Pandemie

Starke Zunahme in Coronakrise: Doppelt so viele Aargauer füllen Patientenverfügung bei Exit aus

Wie und ob das Leben medizinisch verlängert wird, lässt sich in einer Patientenverfügung regeln. Der Vorsorgeauftrag regelt Betreuung und Vertretung. (Symbolbild)

Wie und ob das Leben medizinisch verlängert wird, lässt sich in einer Patientenverfügung regeln. Der Vorsorgeauftrag regelt Betreuung und Vertretung. (Symbolbild)

Wer am Coronavirus erkrankt, wird nicht direkt urteilsunfähig. Nach einer positiven Diagnose bleibt in der Regel genug Zeit, um mit dem Arzt die anstehende Behandlung zu besprechen. Und Fragen zu klären. Zum Beispiel: Möchte ich bei einem schweren Krankheitsverlauf und geringen Heilungsaussichten ans Beatmungsgerät angeschlossen werden? Oder möchte ich lieber mit palliativer Betreuung im Kreise der Familie sterben?

Mit einer Patientenverfügung können solche Fragen schon vor einer allfälligen Covid-Erkrankung geklärt werden. Jürg Lareida, Präsident des Aargauischen Ärzteverbandes, und Robert Rhiner, CEO des Kantonsspitals Aarau, forderten die Bevölkerung auf, Patientenverfügungen auszufüllen. Seit Ausbruch der Coronapandemie hat die Nachfrage nach solchen Verfügungen stark zugenommen, das bestätigen mehrere Institutionen. Den Anstieg an Zahlen festzumachen, ist indes schwierig. Patientenverfügungen werden nicht einheitlich hinterlegt, das kann etwa bei Angehörigen, beim Hausarzt oder digital auf verschiedenen Websites gemacht werden.

Exit verzeichnet starke Zunahme bei Patientenverfügungen

Einen Einblick bieten die Zahlen der Sterbehilfeorganisation Exit: Im letzten Monat wurden 170 Patientenverfügungen aus dem Aargau bei Exit hinterlegt, im selben Zeitraum 2019 waren es 78. Schweizweit wurden 1600 Patientenverfügungen im vergangenen Monat bei Exit hinterlegt, 2019 waren es 710. Viele bestehende Verfügungen wurden ergänzt, um die Frage der künstlichen Beatmung zu klären. Es hätten auch mehrere Personen Patientenverfügungen ausgefüllt, die vorher noch keine hatten. Und auch bei den Beratungs­gesprächen, die seit dem Lockdown nur telefonisch durchgeführt werden dürfen, habe man einen starken Anstieg festgestellt, sagt Jürg Wiler, Kommunikationsbeauftragter von Exit.

Pro Senectute Aargau hat indes keinen signifikanten Anstieg der Anzahl Beratungsgespräche zu Patientenverfügungen festgestellt. Bei Palliative Aargau ist man froh, dass sich Menschen mehr mit Fragen zum Lebensende beschäftigen: «Wie jede Krise bietet auch diese Chancen. Sie hat sicher viele Menschen dazu gebracht, sich im Voraus Gedanken zu einer möglicherweise lebensbedrohlichen Situation zu machen», sagt Geschäftsführerin Matina Hämmerli. Einen Dialog über Tod und Sterben zu führen, diesem zentralen Anliegen sei man wohl ein Stück nähergekommen.

Aber auch kritische Stimmen sind zu hören. Stimmen, die sagen, dass die Krise auch ein Risiko darstellt; dass Patientenverfügungen gut überlegt und nicht überstürzt ausgefüllt sein sollten. Denn die Anweisungen in der Verfügung müssen klar sein, Widersprüche dürfen keine auftreten. Doch genau dies sei zuletzt vermehrt passiert, sagt Jürg Wiler von Exit: «Nicht alle inhaltlichen Änderungen und Formulierungen, die in der Patientenverfügung aufgegriffen werden, sind umsetzbar oder geben eine eindeutige Behandlungs- anweisung. Etliche Patientenverfügungen wurden um Widersprüche ergänzt, die aus der allgemeinen Verunsicherung heraus resultieren.» In solchen Fällen nehmen die Mitarbeiter von Exit Kontakt auf mit den Menschen, um die Widersprüche zu klären.

Palliative Betreuung ist in Coronazeiten erschwert

Wer sich entscheidet, auf eine künstliche Beatmung zu verzichten, wird palliativ betreut. Das ist allerdings auch schwieriger geworden: «Ein wichtiger Bestandteil der Palliative Care ist die Begleitung, auch die Berührung, die Betroffenen nicht alleinzulassen, da zu sein», sagt Martina Hämmerli von Palliative Aargau. Auch Gespräche seien sehr wichtig, durch den Mundschutz würden diese aber erschwert.

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