Hinter dem Eingangstor des Gaseherstellers Messer in Lenzburg steht eine unscheinbare Tankstelle. Und allzu häufig wird sie auch nicht benutzt, denn statt Benzin fliesst durch den Zapfhahn gasförmiger Wasserstoff. «Fünf, sechs Besitzer von Brennstoffzellenfahrzeugen tanken jeweils bei uns», sagt Bruno Suter, Leiter Technischer Verkauf der Messer Schweiz AG. Eine halböffentliche Tankstelle hinter einem Firmentor und eine Handvoll Kunden: Das sind, zumindest im Bereich des Individualverkehrs, denn auch schon die Zahlen für die gesamte Schweiz.

Kaum jemand zweifelt heute noch daran, dass der Elektromotor den Verbrennungsmotor dereinst ablösen wird. Ob der für den Antrieb des Elektromotors benötigte Strom primär aus Batterien oder aus Brennstoffzellen kommen wird, ist derweil noch offen. Der Vorteil der Brennstoffzelle: die grössere Reichweite. Ein mit Wasserstoff gefüllter Tank reicht bereits heute für mehrere hundert Kilometer. Die Energie wird dabei direkt an Bord erzeugt, wo der Wasserstoff in der Brennstoffzelle mit Sauerstoff aus der Luft reagiert. Als Abfallprodukt entsteht nur Wasserdampf, kein Kohlendioxid und keine anderen Schadstoffe.

Der Durchbruch des Brennstoffzellenantriebs wurde in den letzten 15, 20 Jahren immer wieder mal angekündigt. Und hat dann doch nie stattgefunden. Auch Suter ist dies natürlich nicht entgangen. Ein Grund dafür, sagt er, sei das Versprechen der Automobilindustrie gewesen, die Verbrennungsmotoren laufend umweltfreundlicher machen zu können. Der VW-Abgasskandal dürfte den Glauben an einen «grünen» Verbrennungsmotor nun allerdings nachhaltig erschüttert haben. Und sowieso sei der Spielraum für Effizienzsteigerungen «langsam, aber sicher ausgereizt», ist Suter überzeugt.

Coop macht den ersten Schritt

Die Geschwindigkeit des Wandels kann er natürlich nicht vorhersagen. Zu viele Faktoren wie etwa der Ölpreis oder gesetzliche Rahmenbedingungen spielen hinein. Klar sei aber, dass sich die Brennstoffzellen-Technologie in einer Umbruchphase befinde, sagt Suter. «In den vergangenen 15 Jahren wurde sehr viel geforscht, unter anderem auch am Paul-Scherrer-Institut (PSI) in Villigen.»

Jetzt sei eine Verlagerung von der Forschung in die Industrie zu beobachten. Das heisst: Leute, die vor zehn Jahren noch am PSI arbeiteten, wechseln nun in die Privatwirtschaft. Zum Beispiel zu industriellen Anwendern wie Coop. Der Detailhändler plant, nahe bei seinem Verteilzentrum in Schafisheim Ende Jahr eine erste Wasserstofftankstelle in Betrieb zu nehmen. Betankt werden sollen dort primär eigene Brennstoffzellen-Fahrzeuge. Gleichzeitig wird die Tankstelle aber auch öffentlich zugänglich sein. Und Coop kündigte weiter an, ein landesweites Wasserstoff-Tankstellennetz aufzuziehen. «Das ist für mich ein Einstieg in die Technologie», sagt Suter, der mit der Messer Schweiz AG in das Projekt involviert ist.

Denn: Solange es keine Tankstellen gibt, kauft niemand ein Brennstoffzellenfahrzeug. Und solange es keine Brennstoffzellenfahrzeuge gibt, baut niemand Tankstellen. Es sei denn, man benutzt sie, wie Coop, für die eigene Lastwagenflotte und tut gleichzeitig etwas für sein Image. Oder man erhält staatliche Unterstützung. Wie zum Beispiel in Deutschland, wo der Bau eines Tankstellennetzes subventioniert wird.

Allerdings sind auch die dortigen Zahlen nicht sehr beeindruckend; deutschlandweit gibt es heute erst 32 Zapfstellen. Aber ein Konsortium um die Unternehmen Linde und Shell will bis 2023 insgesamt 400 Wasserstoff-Tankstellen einrichten. Und auch die Autobauer scheinen an das Potenzial der Technologie zu glauben: Toyota und Hyundai haben kürzlich erste Modelle mit Brennstoffzellen auf den Markt gebracht. Andere wie Daimler oder Honda wollen folgen.

«Die Schweiz wäre eigentlich prädestiniert für eine Vorreiterrolle», sagt Suter – weil sie dicht besiedelt ist und weil sie über viele Wasserkraftwerke verfügt, die im Moment nicht rentabel betrieben werden können. Mit der überschüssigen Energie könnte Wasser mittels Elektrolyse in Wasser- und Sauerstoff zerlegt werden.

Lieferant, kein Tankstellenbauer

Als grösster industrieller Wasserstoffproduzent der Schweiz würde Messer vom Durchbruch der Technologie profitieren. Trotzdem halten sich die Lenzburger eher im Hintergrund. «Wir hätten zwar das Know-how, um Tankstellen zu bauen», sagt Suter. Es sei aber nicht möglich, preislich mit Unternehmen mitzuhalten, die serienmässig produzierten. Zudem wolle Messer selbst keine Tankstellen betreiben, um nicht mit möglichen Kunden zu konkurrieren. «Wir sehen uns primär als Lieferant des Rohstoffs Wasserstoff und Anbieter von Technologie zu dessen Anwendung», so Suter.

Mit der aktuellen Produktion für die Industrie könnte das Unternehmen alternativ 40 bis 50 Tankstellen beliefern. Allerdings ist der Wasserstoff aus Lenzburg nicht grün, sondern grau. Er wird unter Druck aus Erdgas und Wasserdampf erzeugt, wobei auch Kohlendioxid freigesetzt wird. «Grundsätzlich macht es keinen Sinn, aus fossilen Energien Wasserstoff herzustellen, um ihn dann in der Brennstoffzelle zu verwenden», stellt Suter klar. Klimaneutral wird der Energieträger erst, wenn er mit dem sogenannten «Power to Gas»-Verfahren aus erneuerbaren Energiequellen erzeugt wird – eben zum Beispiel in einem Wasserkraftwerk.

Genau diesen Weg geht Coop. Für die Belieferung seiner Schafisheimer Tankstelle baut der Detailhändler in einem Wasserkraftwerk eine Elektrolyse-Anlage. Und Coop ist mit diesem Vorhaben nicht allein. «Wir sind in fünf, sechs weitere ähnliche Projekte involviert», verrät Suter. Ob sie auch alle umgesetzt werden, ist noch unsicher. Denn der Markt ist schlicht nicht abschätzbar. «Er kann dahindümpeln», so Suter. «Oder explodieren.» Apropos Explosionen: Eine solche stellen sich viele Leute reflexartig vor, wenn sie an Wasserstoff denken. Zu Unrecht, wie Suter betont. «Ein brennender Wasserstofftank würde ebenso wenig explodieren wie ein Benzintank.»

Ohne Explosionen ist denn auch der fünfjährige Test von fünf Brennstoffzellen-Postautos in der Region Brugg verlaufen, den PostAuto 2012 startete. Wie es nach dem Ende der Versuchsphase weitergehe, werde in den nächsten Wochen entschieden, teilt das Unternehmen auf Anfrage mit. Die Bilanz fällt aber auf jeden Fall positiv aus: «PostAuto ist überzeugt, dass in Zukunft die Zahl der Elektrobusse und der mit Wasserstoff betriebenen Hybridbusse steigt.»