Vierfachmord Rupperswil
Staatsanwaltschaft erhebt Anklage gegen Thomas N. – wegen vierfachen Mordes und Kinderpornografie

Die Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau hat gegen den Aargauer Thomas N. Anklage wegen mehrfachen Mordes, mehrfacher räuberischer Erpressung, mehrfacher Geiselnahme und weiterer Delikte erhoben.

Jürg Krebs
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Vierfachmord Rupperswil – von der Tat bis heute
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Thomas N. wurde im Gefängnis Pöschwies in Regensdorf ZH inhaftiert. Hier wartet er seither auf den Prozess.
Vierfachmord Rupperswil – von der Tat bis heute 21. Dezember 2015: An diesem Tag kommt es in diesem Haus zum Vierfachmord.
Kurz vor Mittag geht bei der Feuerwehr Rupperswil-Auenstein ein Notruf über einen Brand in diesem Einfamilienhaus in Rupperswil ein.
Beim Einsatz finden Feuerwehrleute vier verkohlte Leichen im Haus.
Schnell ist klar: Es handelt sich um ein Verbrechen. Die Opfer waren gefesselt und wiesen Stich- und Schnittverletzungen auf.
Eine Forensikerin auf dem Weg zum Tatort im Rupperswiler Spitzbirrli-Quartier.
Die Ermittler sichern Spuren im und um das Haus.
Kapo-Medienchef Roland Pfister informiert die Medien über die vier gefundenen Leichen im Wohnhaus.
23. Dezember 2015: Zwei Tage nach der Bluttat sind die Opfer identifiziert: Es handelt sich um Carla Schauer (†48), ihre beiden Söhne Davin (†13) und Dion (†19) sowie dessen Freundin Simona (†21).
Mit Flugblättern sucht die Polizei bald in Rupperswil nach Personen, die Auskunft zur Bluttat mit den vier Personen machen können.
Auf dem Flugblatt ist auch das Bild von Carla Schauer (†48) zu sehen, wie sie am Tag wenige Stunden vor ihrem Tod an einem Geldautomaten in Rupperswil 1000 Euro abhebt.
Später taucht auch dieses Bild einer Überwachungskamera auf: Carla Schauer hebt knapp 20 Minuten nach dem Bancomat-Bezug weiteres Geld an einem Bankschalter in Wildegg ab. Es sind zirka 9000 Franken.
Trauerbekundungen beim Haus im Rupperswiler Spitzbirrli-Quartier, wo die vier getöteten Personen gefunden wurden.
Die Ermittlungsarbeiten zum Tötungsdelikt in Rupperswil reissen auch über die Feiertage nicht ab.
Für die Ermittler bedeutet der Fall Knochenarbeit: Ein Polizist leuchtet in einen Schacht.
8. Januar 2016: In Rupperswil findet ein Gedenk-Gottesdienst für die Opfer statt.
Rund 500 Personen wohnten dem Trauer-Gottesdienst bei. Wegen des grossen Andrangs mussten rund 200 Gäste den Gottesdienst vom Saal des Kirchgemeindehauses aus verfolgen.
Der Schock über die schreckliche Tat sitzt tief: Trauernde geben sich Halt
21. Januar 2016: Die Aargauer Staatsanwaltschaft gelangt an die ZDF-Sendung "Aktenzeichen XY – ungelöst". Im April wird der Mordfall von Rupperswil in München aufgezeichnet.
18. Februar 2016: Polizei und Staatsanwaltschaft informieren erstmals ausführlich über die Geschehnisse in Rupperswil an einer Pressekonferenz.
An dieser Pressekonferenz setzen die Behörden eine Belohnung von bis zu 100'000 Franken für Hinweise auf die Täterschaft aus.
Aus der Bevölkerung gehen hunderte Hinweise ein – keiner führt die Polizei auf die richtige Spur. Um den Vierfachmord von Rupperswil aufzuklären, haben die Aargauer Untersuchungsbehörden einen Aufwand betrieben wie noch nie zuvor.
13. Mai 2016: Fast fünf Monate nach dem Tötungsdelikt laden Polizei und Staatsanwaltschaft kurzfristig zu einer zweiten grossen Pressekonferenz ein.
Oberstaatsanwalt Philipp Umbricht enthüllt: Der Täter ist gefasst! Es handelt sich um einen 33-Jährigen aus Rupperswil, der nicht vorbestraft ist.
Der mutmassliche Mörder von Rupperswil: Thomas N. war jahrelang Fussball-Trainer und betreute C-Junioren.
Seine Fussballkollegen beschreiben ihn als Einzelgänger und guten Trainer.
In diesem Haus in Rupperswil – nur wenige Meter vom Haus der Familie Schauer entfernt – wohnte Thomas N.
Diesen Rucksack mit Tatutensilien für den nächsten Mord hat die Polizei im Haus von Thomas N. sichergestellt.
Die Haustür des Gebäudes wurde von der Polizei – nach einer Hausdurchsuchung – amtlich versiegelt.
Wenige Tage nach der Ergreifung des Täters wird bekannt: Die Rechtsanwältin Renate Senn wird den Mörder von Rupperswil vor Gericht vertreten.
21. Dezember 2016: Ein Jahr nach der Tat gab es in Rupperswil keine Gedenkfeier. Ammann Ruedi Hediger: «Die Wunden «sind am Verheilen.»
7. September 2017: Staatsanwältin Barbara Loppacher von der Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau erhebt Anklage.

Vierfachmord Rupperswil – von der Tat bis heute

Fotos: HO und Sandra Ardizzone / Montage: az

Der Angeklagte Thomas N. hatte am 21. Dezember 2015 in einem Einfamilienhaus in Rupperswil Carla Schauer (†48), ihre Söhne Davin (†13) und Dion (†19) sowie dessen Freundin Simona (†21) ermordet und den Tatort angezündet. Im Mai 2016 wurde der heute 34-jährige Täter von der Polizei gefasst. Er legte gemäss der Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau noch am gleichen Tag ein Geständnis ab.

Ergänzend zu den Ausführungen, die Kantonspolizei und Staatsanwaltschaft an der Medienkonferenz vom Mai 2016 gemacht hatten, hält die Staatsanwaltschaft fest: Es hat keine Hinweise auf eine weitere in die Tat involvierte Person gegeben. Auch habe niemand vom Vorhaben gewusst. Der Beschuldigte sei wohl ein Einzeltäter.

Tatwaffe in der Stadt Aarau entsorgt

Die Tatwaffe, ein Küchenmesser, konnte nie gefunden werden. Der Beschuldigte gibt an, er habe das Messer unmittelbar nach der Tat in Geschenkpapier eingewickelt und in der Stadt Aarau in einem öffentlichen Abfalleimer entsorgt.

Was bisher geschah

Die Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau hat heute Donnerstag gegen den Beschuldigten Anklage erhoben, und zwar unter anderem wegen

  • mehrfachen Mordes
  • mehrfacher räuberischer Erpressung
  • mehrfacher Freiheitsberaubung
  • mehrfacher Geiselnahme
  • mehrfacher sexueller Handlungen mit einem Kind
  • mehrfacher sexueller Nötigung
  • Brandstiftung
  • mehrfacher strafbarer Vorbereitungshandlungen
  • mehrfache Pornografie.

Kinderpornografie

Neu ist der Vorwurf der Kinderpornografie: Die Untersuchungsbehörden hätten auf den diversen beschlagnahmten elektronischen Geräten des Beschuldigten umfangreiches kinderpornografisches Material sicherstellen können, das er zuvor aus dem Internet heruntergeladen hatte. Das gab die Staatsanwaltschaft ebenfalls am Donnerstag bekannt.

Die nach der Verhaftung getätigten umfangreichen Ermittlungen hätten hingegen keinerlei Hinweise darauf ergeben, dass sich der Beschuldigte vor der Tat am 21. Dezember 2015 in Rupperswil jemals in sexueller Absicht einem Kind genähert hatte.

Klar ist aber, dass Thomas N. den Jungen Davin (†13) vor dessen Ermordung vergewaltigt hat.

Beschuldigter im vorzeitigen Strafvollzug

Der Beschuldigte ist geständig und befindet sich seit Ende Dezember 2016 im vorzeitigen Strafvollzug. Die Anklage sei am Bezirksgericht Lenzburg hängig. Ihre Anträge werde die Staatsanwaltschaft an der Hauptverhandlung bekannt geben. Die Staatsanwaltschaft will über diese Medienmitteilung hinaus keine weiteren Details zum Inhalt der Anklageschrift bekannt geben. Über das weitere Vorgehen werde zu gegebenem Zeitpunkt das Gericht informieren.

Der Tatablauf vom 21. Dezember 2015

Der nicht vorbestrafte Angeklagte, der in der Nähe des Tatorts wohnte, hatte sich am frühen Morgen des 21. Dezember 2015 Zutritt zum Haus der Familie verschafft und die vier anwesenden Personen in seine Gewalt gebracht.

Er bedrohte den 13-jährigen Sohn und zwang die Frau, ihren 19-jährigen Sohn und dessen 21-jährige Freundin zu fesseln und zu knebeln. Auch der jüngere Sohn wurde danach gefesselt.

Dann verlangte der Täter von der Frau, dass sie Geld beschafft. An Bankomaten in Rupperswil und Wildegg hob sie rund 1000 Euro und 10'000 Franken ab. Nach der Rückkehr ins Haus wurde auch die Frau gefesselt.

Danach verging sich der Täter am jüngeren Sohn. Zuletzt tötete der Täter seine Geiseln, indem er ihnen die Kehle durchschnitt. Er zündete die Opfer mit Brandbeschleuniger an und verschwand unerkannt aus dem Haus. Die Tötungen und die Brandlegung waren von Anfang an geplant.

Tatwaffe in Abfalleimer geworfenDie Tatwaffe, ein Küchenmesser, konnte nie gefunden werden. Der Beschuldigte gab an, er habe das Messer unmittelbar nach der Tat in Geschenkpapier eingewickelt und in der Stadt Aarau in einem öffentlichen Abfalleimer entsorgt. (sda)

Chronologie der Ereignisse

21. Dezember 2015: Thomas N. ermordet in Rupperswil vier Personen.

24. Dezember 2015: Polizei fahndet mit Flugblättern.

8. Januar 2016: Trauerfeier für die Opfer.

18. Februar 2016: Medienkonferenz der Polizei, Behörden setzen eine Belohnung von 100'000 Franken aus.

April 2016: Dreharbeiten für Aktenzeichen XY, gesucht wird der Täter.

12. Mai 2016: Thomas N. wird im Starbucks in Aarau verhaftet.

13. Mai 2016: Staatsanwaltschaft, Polizei und Regierung informieren über die Verhaftung und die bisherigen Erkenntnisse.

16. Mai 2016: Renate Senn wird als Pflichtverteidigerin von Thomas N. eingesetzt.

Täter in U-Haft im Zentralgefängnis Lenzburg, Kanton gibt Zehntausende Franken für Suizidprävention aus.

Februar 2017: Thomas N. wird in Strafanstalt Pöschwies in Regensdorf ZH verlegt.

11. Mai 2017: Zwei psychiatrische Gutachten liegen vor.

7. September 2017: Die Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau erhebt Anklage gegen Thomas N., unter anderem wegen vierfachen Mordes und Pornografie.

Unbekannt: Wann es zum Prozess am Bezirksgericht Lenzburg gegen Thomas N. kommt, ist noch nicht bekannt.