Vierfachmord Rupperswil
Star-Forensiker über Fall Rupperswil: «Plötzlich hilft Kommissar Zufall - dann gehts schnell»

Mark Benecke hat schon Hitlers Kiefer untersucht. Jetzt spricht Deutschlands berühmtester Forensiker über den Fall Rupperswil und sagt, warum Schweizer Ermittler Eigenbrötler sind.

Pascal Ritter
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Kriminalbiologe Mark Benecke sagt, Schweizer Ermittler seien Eigenbrötler.

Kriminalbiologe Mark Benecke sagt, Schweizer Ermittler seien Eigenbrötler.

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Herr Benecke, warum fehlt von den Tätern in den Fällen Emmen und Rupperswil jede Spur, obwohl die Ermittler mit modernsten Methoden wie DNA-Tests arbeiten?
Mark Benecke: Die Frage ist, ob es da wirklich keine Spur vom Täter gibt. Gerade in der Schweiz kommunizieren die Strafverfolger Fahndungsergebnisse nur zurückhaltend. Manchmal mauert die Staatsanwaltschaft auch aus politischen Gründen. Es gilt das Motto: Der gute Kriminalist arbeitet still und spricht nicht mit der Presse. Das ist gut für die Arbeit, aber blöd für euch Journalisten.
Am Tatort wurden DNA-Spuren gefunden. Woran könnte es liegen, dass sie noch nicht zum Täter führten?
Eine DNA-Spur allein nützt mir natürlich noch nichts, wenn sich nicht ein entsprechendes Vergleichsprofil in der Datenbank befindet. Dazu müssten die Täter vorher schon mal straffällig oder zumindest verdächtigt gewesen sein. Das Gleiche gilt auch für Faserspuren. Anders als im Krimi kann man mit Fasern von Kleidern der Täter nicht einfach zu allen Pulloverfabrikanten gehen und deren Kundschaft überprüfen.

In Rupperswil untersuchten Spezialisten acht Wochen nach der Tat noch mal den Tatort. Was bringt das?
Es bringt immer etwas, den Tatort nochmals anzuschauen. Ich war schon sechs Jahre nach einer Tat an einem Tatort. Man findet immer etwas. Ob Blutspuren, DNA, Fasern oder auch nur Möbel, die irgendwie komisch angeordnet wurden. Ich habe noch nie nichts gefunden an einem Tatort.
Die Aargauer Kantonspolizei hat noch nie so viele Beamte einem einzigen Fall zugeteilt. Gilt bei Ermittlungen, dass vier Augen mehr sehen als zwei, oder ist es eher wie in der Küche: Zu viele Köche verderben den Brei?
Am besten sind viele gute Köche. Dann kann man sich aufteilen und verschiedenen Spuren gleichzeitig nachgehen. Der einsame Kommissar mit der Pfeife im Mund kann die vielen Spezialisten nicht ersetzen. Die Schweiz ist eines der Länder, in denen es viele wirklich gute Fachleute gibt. Der Wissensstand ist sehr hoch.
Das klingt, als hätten Sie schon anderes erlebt.
Ich war mit meinem Team in Ciudad Juárez, der mexikanischen Stadt, in der viele Frauen ermordet wurden. Als wir ankamen, fragten uns die dortigen Ermittler: «Und? Wer ist es gewesen?» Wir fragten nach Spuren. Sie antworteten: «Welche Spuren? Lass uns ein Bier trinken gehen.» Das ist in der Schweiz ganz anders. Die Kollegen arbeiten gründlich und solid.
Auch die Vergewaltigung von Emmen ist noch nicht aufgeklärt. Trotz Massen-DNA-Test. Was halten Sie davon?
Für mich ist es keine soziale Frage, ob man einen Massen-DNA-Test anordnen soll, sondern eine technische. Man muss abwägen, ob sich der Aufwand lohnt. Die Ermittler müssen zudem aufpassen, dass sie nicht getäuscht werden. Es gibt Täter, die einem Komplizen den Pass in die Hand drücken und ihn zum DNA-Test schicken. Nicht zu unterschätzen ist auch die indirekte Wirkung solcher Tests. Manche Täter stellen sich, sobald sie aufgeboten werden. Vor ein paar Jahren hat sich einer in die Luft gesprengt, am Tag bevor er zum DNA-Test musste. Andere gehen als Einzige nicht zum Test und fliegen darum auf.

Carla Schauer am Bancomaten der Hypothekarbank Lenzburg in Rupperswil am Tag ihrer Ermordung. Wenige Stunden später war sie tot.
25 Bilder
In diesem Doppel-Einfamilienhaus stiessen Feuerwehrleute bei einem Brand am Montagmorgen, 21. Dezember 2015, auf vier verkohlte Leichname.
Bei den Opfern handelt es sich um Carla Schauer (†48), ihre beiden Söhne (†13 und †19) sowie die Freundin des älteren Sohnes (†21). Dieses Bild vor dem Haus der Opfer wurde zirka 9 Tage nach der Tat aufgenommen.
Oberstaatsanwalt Philipp Umbricht, die leitende Staatsanwältin Barbara Loppacher und Kripo-Chef Markus Gisin an der Medienkonferenz vom 18. Februar 2016. Sie informierten, dass am Tatort DNA-Spuren und Fingerabdrücke gefunden wurden.
Vierfachmord Rupperswil: Die Fakten
Der Fahndungsaufruf wurde in sieben Sprachen veröffentlicht.
Carla Schauer am Tatmorgen, während ihres Barbezugs am Schalter in der AKB-Filiale in Wildegg. Hier hob sie knapp 10'000 Franken ab.
Die Filiale der Hypothekarbank Lenzburg in Rupperswil im Gebäude rechts hinten, etwas vom Baum verdeckt. 1000 Euro in Hunderternoten hob Carla Schauer hier am Tatmorgen, um 9.50 Uhr, beim Bankomaten.
Die Lenzhardstrasse in Rupperswil, wo die Familie Schauer wohnte.
Die Feuerwehr rückte am Tatmorgen um 11.20 Uhr wegen des Brands zum Haus an der Lenzhardstrasse aus.
Einsatzkräfte fanden im Haus die vier verkohlten Opfer: Sie wiesen Stich- oder Schnittverletzungen auf. Die Täter hatten sie angezündet.
Roland Pfister, Medienchef der Kantonspolizei Aargau, informiert Medienschaffende nach der Tat.
Ein Grossaufgebot von Feuerwehr, Polizei und Ambulanz ist an der Lenzhardstrasse in Rupperswil im Einsatz.
Das Grossaufgebot von Polizei und Feuerwehr lockt auch zahlreiche aufgewühlte Anwohner an.
Vor Ort ermitteln Spezialisten der Polizei, Rechtsmediziner und Vertreter der Staatsanwaltschaft zum Brand und der Todesursache der Opfer.
Die Ermittler machen sich bereit, im Innern des Hauses die Spuren zu sichern.
Für die Ermittler ist Knochenarbeit angesagt: Ein Polizist leuchtet in einen Schacht.
Auch das Care-Team Aargau ist vor Ort.
Das Quartier, in dem das Verbrechen geschah.
Schüler und Anwohner stellen, als das Verbrechen bekannt wird, vor dem Haus der Familie Schauer Kerzen aufgestellt.
Schüler und Anwohner stellen, als das Verbrechen bekannt wird, vor dem Haus der Familie Schauer Kerzen aufgestellt.
Zwischen den Kernen finden sich persönliche Abschiedsbotschaften.
Blick auf das Dorfzentrum von Rupperswil.
Flugblatt statt Facebook: Die Polizei sucht direkt in Rupperswil nach Personen, die Auskunft zur Bluttat mit vier Toten geben können.
Neun Tage nach der Tat stehen nach wie vor viele Kerzen vor dem Haus der Opfer. Sie werden erst Wochen später weggeräumt.

Carla Schauer am Bancomaten der Hypothekarbank Lenzburg in Rupperswil am Tag ihrer Ermordung. Wenige Stunden später war sie tot.

Kapo AG