Am 18. Mai stimmt der Kanton Aargau über die Initiative «Ja für Mundart im Kindergarten» der Schweizer Demokraten ab. Mit dem Volksbegehren ist eine Frage, die eigentlich pädagogisch zu erörtern wäre, auf die politische Schiene gestellt worden. Was aber sagt die Sprachdidaktik zur Frage «Standardsprache und/oder Mundart im Kindergarten»? Die Frage geht an Mathilde Gyger, Leiterin der Professur für Sprache, Sprachentwicklung und Kommunikation am Institut Vorschul- und Unterstufe der Pädagogischen Hochschule Nordwestschweiz.

Frau Gyger, was halten Sie vom Ansinnen, die Standardsprache wieder aus den Aargauer Kindergärten zu verbannen?

Mathilde Gyger: Von einem solchen Verbot halte ich nichts. Es würde die Lehrpersonen bei ihrer Aufgabe, die Kinder in ihrer Sprachentwicklung umfassend zu fördern, behindern.

Die Initianten sagen: Im Kindergarten sollen die Kinder noch so sprechen können, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist.

Kinder im Vorschulalter haben ein ungebrochenes und unbekümmertes Verhältnis zu Mundart und Standardsprache. Sie setzen beides im Spiel ohne Berührungsängste ein, zum Beispiel, um in bestimmte Rollen zu schlüpfen. Die Kinder kennen die Standardsprache zudem aus den Medien. Sie sind stolz auf ihre eigenen Sprachkenntnisse. Die Standardsprache künstlich aus dem Kindergarten zu verbannen, käme praktisch einem Eingriff in die Ausdrucksfreiheit der Kinder gleich. Im Übrigen: Die momentan gültige Vorgabe, in ausgewählten Phasen die Standardsprache zu verwenden, gilt ja primär für die Lehrerin, nicht für die Kinder.

Der Initiant sagt, Hochdeutsch schon im Kindergarten sei ein folgenschwerer Eingriff in unser Kulturerbe.

Die Standardsprache ist ja keine Fremdsprache wie Französisch oder Englisch. Die deutsche Schweiz ist Teil des deutschsprachigen Kulturraums. Hochdeutsch und Mundart sind zwei Varietäten derselben Sprache. Dass den Kindern durch den Gebrauch der Standardsprache ihr Kindsein verdorben wird, ihre schweizerische Identität verkümmert oder ihre Beziehung zur Kindergärtnerin Schaden erleidet – das ist so noch nie beobachtet worden.

Werden die Kinder nicht überfordert, wenn sie bereits im Alter von 4 Jahren ständig zwischen zwei Sprachen wechseln müssen?

Es ist längst zweifelsfrei belegt: Das Gehirn der Vorschulkinder ist sehr aufnahmefähig, auch für unterschiedliche Sprachen und Varietäten. Aber man muss den Kindern möglichst früh genügend Gelegenheit geben, diese Sprachen zu verwenden und sich im Gebrauch zwanglos zu üben. Eine Anmerkung noch zum «ständigen Wechseln»: Es ist wichtig, der Standardsprache definierte Phasen zuzuordnen. Das wird in den Kindergärten auch so gehandhabt. Das unkontrollierte und unreflektierte Hin-und-her-Switchen kann Kinder, die in der deutschen Sprache noch unsicher sind, tatsächlich verwirren.

Man hört auch, es gäbe Kindergärtnerinnen, die Mühe hätten mit der Standardsprache beziehungsweise mit zwei Arten des Unterrichtens.

Nur wenn sie sich selber überfordern. Es geht ja nicht darum, den Kindern perfektes Bühnendeutsch beizubringen. Es geht darum, den selbstbewussten Gebrauch des Schweizer Hochdeutschen vorzuleben. Zu den «zwei Arten des Unterrichtens»: Mit dem Einzug der Standardsprache ist methodisch und didaktisch keine Umstellung nötig: Die Grundregeln der Kindergartenpädagogik gelten auch für die Phasen mit Standardsprache unverändert.

In vielen Kindergärten sind Kinder mit nichtdeutscher Erstsprache in der Mehrheit. Die Initianten sagen, es sei für die Integration wichtig, dass sie Mundart lernen.

Dass die Pflege der Mundart auch ein wichtiges Ziel ist, bestreitet ja niemand – das gilt übrigens für alle Kinder. Man kann mit Blick auf die Kinder mit Migrationshintergrund aber auch sagen: Der frühe Kontakt mit der überregional gültigen Varietät der deutschen Sprache, die den Kindern in Rede und Schrift begegnen wird, erleichtert die sprachliche und kulturelle Integration. Das Ziel ist jedoch letztlich für alle Kinder dasselbe: dass sie sich sowohl in der Mundart wie in der Standardsprache wohlfühlen.

Der Regierungsrat hat als Abwehrstrategie gegen die Initiative beschlossen, den Anteil der Standardsprache von 50 auf 30 Prozent zu senken. Was sagen Sie dazu?

Persönlich finde ich die jetzige Regelung besser. Aber wichtig ist, dass es kein Verbot gibt. Und wichtig ist auch, dass der Lehrperson im Kindergarten-Alltag genügend Spielraum eingeräumt wird. Schliesslich ist sie die Fachkraft. Eine gute sprachliche Entwicklung der Kinder ist primär ihre Verantwortung. Sie kennt die Kinder und kann beurteilen, wie sie am besten sprachlich zu fördern sind.