Othmarsingen
Stabile Geburtenzahl: Schwangere kommen trotz Umzug ins Storchenäscht

Vor anderthalb Jahren ist das Geburtshaus von Lenzburg nach Othmarsingen gezogen. Der Storch hat die Züglete gut überstanden, die Geburtenzahlen sind stabil. Letztes Jahr kamen im «Storchenäscht» 123 Babys zur Welt.

Barbara Vogt
Merken
Drucken
Teilen
Die Leiterin des «Storchenäscht» Anita Hilario (links) mit Hebamme Melanie Gerber in einem Geburtszimmer. ba

Die Leiterin des «Storchenäscht» Anita Hilario (links) mit Hebamme Melanie Gerber in einem Geburtszimmer. ba

Beinahe hätte es ein Valentinskind gegeben. Doch das Baby entschied sich, am 11. Februar auf diese Welt zu kommen. Ein putzmunterer und kerngesunder Knabe. Das war die jüngste Geburt im «Storchenäscht», dem einzigen Geburtshaus im Aargau. «Dies kann sich aber stündlich ändern», sagt Leiterin Anita Hilario (30) und lacht.

Seit Anfang Juni 2012 leitet sie das «Storchi» in Othmarsingen. Sie übernahm nicht nur die Leitung, sondern stand damals auch mitten in einem kahlen, leeren Haus, das sie spontan gekauft hatte. Das «Storchenäscht» zügelte zu diesem Zeitpunkt von Lenzburg nach Othmarsingen (siehe Kasten).

Geburtshaus ist dem Kantonsspital gleichgestellt

1983 hat die Hebamme Doris Erbacher das «Storchenäscht» in Lenzburg als erstes Geburtshaus der Schweiz eröffnet. Seither sind dort über 5300 Kinder zur Welt gekommen. Vor zwei Jahren stand das «Storchenäscht» vor dem Aus: Das Gebäude in Lenzburg wurde abgebrochen und Doris Erbacher pensioniert. Niemand schien sich für die Weiterführung des Geburtshauses zu interessieren. An Weihnachten 2011 gabs dann gleich mehrere Geschenke: ein Weihnachtskind und die Nachfolgerin Hebamme Anita Hilario. Eine Freundin schlug ihr vor, sie solle sich doch mal im «Storchi» melden. Was sie denn auch tat.

Hilario kaufte in Othmarsingen ein Haus und im Juni 2012 eröffnete sie darin das «Storchenäscht». Seit 1990 steht das Geburtshaus auf der kantonalen Spitalliste und ist bezüglich Finanzierung dem Kantonsspital und der Hirslandenklinik in Aarau gleichgestellt. Seit dem neuen Spitalgesetz 2012 wird das «Storchi» vom Kanton subventioniert. (bA)

Das Geburtshaus hat sich am neuen Standort gut etabliert, findet die Hebamme, «auch wenn Lenzburg und das ‹Storchi› wie Pech und Schwefel zusammengehörten». Das belegen die Geburtenzahlen: Wie in den vergangenen Jahren kommen im «Storchenäscht» durchschnittlich 125 Babys pro Jahr zur Welt.

2012 waren es 127, 2013 123 Mädchen und Knaben. Heuer blicken die Hebamme und ihr Team bereits auf 20 Geburten zurück. Es gebe geburtenstarke Zeiten, etwa im Frühling oder im Herbst, sagt Anita Hilario, und augenzwinkernd fügt sie hinzu: «Ein Fest oder eine WM im Sommer wirken sich auf die Geburtenzahlen aus. Da verlieben sich Pärchen.»

Für ein Geburtshaus sei der Standort nicht ausschlaggebend, findet Hilario. «Anders als ein Geschäft, das auf Laufkundschaft angewiesen ist, leben wir von unserem guten Ruf und der Mundpropaganda. Unsere Frauen kommen zu uns, weil sie sich wohlfühlen und sich mit dem ‹Storchenäscht› identifizieren.»

Der Standort an der Hendschikerstrasse in Othmarsingen sei zwar nicht so zentral wie derjenige in Lenzburg. Ein Nachteil sei dies aber nicht, sagt die Hebamme. «Wir sind mit Auto oder Zug gut erreichbar und liegen nahe bei
einem Autobahnzubringer.»

Ins gemachte «Näscht» gesetzt

Für Anita Hilario waren die letzten anderthalb Jahre eine strenge Zeit: Als junge Hebamme musste sie lernen, ein Geburtshaus zu leiten. Ein Vorteil war, dass sie sich praktisch ins gemachte «Näscht» ihrer Vorfahrerin Doris Erbacher setzen konnte und bis heute von deren Erfahrungen profitieren kann.

«Wir sind keine sterile Gebäroase, sondern ein familiäres, ganzheitliches Haus. Uns ist es wichtig, dass ein Paar die Geburt und die Zeit im Wochenbett bewusst erlebt.» Anders als im Spital dürften Eltern im «Storchenäscht» ihre Tage individuell gestalten. In einem ruhigen und geborgenen Rahmen seien sie ihrem Neugeborenen besonders nahe. Missen möchte Anita Hilario die vergangenen Monate trotz des grossen Arbeitsaufwands nicht: «Ich habe viel für mein Herz gewonnen.»