Rudolf-Steiner-Schule
Steiner-Schule: «Einen derart grossen Konflikt gab es seit 1982 noch nie»

Verantwortliche der Steiner-Schule bekräftigen nach der Elternkritik, dass bei ihnen eine Nulltoleranz gegenüber Gewalt gilt. Sie hätten auch viele positive Rückmeldung erhalten und bedauern, dass die Mediation vorerst nicht zustande kommt.

Fabian Hägler
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«Wir geben Kindern einen Schutzraum»: Rudolf-Steiner-Schule über Kritik und Schulphilosophie
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Lucio Carlucci, Präsident Rudolf-Steiner-Schulverein: «Unsere Schule nimmt eine ganz klare Haltung ein gegen alle Formen von Gewaltanwendung.»
Joseph Hess, Lehrer an der Rudolf-Steiner-Schule Aargau: «Wir versuchen an den Kinder abzulesen, was entwicklungsmässig an der Reihe ist.»
Joseph Hess, seit 1982 an der Rudolf-Steiner-Schule Aargau in Schafisheim tätig, erklärt seiner 4. Klasse das schriftliche Teilen.

«Wir geben Kindern einen Schutzraum»: Rudolf-Steiner-Schule über Kritik und Schulphilosophie

Mathias Marx

In einem modernen Holzbau empfangen Lucio Carlucci (Präsident des Rudolf-Steiner-Schulvereins Aargau) und Joseph Hess (langjähriger Lehrer an der Steiner-Schule Schafisheim) die az zum Interview. «Das ist unser Musterpavillon, den Eltern, Lehrpersonen und Schüler zusammen gebaut haben», sagt Hess. Für das Gemeinschaftswerk, das sinnbildlich für die Philosophie der Schule steht, wurde sie 2009 mit einem Preis für innova-tive Holzbauten ausgezeichnet.

Seit Wochen steht die Steiner-Schule in der Kritik: Gewaltvorwürfe, Mobbing, unqualifizierte Lehrer – wann gibt es Informationen, was wahr ist?

Lucio Carlucci: Derzeit laufen die Untersuchungen im Rahmen der Aufsichtsbeschwerde beim Departement Bildung, Kultur und Sport. Voraussichtlich werden wir Ende März mehr wissen und die Öffentlichkeit informieren können.

Auch die Politik beschäftigt sich mit der Schule, derzeit ist ein Vorstoss hängig, der Auskunft über die Aufsicht des Kantons verlangt. Wurden Sie dazu befragt?

Wir wurden zu diesem Thema nicht befragt, bei der Interpellation geht es hauptsächlich darum, zu erfahren, wie die Vorwürfe von den Behörden behandelt werden. Dies ist das gute Recht von Politikern.

Jene Eltern, die Vorwürfe erheben, haben eine Mediation abgelehnt, weil die Schule nicht über die Kritikpunkte sprechen wollte.

Ich bin enttäuscht und finde es sehr schade, dass die Mediation nun nicht zustandekommt. Dies wäre für beide Seiten eine Chance gewesen. Die Vorwürfe, die im Rahmen des Aufsichtsverfahrens untersucht werden, können allerdings nicht in einer Mediation angegangen werden.

Warum haben Sie dann überhaupt eine Mediation angeboten?

Eltern, die ihre Vorwürfe bei Ämtern und Medien deponiert hatten, gehen nach wie vor sehr aktiv gegen die Schule vor. Obwohl sie wissen, dass ihre Vorwürfe auf sämtlichen Ebenen untersucht werden. Da sind offenbar immer noch negative Gefühle vorhanden. Dies hätten wir gern im Rahmen einer Mediation aufgearbeitet.

Der Anwalt der Eltern droht, die Schule auf Schadenersatz zu verklagen. Er sagt, seine Mandanten hätten Schulgeld bezahlt, ihre Kinder hätten aber nicht den gewünschten Unterricht, sondern Gewalt erlebt.

Drohungen sind Drohungen. Für uns ist massgebend: Unsere Schule nimmt eine ganz klare Haltung ein gegen alle Formen von Gewaltanwendung. Sollte es tatsächlich Fälle von Gewalt gegeben haben, so handelt es sich um isolierte und individuelle Fehlleistung der betroffenen Lehrperson.

Herr Hess, Sie sind seit über 30 Jahren an der Schule tätig – haben Sie jemals einen Konflikt erlebt, der so stark eskaliert ist, wie dieser?

Joseph Hess: Nein, einen derart grossen Konflikt gab es seit 1982 noch nie. Ich bin auch erstaunt über die Eskalation, denn wir betreiben eine sehr intensive Elternarbeit. Es gibt viermal pro Jahr einen Elternabend und wir führen auch Standortgespräche. Ich selber habe mit Eltern, die jetzt Vorwürfe erheben, Gespräche geführt und war sehr überrascht, als diese an die Medien gelangten.

Hand aufs Herz: Als Lehrer kommt man doch gelegentlich an seine Grenzen. Haben Sie nie die Situation erlebt, dass Sie einen Schüler am liebsten gepackt hätten?

Doch, ich kenne diese Situation. Dann ist es wichtig, dass der Lehrer gute Strategien hat, die das verhindern. Bei uns an der Schule gilt Nulltoleranz, was Gewalt angeht. Entscheidend ist, dass die Integrität des Kindes jederzeit gewahrt bleibt. Unter den Vorwürfen der Eltern sind aber einige Vorfälle, die ich persönlich nicht als Gewalt bezeichnen würde.

Was heisst das konkret? Wie weit dürfen Sie als Lehrperson gehen?

Wenn man zum Beispiel ein ADHS-Kind, das völlig ausser sich ist, festhält und beruhigt, damit es nicht Pinsel, Malkasten und Gläser durch das Zimmer wirft – oder auch, um andere Schüler zu schützen, sehe ich das als pädagogische Massnahme an. Wenn ich merke, dass ich wütend werde, muss ich mich aber zurücknehmen: kurz das Zimmer verlassen, innerlich auf zehn zählen ...

Dennoch gibt es einen Fall, in dem eine Lehrperson gegenüber einem Kind Gewalt angewendet hat.

Dieser Fall wurde mit den Eltern, dem Kind und der Lehrperson aufgearbeitet. Danach erfolgten von allen Beteiligten positive Rückmeldungen. Deshalb bin ich sehr überrascht, dass dieser Vorwurf mehr als ein Jahr später wieder aufgetaucht ist.

Herr Carlucci, haben inzwischen weitere Eltern ihre Kinder von der Steiner-Schule genommen?

Carlucci: Es gibt bisher, abgesehen von einer Kündigung per Ende 2013, keine Unterschiede zu früheren Jahren. Wir haben viele positive Rückmeldungen von Eltern erhalten, die weiter Vertrauen in die Schule haben.

Sie sind als Privatschule auf eine genügende Schülerzahl angewiesen. Gibt es Eltern, die Anmeldungen für ihre Kinder zurückziehen?

Nein, wir haben gleich viele Anmeldungen wie letztes Jahr zur gleichen Zeit. Wir befürchteten, dass dies anders sein könnte, aber offenbar schicken Eltern, die von unserer Pädagogik überzeugt sind, ihre Kinder nach wie vor in die Rudolf-Steiner-Schule.

Sie sind Unternehmer, in der Wirtschaft gibt es grossen Zeitdruck, Leistung steht über allem. Wie passt das zur Steiner-Philosophie, die ohne Selektion auskommt?

Ich sehe, dass sich Kinder an unserer Schule im Bereich ihrer Stärken und Begabung entwickeln können. Wenn ein Kind die Steiner-Schule besucht, heisst das keineswegs, dass dieses Kind keine Leistung erbringen, nicht unter Druck arbeiten oder keine akademische Karriere machen kann.

Herr Hess, laut Leitbild bezeichnen Sie die Kindheit als geschützten Raum. Besteht nicht die Gefahr, dass die Kinder einen Kulturschock erleiden, wenn sie aus der «Wohlfühloase» herauskommen?

Hess: Das Bild der heilen Welt ist eine Momentaufnahme, die auf der Unterstufe zutreffen mag. Dort geben wir den Kindern bewusst einen Schutzraum, um zu verhindern, dass die Welt zu stark auf sie einprasselt. Dort vermittelt und filtert der Lehrer die Welt noch relativ stark. Insgesamt streben wir aber eine Erziehung zu Autonomie und Mündigkeit an.

Was ändert sich denn konkret in der Mittel- und Oberstufe?

Auf diesen Stufen geht es viel mehr um die Auseinandersetzung mit der Welt. Dabei kommt das Tun und
Erleben vor dem Begreifen, die kognitiven Fähigkeiten werden später intensiv angesprochen. Auf der Oberstufe behandeln wir auch gymnasialen Stoff. Ich habe selber vier Kinder, die an der Steiner-Schule waren. Alle haben eine Matur gemacht und nachher auch studiert.

Sie streben eine ganzheitliche Förderung von Kopf, Herz und Hand an. Was ist denn konkret anders als in einer öffentlichen Schule?

Der Weg ist anders, wir versuchen an den Kindern abzulesen, was entwicklungsmässig an der Reihe ist. In der 4. Klasse machen wir intensiv Bruchrechnen, früher als in der staatlichen Schule. Wir haben gemerkt, dass dies gut in die aktuelle Reifephase passt.

Man hört gelegentlich, dass Steiner-Schülern ein gewisser Schulstoff fehlt und dies problematisch ist.

Auf der Unterstufe kann es sein, dass ein Kind aus unserer Schule weniger gut ist im Lesen, weil wir dies in der 1. und 2. Klasse nicht forcieren. Auf der Oberstufe geben die Lehrpersonen unserer Schule bei Übertritten in die Staatsschule eine Empfehlung ab, in welche Stufe das Kind eingeteilt werden sollte. In der Regel passt diese Einstufung sehr gut.

Lucio Carlucci, Lehrer müssen bei Ihnen alle Stufen von der 1. bis zur 7. Klasse unterrichten können und die Rudolf-Steiner-Philosophie vertreten. Wie schwierig ist es, gute Lehrpersonen zu finden?

Carlucci: Es ist schwierig, zumal wir uns Lehrpersonen wünschen, die einerseits ein Lehrerdiplom haben und gleichzeitig den Abschluss in Waldorf-Pädagogik. Wir haben einige Lehrpersonen, die in den nächsten Jahren pensioniert werden. Für sie Nachfolger zu finden, ist eine Herausforderung, die wir angepackt haben.

Joseph Hess, als Lehrer verdienen Sie an der Steiner-Schule auch weniger als an einer Staatsschule.

Hess: Dass wir weniger verdienen als Lehrer an der Staatsschule, ist richtig. Hier gibt der Vorstand ein Budget vor, das sich aus den Elternbeiträgen und dem Ertrag aus Aktionen zusammensetzt. Danach müssen wir Lehrpersonen schauen, wie wir damit die Pensen und Honorare abdecken. Für uns geht es auch nicht darum, möglichst viel Geld zu verdienen, sondern eine Arbeit zu machen, die uns erfüllt und ein wichtiger Beitrag für die Zukunft der Kinder ist.

Die Sparvorschläge der Aargauer Regierung im Bildungsbereich stossen auf viel Kritik. Sparen führe zu einem Qualitätsabbau, heisst es. Die Steiner-Schule hat ohnehin weniger Geld zur Verfügung. Was heisst das in Bezug auf die Qualität?

Carlucci: Wir haben ein Budget von rund 2 Millionen Franken pro Jahr. Das ist rund ein Drittel davon, was
eine gleich grosse öffentliche Schule hat. Wir arbeiten bedarfsgerecht, ich glaube nicht, dass die Qualität bei uns schlechter ist, weil wir weniger Geld zur Verfügung haben.

Dennoch: Wie lässt sich mit klar weniger Geld eine Schule finanzieren, die Kinder auf dasselbe Niveau bringen soll wie die Staatsschule?

Bei uns engagieren sich die Eltern stark, zum Beispiel beim Putzen, am Mittagstisch, bei Bauvorhaben, in Schulgremien, in der Baukommission ... Wer dies aus zeitlichen Gründen nicht kann, leistet eine Ersatzabgabe. Wer finanziell weniger Möglichkeiten hat, kann zum Beispiel einen Tag mehr mithelfen beim Mittagstisch und so das Schulgeld reduzieren.

Wie gut funktioniert diese Solidarität zwischen Eltern und Schule?

Im grossen und ganzen funktioniert es gut. Zurzeit erfahren wir eine ausgesprochen grosse Solidarität seitens der Eltern. Es kommt vor, dass Eltern konkrete Forderungen an die Schule stellen. Sind diese im Einklang mit unserer Pädagogik, im Interesse der Schule und im Rahmen unserer Organisation umsetzbar, dann ist das gut.

Und wenn dies nicht der Fall ist?

Wenn Forderungen von Elternseite auf Einzelinteressen beruhen oder aus einer Konsumhaltung heraus – «weil wir ja schliesslich Schulgeld bezahlen» – kommen, kann dies zu Konflikten führen.

Eltern kritisieren, dass kein Schulsozialdienst und keine Heilpädagogen zur Verfügung stehen, wie dies in der Staatsschule üblich ist.

Hess: Wir bieten keine Schulsozialarbeit an und haben keine Heilpädagogen, weil uns die Ressourcen fehlen. Dies müssten auch die Eltern über Beiträge bezahlen, wir erhalten vom Kanton dafür keine Mittel. Wenn Eltern ihre Kinder zu uns schicken, wissen sie aber, dass die Schule dies nicht anbietet, die Ausgangslage ist also für beide Seiten klar.

Grundsätzlich verfolgt die Steiner- Schule einen integrativen Ansatz und ist für alle Kinder offen. Führt dies nicht dazu, dass mehr «schwierige» Kinder bei Ihnen landen?

Ein grosser Teil unserer Schüler sind Quereinsteiger aus der öffentlichen Schule. Wir nehmen dadurch viele Kinder auf, die zwischen die Maschen des Schulnetzes fallen, die in öffentlichen Schulen gemobbt werden, die Mühe haben mit dem Leistungsdruck oder verhaltensauffällig sind.

Kommt es auch vor, dass Sie ein Kind nicht aufnehmen oder in eine Sonderschule schicken?

Hess: Wir sind eine integrative Schule, aber es gibt Grenzen. Nämlich dann, wenn ein Kind nicht adäquat gefördert werden kann im Klassenverband. Bei den Kindern einiger Eltern, die unsere Schule kritisieren, war dies der Fall. Die Schule musste ihnen kündigen, weil wir die Kinder nicht integrieren konnten. Wir werden unser Aufnahmesystem nach dieser Entwicklung überdenken. Und wir müssen eingestehen: Die Steiner-Schule ist nicht für alle Kinder das geeignete Gefäss.

Carlucci: Eltern mit Kindern, welche schon mehrere Etappen an der Volksschule hinter sich haben, setzten oft grosse Hoffnungen in die Steiner-Schule. Wenn dann ihr Kind nicht aufgenommen wird, oder aus pädagogischen Gründen nicht bleiben darf, ist dies eine grosse Not für die betroffene Familie. Es ist nachvollziehbar, dass solche Erfahrungen zu Hilflosigkeit, Wut, Frustrationen und Konflikten führen können.