eine Untersuchung des kantonalen Inspektorats: Die Gewaltvorwürfe gegen die Schule haben sich nicht bestätigt. Monica Morgenthaler, Leiterin der Sektion Aufsicht und Beratung, sagt zwar: «Das Inspektorat ist keine Untersuchungsbehörde, die in konkreten Einzelfällen die Vorwürfe von Gewalt gegenüber Schülern klären kann.» Morgenthaler hält fest, dass dafür die rechtlichen Grundlagen fehlten. Im Fokus der kantonalen Überprüfung stand vielmehr die Frage, welche Verfahren und Instrumente die Schule hat, um mit Kritik und Beschwerden umzugehen.

Gewalt müsste gemeldet werden

Morgenthaler betont aber: «Wenn wir im Verlauf der Überprüfungen auf strafrechtlich relevante Handlungen gegenüber Schülern gestossen wären, hätten wir diese von Amtes wegen melden müssen.» Dies ist nicht geschehen – ganz vom Tisch sind die Gewaltvorwürfe dennoch nicht.

«Wir haben sämtlichen Eltern mitgeteilt, dass sie in Fällen, die sie als Gewalt gegenüber Kindern beurteilen, bei der Polizei Strafanzeige einreichen müssten», erklärt Morgenthaler. Dies hat ein Elternpaar getan, wie Roland Pfister, Mediensprecher der Kantonspolizei Aargau, auf Anfrage bestätigt.

«Mitte März wurde eine Strafanzeige wegen Tätlichkeiten erstattet.» Pfister ergänzt, die Ermittlungen seien aufgenommen und beide Parteien polizeilich einvernommen worden. Laut Aussagen der Eltern (Name der Redaktion bekannt) soll eine Lehrerin ihren achtjährigen Sohn im Dezember heftig an den Schultern gepackt haben.

Der Schüler habe blaue Flecken an der Schulter davongetragen, sagt die Mutter. Polizeisprecher Pfister hält dazu fest: «Die Lehrperson, gegen die sich die Anzeige richtet, bestreitet diesen Sachverhalt.»

Lehrerqualifikationen: Anwalt fordert Einsicht in Unterlagen

Neben den Gewaltvorwürfen kritisierten Eltern, die Rudolf-Steiner-Schule beschäftige unqualifizierte Lehrer. Dazu hält das kantonale
Inspektorat fest: «Alle Lehrpersonen, die zurzeit an der Rudolf- Steiner-Schule unterrichten, verfügen über die verlangten Qualifikationen.»

Rechtsanwalt Willy Bolliger, der eine Gruppe von kritischen Eltern vertritt, bezweifelt dies. «Ich werde beim Kanton eine Eingabe machen und Einsicht in die Unterlagen verlangen», kündigt er an. Dies könne mit Rücksicht auf den Persönlichkeitsschutz der Lehrpersonen anonymisiert erfolgen, «aber ich möchte diese Qualifikationen nachprüfen können», betont Bolliger. (fh)

Inzwischen liegt der Fall bei der Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau. Zufälligerweise fand just gestern Mittwoch, als der Kanton die Mitteilung zur Überprüfung der Steiner-Schule verschickte, eine Vergleichsverhandlung zwischen den Parteien statt.

Eltern beharren auf Untersuchung

«Die Anwältin der Lehrerin hat vorgeschlagen, dass die Frau einer gemeinnützigen Institution einen Betrag überweist und sich bei uns entschuldigt – dafür sollten wir die Anzeige zurückziehen», sagt die Mutter des betroffenen Schülers. Sie und ihr Mann hätten diesen Vorschlag aber nicht akzeptiert. «Wir sind weiterhin der Meinung, dass die Staatsanwaltschaft eine Untersuchung durchführen und die Kinder in der Klasse befragen muss», sagt sie.

Neben ihrer Anzeige gebe es zwei weitere Meldungen über Gewalt dieser Lehrerin gegen Schüler, es handle sich also nicht um einen Einzelfall. Die Mutter gibt sich kämpferisch: «Wenn die Staatsanwaltschaft das Verfahren einstellen sollte, werde ich dagegen Beschwerde erheben.»

Bisher kein Strafverfahren eröffnet

Lucio Carlucci, Präsident des Trägervereins der Rudolf-Steiner-Schule Aargau, hält fest: «Grundsätzlich ist die Beurteilung der Anzeige Sache der Staatsanwaltschaft.» Er betont, bis zum heutigen Tag sei kein Verfahren gegen die Lehrperson eröffnet worden. Weiter sagt Carlucci: «Versuche der Schule, die Eltern zu einer extern geleiteten Mediation einzuladen, blieben erfolglos.» Er sieht die hängige Anzeige im Kontext mit früheren Vorwürfen von Eltern, «die sich nun als grösstenteils unbegründet herausgestellt haben».

In einer Mitteilung hält die Rudolf-Steiner-Schule fest, nach den Vorwürfen einzelner Eltern habe man «die Prozesse zur Gewaltprävention auf ihre Angemessenheit untersucht und erneuert». Zudem seien alle Lehrpersonen für das Thema sensibilisiert und bestens instruiert worden.