Kanton Aargau

Staatsschreiberin Vincenza Trivigno: «Wir wollen den ganzen Salami sehen»

Nimmt die Haushaltssanierung als Chance, den Kanton zu modernisieren: Vincenza Trivigno.

Nimmt die Haushaltssanierung als Chance, den Kanton zu modernisieren: Vincenza Trivigno.

Vincenza Trivigno ist seit einem Jahr im Amt. Im Interview mit der «Aargauer Zeitung» spricht über das Arbeitsklima mit der Kantonsregierung, das Sparen und Wein.

Endlich ist es Sommer. Und weil das Regierungsratsgebäude in Aarau ein altehrwürdiges, unklimatisiertes ist, ist es dort nicht nur draussen vor der grossen Holztür in der Sonne schön warm, sondern auch drinnen. Vincenza Trivigno begrüsst ihre Gäste immer herzlich, so auch heute. Und dann geht sie auf die Suche nach dem kühlsten Sitzungszimmer. Die Wahl fällt auf Nr. 28.

Frau Trivigno, sind Sie im Aargau angekommen?

Ja! Ich fühle mich sehr wohl. Ich habe jetzt jede Saison einmal erlebt, den ganzen Jahreszyklus. Dabei gab es besondere Ereignisse: die kantonalen Wahlen etwa oder die Bundespräsidentinnenfeier von Doris Leuthard. Das hat man nicht jedes Jahr – und ich durfte alles bereits in meinem ersten erleben.

Was blieb speziell in Erinnerung?

Sehr speziell und sehr traurig ist der Tod von Roland Brogli. Er und Urs Hofmann waren die Delegation des Regierungsrats, die mich als Staatsschreiberin für die Schlussrunde ausgewählt hatte. Deshalb hat mich das persönlich sehr berührt. Aber das gehört auch zum Leben.

16 Jahre: Roland Broglis politische Karriere in bewegten Bildern

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Sie wohnen in Zürich. Sind Sie des Pendelns noch nicht leid geworden?

Nein, es ist ja nicht weit. Von Tür zu Tür habe ich 35 Minuten. Am Morgen stimme ich mich auf die Arbeit ein, am Abend lasse ich alles Revue passieren. Zudem habe ich eine Wohnung in Aarau, in der ich regelmässig übernachte. Dann gehe ich am Morgen in den Gönhardwald joggen, das ist sehr erfrischend. Überhaupt ist Aarau ein sehr schmuckes Städtchen, das viel Lebensqualität bietet, gerade jetzt im Sommer.

Jetzt müssen Sie sagen, dass Baden ebenso schmuck und lebenswert ist, sonst könnte jemand beleidigt sein.

Unbedingt, das stimmt aber auch! Dieses Jahr freue ich mich natürlich speziell auf die Badenfahrt.

Gehen Sie mit dem Regierungsrat?

Im Moment ist das nicht geplant. Das Problem ist: jeder kennt jeden. Die Gruppe wäre innert einer Minute in alle Himmelsrichtungen verstreut. Aber ich gehe ganz sicher. Und werde hoffentlich auch einige Leute kennen (lacht).

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Abgesehen von Unterschriftenübergaben oder Medienkonferenzen waren Sie bis jetzt in der Öffentlichkeit nicht sehr präsent ...

...finden Sie? Ich war am Pferderennen, der Gewerbeverbands-GV, der Handelskammer-GV, ...

... das stimmt. Wir meinen weniger das Besuchen von wichtigen Anlässen als Ihre Präsenz in den Medien. Ist das auch gar nicht Ihre Rolle?

Ich finde ganz klar, dass das nicht meine Rolle ist. Vor ein paar Tagen hielt ich bei einem Serviceclub einen Vortrag. Da kamen wir auch auf das Thema Medienpräsenz zu sprechen. Ich sage: Ich diene dem Regierungsrat, bin seine rechte Hand. Meine Aufgabe ist es, zu schauen, dass das Kollegium gut funktionieren kann. Meine Aufgabe ist es nicht, vorne hinzustehen.

Sehen Sie, was auf Sie zukommt, oder braucht es auch Reflexe?

Man braucht gute Reflexe und ein gutes Gespür. Aber mit der Erfahrung nach einem Jahr merke ich langsam, wo Überraschungen möglich sein könnten. Ich weiss langsam, wie der Kanton und wie der Grosse Rat funktionieren.

Ist es so, wie Sie es erwartet hatten?

Was mich überrascht hat, ist die Bedeutung der Regionen und der Gemeinden. Ich wusste zwar, dass der Aargau ein Kanton der Regionen ist. Aber die Kraft, die Gemeinden entwickeln, und der Einfluss, den sie haben können, ist grösser, als ich gedacht hatte.

Welchen Eindruck haben Sie vom Grossen Rat?

Die Kultur ist eine andere, als ich sie bisher aus anderen Kantonen gekannt habe. Die Regierung und der Grosse Rat sind ... wie soll ich sagen ... die Auseinandersetzung ist intensiver.

Meinen Sie das, ohne zu werten? Oder erschwert es Ihnen die Arbeit?

(Überlegt.) Es macht es insofern schwerer, dass es auch ein Feld ist, in dem man viel Energie investieren muss, um einen konstruktiven Dialog zu führen. Sonst macht man unter Umständen Arbeit vergebens, geht mit einer Vorlage in den Rat und steht am Schluss mit nichts da. Der Umgang ist sicher konfrontativer als anderswo. Das macht den Aargau auch ein Stück weit aus. Werten muss man das nicht.

Sie arbeiten eng an und mit der Regierung. Wie ist das Arbeitsklima?

Sowohl in der alten als auch in der aktuellen Zusammensetzung sehr freundschaftlich. Eine angenehme Atmosphäre und eine sehr gute Zusammenarbeit. Für das Funktionieren des Kollegiums und damit die positive Entwicklung des Kantons ist es entscheidend, dass man auf der menschlichen Ebene respektvoll miteinander umgeht.

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Sie wussten von Anfang an, dass sie in einen Betrieb kommen, der sparen muss. Darauf hätte nicht jede Lust. Warum Sie?

Ich finde eben, solche Situationen bieten auch immer grosse Chancen. Es geht nicht bloss um Zahlen, sondern um Veränderungen. Wir leben im Zeitalter der Digitalisierung und stehen noch komplett am Anfang dieses revolutionären Prozesses. Als Gesellschaft und als Verwaltung. Deshalb sehe ich die Haushaltssanierung nicht als reine Sparübung, sondern auch als Chance, den Kanton weiterbringen, modernisieren zu können. Darauf freue ich mich, das ist etwas sehr Gestalterisches.

Können Sie ein Beispiel geben für die Modernisierung?

Prozesse sollen einfacher werden, vieles soll elektronisch möglich werden. Zum Beispiel E-Voting oder E-Umzug. Das bringt dem Bürger Mehrwert, aber wir brauchen nicht mehr Personal.

Wie weit ist man beim E-Voting, nachdem der Bund die Testphase vorläufig unterbrechen liess?

Die Testphase nehmen wir im Herbst wieder auf. Der Grosse Rat hat den Verpflichtungskredit genehmigt. Bis es aber in den regulären Betrieb überführt werden kann, braucht es noch Zeit. Das gilt auch für andere digitale Prozesse, die etwa eine digitale Unterschrift benötigen. Da fehlt noch eine schweizweite Lösung. Bei den rechtlichen Rahmenbedingungen hoffen wir, dass der Bund vorwärtsmacht.

Ihr Vorgänger Peter Grünenfelder war eine Art Innovationsabteilung der Regierung. Auf was darf man bei Ihnen gespannt sein?

Was die Staatskanzlei momentan beschäftigt, ist die Gesamtsicht Haushaltssanierung. Wir setzen alles daran, dass das gelingt. Das wird uns genügend Innovation geben, und zwar in allen Bereichen, vom Gesundheitswesen über den Verkehr bis zur Kommunikation.

Gesamtsicht Haushaltssanierung – kann man es nicht auch einfach Abbau nennen?

Alle haben das Gefühl, dass es nur um Abbau geht. Wie gesagt, es geht vor allem auch um die Modernisierung des Kantons. Natürlich: Wir werden gewisse Sachen nicht mehr machen. Aber es geht doch um die Frage: Was brauchen wir noch, was nicht mehr, welche Leistung können wir anders erbringen? Zudem brauchen wir ein besseres Preisbewusstsein für staatliche Leistungen.

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Wie meinen Sie das?

Wenn ich in der Migros einen Liter Milch kaufe, steht 1.75 drauf. Wenn der Staat eine Leistung erbringt, eine Aufgabe erfüllt, kostet es den Bürger gefühlt nichts. Das ist aber nicht nur im Aargau so, sondern überall in der Schweiz. Wir müssen die Preisschilder deutlicher machen.

Für eine Gesamtsicht braucht es andere Blickwinkel. Wechselt man zum Nachdenken auch mal Ort?

Ja, wir wollen über den Standard hinausdenken. Die Generalsekretäre ziehen sich dafür regelmässig gemeinsam zurück. Es ist nicht einfach ein Traktandum unter vielen. Es gibt Klausuren dazu, die Regierung gab Expertenstudien in Auftrag. Wir wollen nicht mehr Jahr für Jahr Salamischeiben abschneiden, sondern den ganzen Salami sehen.

Vor einem Jahr sagten Sie, Sie wollten auch eine Schnittstelle zwischen Wirtschaft und Politik sein. Was haben Sie inzwischen erreicht?

Ich war an vielen Anlässen, habe gerade eine Einladung für einen Vortrag bei der AIHK erhalten. Ich versuche, mit den Verbänden und Unternehmen in Kontakt zu sein. Es ist extrem spannend, wie viele hochinnovative Unternehmen es gibt, sicherlich auch dank dem Paul-Scherrer-Institut. Zudem habe ich dafür gesorgt, dass Leute von auswärts in den Aargau kommen. Die Generalsekretäre der Eidgenössischen Departemente machten zum Beispiel ihren jährlichen Ausflug in den Aargau.

Apropos Schnittstelle zur Wirtschaft: Wie hat Ihnen die Staatswein-Degustation geschmeckt?

Au, das war eine super Sache! Da freue ich mich schon jetzt auf das nächste Jahr. Es ist ein ganz besonderer Anlass. Die Winzer sind wirklich gespannt, wer gewinnt. Eine gute Sache für den ganzen Kanton. Ich hoffe, dass wir das noch einige Jahre beibehalten können.

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