Aarau
Starchirurg Thierry Carrel: «Ich stehe nicht jeden Tag im Operationssaal»

Die Inselspital-Chirurgen Thierry Carrel und Lars Englberger führen ab Mai auch die Herzchirurgie an der Hirslanden-Klinik Aarau. Einer von ihnen wird dort täglich präsent sein. Carrel reizt besonders die neue Form der Zusammenarbeit.

Mathias Küng
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Thierry Carrel

Thierry Carrel

Philipp Zinniker

Herr Carrel, Sie sind Klinikdirektor am Inselspital, führen neu mit Lars Englberger die Herzchirurgie an der Hirslanden-Klinik in Aarau, sind Forscher, Ausbildner usw. Wie geht das alles?

Ich hatte schon als Assistenzarzt und auch nachher auf allen Stufen immer ein hohes Arbeitspensum. Es geht mir wie einem Profimusiker, der gern viel spielt und viele Konzerte gibt. Die Medizin ist meine Leidenschaft. Sehr wichtig sind mir die Gespräche mit den Patienten und ich operiere gern. Ich stehe aber auch nicht jeden Tag im Operationssaal.

Es sind bei Ihnen 100–150 Tage.

Ja, die Chirurgie ist der wichtigste Pfeiler in meinem Beruf. Ich konzentriere meine Eingriffe auf drei, manchmal vier Tage pro Woche. Ich habe aber auch das Privileg, dass ich meine Arbeit selbst einteilen kann. Ich kann an einen Kongress gehen, kann aber auch einen Kollegen delegieren. So schaffe ich mir Handlungsspielraum. Bei einem Arbeitspensum von 80 bis 100 Stunden pro Woche kann ich problemlos 20 davon freimachen für ein neues Projekt. Ich hatte in den letzten 15 Jahren immer wieder neue Projekte.

Thierry Carrel

Thierry Carrel wurde 1960 in Freiburg geboren. Er studierte Medizin an den Universitäten Freiburg und Bern. 1999 wurde er zum ordentlichen professor und Direktor der Klinik für Herz- und Gefässchirurgie des Inselspitals an der Uni Bern ernannt. In der Zwischenzeit lehnte er verschiedene Berufungen in Zürich und an ausländischen Universitäten ab. Seit Beginn seiner herzchirurgischen Tätigkeit hat er über 10000 Eingriffe durchgeführt. 2008 behandelte er den erkrankten Bundesrat Hans-Rudolf Merz, dem er fünf Bypässe setzte. Er ist in zweiter Ehe mit Fernsehmoderatorin Sabine Dahinden verheiratet und hat eine Tochter aus erster Ehe. (mku)

Diesmal in Aarau. Wie läuft es denn da ab Mai?

Lars Englberger oder ich werden täglich Präsenz zeigen – zudem gibt es noch den Chirurgen James Habicht von der Hirslanden-Klinik. Meine Absicht ist nicht, alles selber zu machen, sondern die Art und Weise, wie wir in Bern arbeiten, auf die Klinik in Aarau zu übertragen. Mit der Zeit und nach Bedarf werde ich das Team durch weitere Mitarbeiter verstärken.

Zürich, Basel, ausländische Kliniken wollten Sie schon. Sie bleiben Bern treu und kommen jetzt auch nach Aarau. Was reizt Sie daran so?

Mich hat die neue Form dieser Zusammenarbeit sehr interessiert. Die Partnerschaft zwischen einem öffentlichen Spital und einer Privatklinik hat Riesenpotenzial. Der Wechsel an eine andere Uniklinik wäre sicher auch reizvoll, aber die Arbeit wäre grundsätzlich die gleiche wie an der Uniklinik in Bern. Ich lebe sehr gern in Bern. Ich habe das Glück, dass meine Eltern in der Westschweiz noch leben. So bin ich ihnen nah. Wäre ich etwa in Hamburg, wären Familie und Freunde fern.

Familie und Freunde sind also ein wesentlicher Grund, dass Sie solche Angebote bisher ausgeschlagen haben?

Sehen Sie, wenn ich etwa mit meinem bald 90-jährigen Vater über seine Vergangenheit und den Zweiten Weltkrieg diskutieren kann, ist das für mich viel mehr Lebensqualität, als wenn ich weit weg mit Kollegen auf dem Golfplatz wäre. Ich habe wenig Freizeit. Die will ich mit der Familie und Freunden sehr intensiv erleben.

Sie sagen, der neue Aspekt der Anfrage aus Aarau habe Sie sehr interessiert, weil sie von einer Privatklinik kam.

Absolut, ja. Mich reizt es, das angespannte Verhältnis zwischen öffentlichen und privaten Spitälern weiter aufzuweichen.

Was reizt Sie noch am Projekt Aarau?

Es ist eine neue Herausforderung, ein überschaubares Projekt, Aarau ist nahe bei Bern. Und mit der Pensionierung des bisherigen Herzchirurgen Wolfgang Bertschmann geht es nicht um eine Übernahme, sondern um die Weiterentwicklung der Klinik. Die Klinik Hirslanden hat vom Kanton den Auftrag für Herzchirurgie. Mit der neuen Lösung werden noch mehr Patienten in Aarau operiert werden können. Ich denke, wir erfüllen damit den Wunsch der Patienten und der Politiker.

Was kann man lernen, wenn man zwischen einem öffentlichen und einem privaten Spital pendelt?

Wir werden uns in allen Bereichen neu immer wieder austauschen: Medizinisch wird der Input von uns kommen. Aber bei Prozessabläufen und Effizienz können wir von einer Privatklinik wohl einiges lernen. Ich denke etwa an die Hotellerie und den Patientenkomfort.

16 Schweizer Kliniken bieten Herzchirurgie an. Überleben die alle?

Zur Zukunft kleiner Kliniken etwas zu sagen, ist extrem schwierig. Denn darüber wird wohl nicht medizinisch, sondern politisch entschieden.

Das heisst?

Jeder Kanton kann grundsätzlich selbstständig entscheiden, ob es Sinn macht eine oder mehrere Herzchirurgien zu betreiben. Hier geht es nebst der Medizin auch um Arbeitsplätze und Know-how, Kosten für ausserkantonale Behandlungen und Komfort für die Patienten, die wohnortsnah behandelt werden. Ich muss aber sagen: 250 bis 300 Eingriffe pro Jahr sind die unterste Grenze für die Rentabilität der Infrastruktur, die man regelmässig erneuern muss.

Was ist das Hauptproblem kleiner Kliniken: Die tiefen Fallzahlen?

Je mehr Behandlungen, umso grösser die Erfahrung des Teams. Das fördert sicher auch die Qualität. Wenn ein einfacher Eingriff gut verläuft, erzielt man auch in kleinen Kliniken gute Resultate. Wenn indes in seltenen Fällen eine Operation entgleitet, auch wenn man nichts falsch gemacht hat, reagiert ein sehr erfahrenes Team professioneller. Es ist wie bei einem Piloten, der schon in allen Wetterlagen in Mumbay gelandet ist. Der schafft es auch im Tropensturm.

Bisher schickte das Kantonsspital Aarau Patienten für Herzoperationen lieber nach Basel. Ist es eine Hoffnung oder ein Ziel, dass Sie sich da finden?

Ich kann niemanden zur Zusammenarbeit zwingen. Sehen Sie, das Kantonsspital ist ein wichtiger potenzieller Zuweiser. Die Ärzte entscheiden dort mit ihren Patienten, in welchen Kliniken sie dann eine Herzoperation durchführen lassen. Wir werden sicher unser Projekt dem Kantonsspital vorstellen und nach den Erwartungen fragen.

Die Ansprüche sind natürlich hoch.

Zu Recht. Wenn ein Spital einen Patienten, dem es schlecht geht, überweisen will, muss die Verfügbarkeit rund um die Uhr vorhanden sein. Sonst geht das gar nicht! Ich bin zuversichtlich, dass wir ein Konzept vorstellen können, ähnlich wie in Bern, das alle zufriedenstellt.

Sie sind sehr bekannt, der Erfolgsdruck ist hoch. Wie gehen Sie damit um?

Bekannt zu sein ist nicht nur angenehm, es weckt auch Neid und Missgunst. Das ist bedauerlich, weil dahinter sehr viel Arbeit und Einsatzbereitschaft eines ganzen Teams steckt – über Jahre hinweg. Meine Mitarbeiter wissen es, man kann mich Tag und Nacht anrufen: Ich bin praktisch immer erreichbar, auch während meiner Ferien. Die Dankbarkeit kommt aber von den Patienten. Jedes Jahr füllt sich eine Kiste mit Dankesschreiben, was mich bestärkt und glücklich macht.

Sie kandidierten 2011 erfolglos für die FDP für den Nationalrat. Versuchen Sie es 2015 nochmals?

Ich glaube nicht (lacht). Meine Kandidatur wurde mit viel Wohlwollen aufgenommen. Ich hätte auch gern in Kommissionen Ideen eingebracht und die Knochenarbeit gemacht. Patienten sagten mir aber: Wir würden Sie gern wählen, aber bleiben Sie bitte in der Klinik!