Kölliken
Statt der Vorsorge galt das Prinzip der teuren Nachsorge

Warum war es nötig, die Fehler von Würenlingen von 1978 bis 1985 in Kölliken zu wiederholen? Schlimmer noch, eine teils hoch konzentrierte Giftfracht in die alte Tongrube zu werfen und die Fässer mit verseuchter Erde oder mit Schlacke zu überdecken.

Hans Lüthi
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Die riesigen Hallen mit der markanten Bogenkonstruktion dominieren selbst aus der Luft das Bild von Kölliken, oben die A1.

Die riesigen Hallen mit der markanten Bogenkonstruktion dominieren selbst aus der Luft das Bild von Kölliken, oben die A1.

Niklaus M. Wächter

Abfälle und Sondermüll sind nicht erst seit Kölliken ein Thema. Vor Jahrzehnten dienten Abfallhalden als der richtige Entsorgungsweg. Waren die Geländesenken aufgefüllt, wurden sie mit Erde zugedeckt. «Aus den Augen, aus dem Sinn», hiess die vermeintlich saubere Lösung. Im Glauben, was man nicht sehen könne, existiere nicht mehr. Ein grosser Irrtum.

Schon im Herbst 1974 verging mir beim Anblick von Sondermüll ein erstes Mal der Appetit. Der Moment am Rand des Bärengrabens, oberhalb von Würenlingen, hat sich im Gedächtnis für immer eingeprägt. Im ehemaligen Steinbruch des Zementwerks wurde alles Unbrauchbare abgelagert. Kehricht, Schutt, Fässer mit undefinierbarem Giftinhalt. Ein Tanklastwagen mit Basler Nummer pumpte eine farbige Flüssigkeit in den linken Deponieteil. Dort bildete sich ein Chemikalienweiher. Eines Tages würde die Brühe wohl ins Grundwasser versickern. Was sie auch tat.

Einen ersten Skandal konnte das Badener Tagblatt wenig später aufdecken: Die Sprengstofffabrik Dottikon lieferte verbotenerweise das Lösungsmittel Ester in zahlreichen Fässern an. Die explosiven Abfälle wurden rasch mit Erde überdeckt. Aber die Kritik führte immerhin zur Rücknahme durch den Lieferanten. In der Öffentlichkeit regte sich niemand gross auf, das Thema wurde als übertriebene «Story des Badener Blicks» abgetan. Einzige Reaktion: Die Gemeindeschreiber drohten der Zeitung mit Informations-Boykott, falls die Kritik nicht aufhöre. Doch die Riesendeponie lieferte viele weitere Schlagzeilen.

Eine Million Kubikmeter Müll und Sondermüll lagen schon 1974 im Bärengraben. Seit zwei Jahren ist die grösste Aargauer Deponie gefüllt, mit gegen vier Millionen Kubikmetern. 60 bis 70 Meter hoch, bis weit an die Felswände hinauf. Der Hang ist aufgeforstet, im neuen Wald leben Rehe. Die flüssige Giftfracht wird in der Kläranlage gereinigt, das Gas verbrannt. Und Sickerbrunnen verhindern, dass der grosse Grundwasserstrom im Aaretal verseucht wird. Für die Nachbehandlung sind die Gelder bis 2080 gesichert. Ob die Deponie dann trocken liegt, wie erhofft, weiss heute niemand. Und ein Rückbau des Bärengrabens ist mit heutigen Mitteln undenkbar.

Warum war es nötig, die Fehler von Würenlingen von 1978 bis 1985 in Kölliken zu wiederholen? Schlimmer noch, eine teils hoch konzentrierte Giftfracht in die alte Tongrube zu werfen und die Fässer mit verseuchter Erde oder mit Kehrichtschlacke zu überdecken. Die Abdichtung des Bodens hat man eingespart, viele Fässer beim Verdichten mit dem Trax zerdrückt. Der zusammen mit Regen- und Bergwasser undefinierbare Giftcocktail sickerte unheimlich schnell Richtung Kölliker Rinne – und bedrohte den Grundwasserstrom im Aaretal. Rückblickend bleibt die bittere Erkenntnis: Das kantonale Gewässerschutzamt war der grösste Gewässerverschmutzer, die Geologen haben gelogen. Von Weitsicht der Politiker und Fachleute keine Spur, sie sahen nicht über die Nasenspitze hinaus. Leider hörten sie nicht auf die Warnerinnen und Warner aus dem Volk, bei denen der gesunde Menschenverstand noch funktionierte. Mildernd lässt sich höchstens beifügen: Bösartig hat niemand gehandelt, alles geschah in der gut gemeinten Absicht, eine Konzentration der Giftstoffe sei besser als wilde Ablagerungen.

Der Rückbau ist richtig, ein Fazit, das unsere Sondermüll-Serie deutlich gezeigt und bestätigt hat. Die Würenlinger Methode der Langfrist-Überwachung hätte man auf Kölliken übertragen können. Sickerbrunnen sind installiert, um die Ausbreitung der Giftfracht zu verhindern. Aber immer neue Teilsanierungen, die ständige und teure Klärung der Deponiewasser und der Gase plus die Überwachung während 100 bis 200 Jahren hätten irgendwann auch eine Milliarde gekostet, ohne das Problem zu lösen. Sauberes Trinkwasser wird ein immer wertvolleres Gut, das Wasserschloss Aargau steht hier in einer besonderen Verantwortung.

Eine seriöse Entsorgung der Kölliker Mega-Altlast ist der einzig richtige Weg. Die Rückbauer des Konsortiums werden dabei streng überwacht: Das Bundesamt für Umwelt (Bafu) in Bern muss die Wege der Abfälle, die Verbrennung und die Deponierung im In- oder Ausland im Voraus kennen und bewilligen. «Wir wissen sehr genau, auf welcher Deponie unsere Schlacken liegen», wehrt sich der Geschäftsführer gegen den Eindruck, die SMDK wolle Spuren verwischen. Einzig bei der Schlacke aus den Sondermüllöfen sei der Nachweis schwierig, wegen der Brenntechnik müssten diverse Abfälle gemischt werden.

Lehren aus Kölliken sind gezogen, der Rückbau erfolgt mit grösster Sorgfalt. Neue Altlasten werden vermieden – es gibt auch so 2500 belastete Standorte im Aargau, von denen ein Teil saniert werden muss. Die Kehrichtentsorgung gilt als saubere Sache, mit Ausnahme der Filterasche, die in Untertagedeponien endgelagert wird. Mit der weltweiten Pioniertat von Kölliken ist die Welt noch nicht in Ordnung: Viel zu viele Stoffe werden produziert, die nach ihrer Lebensdauer als Sondermüll anfallen. Statt Vorsorge gilt noch zu oft das Prinzip Nachsorge.

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