Wahlkampf

Ständerats-Talk: «Wir sind alle ein Risiko für die Wähler»

Die drei Aargauer Ständeratskandidaten im «TalkTäglich» vom 27.10.: Sehen Sie die wichtigsten Momente in unserem Zusammenschnitt.

Die drei Aargauer Ständeratskandidaten im «TalkTäglich»: Sehen Sie die wichtigsten Momente in unserem Zusammenschnitt

Es diskutierten Hansjörg Knecht (SVP, links), Philipp Müller (FDP) und Ruth Humbel (CVP) mit az-Chefredaktor Christian Dorer.

Zum ersten Mal trafen am Dienstag die drei Kandidaten für den zweiten Aargauer Ständeratssitz aufeinander. Im «TalkTäglich» auf Tele M1 kreuzten Ruth Humbel (CVP), Philipp Müller (FDP) und Hansjörg Knecht (SVP) die verbale Klinge.

Schon vor Beginn des knapp halbstündigen Talks unterhielten sich Ruth Humbel, Philipp Müller und Hansjörg Knecht im Fernsehstudio angeregt. Es gab sogar ein kleines Vorgeplänkel mit modisch-politischem Hintergrund: Müller sprach Humbel auf ihr rotes Kleid an, diese sagte, die Farbe habe nichts mit der offiziellen Unterstützung durch die SP zu tun. Vielmehr habe ihr die Frau des nicht mehr antretenden SVP-Nationalrats Hans Killer das Kleid empfohlen. Kaum auf Sendung, begann unter der Leitung von Moderator und az-Chefredaktor Christian Dorer dann die richtige Auseinandersetzung.

Frau Humbel, Sie haben gesagt, dass Sie nicht mehr antreten, wenn Sie im ersten Wahlgang «abschiffen». Warum kandidieren Sie trotzdem?

Ruth Humbel: Ich bin immer davon ausgegangen, dass ich im zweiten Wahlgang nochmals antreten würde. Es war klar, dass sich die Stimmen auf die vier Mittekandidaten verteilen. Die Stimmenverluste der CVP bei der Nationalratswahl haben mir im ersten Moment etwas den Mumm genommen. In den Tagen nach der Wahl haben sich viele Leute bei mir gemeldet und mich zur Kandidatur ermuntert. Zudem hat die Analyse der Resultate ergeben, dass wir viel Potenzial in der Mitte haben. Und ich möchte eine Alternative bieten zu den zwei Rechtspolitikern.

«Nicht aufgeben – weiterkämpfen»: So begründete Ruth Humbel am Mittwochabend ihre Kandidatur im zweiten Wahlgang.

«Nicht aufgeben – weiterkämpfen»: So begründete Ruth Humbel vergangene Woche ihre Kandidatur im zweiten Wahlgang.

Herr Knecht, sind Sie der lachende Dritte und schon gewählt, wenn sich Ruth Humbel und Philipp Müller
die Stimmen streitig machen?

Hansjörg Knecht: Nein, ich stelle mich auf einen harten zweiten Wahlgang ein, das Rennen ist offen, das habe ich auch schon vor dem ersten Wahlgang gesagt. Ich bin sehr zufrieden mit dem Resultat, das ich erreicht habe. Tatsache ist, die Mehrheit der Aargauer Bevölkerung ist sehr EU-kritisch, möchte eine eigenständige Schweiz und keine masslose Zuwanderung – für diese Wähler bin ich der glaubwürdigste Vertreter.

Herr Müller, die FDP und die CVP haben vieles gemeinsam. Weshalb haben sich die beiden Parteien nicht auf eine Kandidatur geeinigt?

Philipp Müller: Es ist legitim, dass die CVP noch einmal antritt. Ich bin keiner, der nun jammert, dass mir deswegen Stimmen verloren gehen könnten. Die Linken haben ihren Sitz, die Auswahl für das Aargauer Volk im zweiten Wahlgang ist interessanter geworden, sie reicht nun von der Mitte bis rechts...

Asylbewerber, Energiewende, AHV und Bundesratswahl: Die drei Kandidaten streiten sich ausführlich über sachpolitische Themen.

Asylbewerber, Energiewende, AHV und Bundesratswahl: Die drei Kandidaten streiten sich ausführlich über sachpolitische Themen.

Hand aufs Herz, haben Sie sich nicht geärgert, als Sie erfahren haben, dass Ruth Humbel kandidiert?

Müller: Nein, ich habe mir zuerst überlegt, ob mir das nützt oder schadet. Ich denke, das lässt sich nicht messen. Letztlich sind es Kopfwahlen, und ich glaube, ob Ruth Humbel mitmacht oder nicht, ist nicht entscheidend.

Trotzdem, wenn FDP und CVP mit eigenen Kandidaten antreten, auf wen soll der Wähler setzen, der keinen SVP-Vertreter im Ständerat will?

Müller: Ich glaube nicht, dass man einfach den Wähleranteil der SVP im Nationalrat auf die Ständeratswahlen übertragen kann. Ein zweiter Wahlgang hat eine Eigendynamik, da können sich die Wähler von heute auf morgen wieder völlig anders entscheiden.

Entscheidend werden die Stimmen von links sein. Frau Humbel, was tun Sie dafür, dass möglichst viele linke Wähler Ihren Namen auf den Wahlzettel schreiben?

Humbel: Eigentlich buhlen Philipp Müller und ich um die gleichen Stimmen. Ich erkläre meine Politik, gerade in jenen Bereichen, wo ich Berührungspunkte mit SP und Grünen habe.

Am Montag waren Sie bei den Grünen, haben um eine Empfehlung geworben, diese aber nicht erhalten.

Humbel: Ich bin davon ausgegangen, dass die Grünen auch die grünen Themen stark gewichten. Aber einer Gender-Frau wie Irène Kälin geht es mehr um die Homo-Ehe. Dass die Grünen Stimmfreigabe beschlossen haben, ist das auch recht.

Herr Knecht, wo wollen Sie noch zusätzliche Stimmen holen? Oder ist Ihr Potenzial schon ausgeschöpft?

Knecht: Ich halte nicht viel von den Rechenspielen, die angestellt werden. Wichtig ist für mich, dass ich meine Basis mobilisieren kann, das ist der Schlüssel zum Erfolg. Aber ich bin überzeugt davon, dass ich als konsensfähiger Sachpolitiker auch ausserhalb der SVP noch weitere Stimmen gutmachen kann. Schliesslich habe ich im Verlauf des Wahlkampfs stetig aufgeholt.

SVP-Kandidat Hansjörg Knecht landet bei den Aargauer Ständeratswahlen auf Platz 2: "Dieses Resultat mach mich stolz - die Differenz zu Philipp Müller ist eine gute Basis für den zweiten Wahlgang"

SVP-Kandidat Hansjörg Knecht landet bei den Aargauer Ständeratswahlen auf Platz 2: "Dieses Resultat mach mich stolz - die Differenz zu Philipp Müller ist eine gute Basis für den zweiten Wahlgang" (18.10.2015)

Tatsächlich lagen Sie, Herr Müller, in einer Umfrage im September noch vor Hansjörg Knecht. Hat Ihr Autounfall also einen Einfluss auf den Wahlausgang gehabt?

Müller: Ich weiss nicht, ob der Unfall selber einen Einfluss hatte. Ganz sicher wirkt es sich aber aus, wenn man den Wahlkampf einstellt. Natürlich kennen mich die Leute im Aargau, alleine schon als FDP-Präsident. Aber man darf sich nie darauf verlassen, man sei bekannt und das reiche zur Wahl. Man muss sich auch positionieren und den Leuten glaubhaft aufzeigen können, wofür man politisch steht.

Medizinische Tests haben ergeben, dass die Unfallursache wohl ein Sekundenschlaf war. Die Strafuntersuchung dauert weit über den Wahltermin hinaus – ist es kein Risiko für den Wähler, dass doch noch etwas Belastendes ans Tageslicht kommt?

Müller: Ein Risiko für die Wähler sind wir drei alle. Man kann nie voraussagen, was in den nächsten vier Jahren passiert, sei das im politischen oder im privaten Umfeld. Ich glaube nicht, dass mein Unfall eine politische Relevanz hat. Ob ich nun kandidiere oder nicht: Der jungen Frau, dem Unfallopfer, geht es deshalb nicht schneller oder weniger schnell besser.

Herr Knecht, Sie verkaufen sich als Sachpolitiker. Was entgegnen Sie den Kritikern, die Sie als blass und wenig profiliert bezeichnen?

Knecht: Ich verkaufe mich nicht als Sachpolitiker, ich bin einer. Und ich habe in meiner langen politischen Laufbahn, auch im Grossen Rat, zur Genüge bewiesen, dass ich konsensfähig bin. Blass ist der falsche Begriff, ein Mann wie Ständerat Peter Bieri, der nicht mehr angetreten ist, war in den letzten Jahren einer der einflussreichsten Politiker in Bern. Er hat die Fäden im Hintergrund gespannt, das ist Knochenarbeit, und das mache ich auch. Am meisten Einfluss hat nicht der Politiker, der ständig in Mikrofone spricht, sondern jener, der «chrampfet».

Humbel: Das ist ein eindeutiges Zeichen für die Qualität unserer Ständeräte (Anmerkung der Redaktion: Peter Bieri gehört der CVP an). Sie bestimmen die Dossiers und haben im Hintergrund die Fäden in der Hand.

Sie alle positionieren sich als bürgerlich – Herr Müller, in welchem Punkt unterscheiden Sie sich inhaltlich von Ihren Konkurrenten?

Müller: Zu Ruth Humbel habe ich eine grosse Differenz bei der Energiestrategie 2050 und der Altersvorsorge 2020. Hansjörg Knecht und ich haben andere Positionen, wenn es um die Steuerung der Zuwanderung und die bilateralen Verträge mit der EU geht.

Herr Knecht, für welchen Punkt stehen nur Sie alleine ein?

Knecht: In der Energiepolitik haben wir Differenzen. So, wie diese jetzt aufgegleist ist, wird sie dem Wirtschaftsstandort Schweiz das Genick brechen, dagegen werde ich kämpfen.

Ständerat - Philipp Müller (FDP) knapp hinter Hansjörg Knecht (FDP): "Jetzt werde ich alles geben für den zweiten Wahlgang"

Philipp Müller (FDP) knapp hinter Hansjörg Knecht (FDP): "Jetzt werde ich alles geben für den zweiten Wahlgang" (18.10.2015)

Frau Humbel, wo heben Sie sich von den anderen Kandidaten ab?

Humbel: Ich bin grundsätzlich gegen einen Abbau bei der AHV. Für mich ist klar: Die Stimmbevölkerung wird weder ein höheres Rentenalter noch Leistungskürzungen genehmigen.

Müller: Es geht nicht um einen Abbau, mit der Revision wollen wir verhindern, dass die AHV in 15 Jahren ein Defizit von 8 bis 9 Milliarden Franken hat. Nun hat der Ständerat mithilfe der CVP nochmals eine Rentenerhöhung obendrauf gepackt, die alle anderen zahlen müssen über Lohnprozente und die Mehrwertsteuer – das ist doch einfach verantwortungslos.

Humbel: Bei diesem Entscheid war FDP-Ständerätin Christine Egerszegi dabei. Und es geht einfach darum: Wenn man bei der zweiten Säule kürzt, muss dies kompensiert werden.

Knecht: Ich bin gegen die Rentenerhöhung um 70 Franken. Zuerst müssen wir nun schauen, wie wir die AHV nachhaltig finanzieren können.

Ein grosses Thema ist derzeit die Asylpolitik. Hier vertreten Sie alle drei eine ziemlich harte Linie...

Knecht: Das stimmt, wir verfolgen eine konsequente Haltung, aber wir machen keine radikale Politik. Radikal wäre eine Forderung, wie sie Philipp Müller einst aufgestellt hat: die Begrenzung des Ausländeranteils auf 18 Prozent.

Humbel: Dann ist das Asylmoratorium, das die SVP kürzlich verlangt hat, also keine radikale Forderung?

Müller: Jetzt hat Hansjörg Knecht eine 15 Jahre alte Vorlage ausgegraben – aber etwas hat meine Initiative von damals eben doch gebracht: Wir haben mit dem Gegenvorschlag ein Ausländergesetz erhalten, das ich unterstütze.

Dreikampf bei den Aargauer Ständeratswahlen

Dreikampf bei den Aargauer Ständeratswahlen – sehen Sie hier die ganze Sendung.

Soll sich die Schweiz an einer Kontingentslösung der EU beteiligen, die festlegt, welches Land wie viele Flüchtlinge aufnimmt?

Humbel: Wenn alle EU-Länder dabei mitmachen, dann ja.

Müller: Wir haben eine hohe Zahl von Asylsuchenden in laufenden Verfahren, dazu viele, die laufend in die Schweiz kommen, deshalb nein.

Knecht: Das lehne ich auch ab, denn die Schweiz nimmt heute schon doppelt so viele Asylsuchende auf wie der EU-Durchschnitt.

Humbel: Das stimmt nun einfach nicht, in Deutschland hat es inzwischen gegen eine Million Flüchtlinge, in der Schweiz sind wir bei 27 000.

Müller: Jetzt muss ich Hansjörg Knecht verteidigen: Es stimmt, dass Schweden und Deutschland anteilmässig mehr Flüchtlinge aufnehmen. Aber im Vergleich mit dem EU-Durchschnitt nimmt die Schweiz massiv mehr auf.

Humbel: Ich glaube, die Bevölkerung in der Schweiz und im Aargau ist bereit, Frauen und Kinder aus dem kriegsgebeutelten Syrien aufzunehmen.

Müller: Die meisten Asylgesuche stellen Eritreer und nicht Syrer. Auch die Anerkennungsquote bei Eritreern ist höher. Und wenn man Bundesrätin Sommaruga fragt, ob es in Eritrea schlimmer sei als in Syrien, dann kann sie keine glaubhafte Antwort geben.

Knecht: Wir haben heute eine Asylpolitik, die unser Sozialsystem überfordert, es herrscht Asylchaos.

Nach einer minutenlangen Asyldebatte zwischen den Kandidaten wollte Christian Dorer wissen, wer Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf am 9. Dezember wiederwählen würde. Humbel sagte, sie habe noch nie eine amtierende Bundesrätin abgewählt und werde dies auch künftig nicht tun. Müller erklärte, mit einem Wähleranteil von 4,1 Prozent sei der Anspruch der BDP auf einen Bundesratssitz nicht mehr gegeben.

Bei Knecht als Vertreter der SVP, die auf Kosten von Widmer-Schlumpf einen zweiten Sitz anstrebt, erübrigte sich die Frage. Viel weniger klar äusserten sich die drei zur Schlussfrage, wem sie den Sieg bei den Ständeratswahlen wünschen, wenn sie selber nicht gewählt würden. «Das wird das Aargauer Volk entscheiden», tönte es unisono. 

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