Spitzenmedizin
Spitzenmedizin: Der Aargau fällt durch die Maschen

Bei hoch spezialisierten Bauch-Operationen droht der Aargau ohne Zentrumsspital zu verlieren. Dazu gibt es eine interkantonale Vereinbarung, statt 26 kantonale Planungen nur noch eine landesweite zu betreiben. Es beginnt ein Kampf um Patienten.

Hans Lüthi
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Komplexe Operationen der Spitzenmedizin werden auf weniger Zentren konzentriert. gaetan Bally/Keystone

Komplexe Operationen der Spitzenmedizin werden auf weniger Zentren konzentriert. gaetan Bally/Keystone

Alle sind einverstanden, wenn es um den Grundsatz geht, die Spitzenmedizin auf weniger Spitäler zu konzentrieren. Für seltene Operationen im Bauchbereich zeigt ein vertraulicher Bericht, welcher dem «Sonntag» vorliegt, dass viele Spitäler die nötigen Fallzahlen allein nicht mehr erreichen.

Brisant dabei: Die Anhörung endet am 2. August, auch die Kantonsspitäler Aarau und Baden, die Hirslanden Klinik Aarau und selbst Regionalspitäler arbeiten fieberhaft an ihren Eingaben. Jedes Spital will am vorhandenen Kuchen sein Stücklein abschneiden – nur kommt es damit nie und nimmer zur sinnvollen, weil günstigeren und qualitativ deutlich besseren Konzentration.

Kampf um Patienten

Beim Kampf um Patienten kippt die hehre Absicht ins pure Gegenteil, Spitäler und Kantone geben ihre teuer aufgebaute Spitzenmedizin, Fachkompetenz inbegriffen, niemals kampflos preis.

In einer ersten Runde haben gemäss Insidern deshalb alle viel zu hohe Zahlen an jene Fachgruppe geliefert, die im Auftrag der Schweizerischen Konferenz der Gesundheitsdirektoren (GDK) die Abklärungen trifft. Jetzt müssen sie präzisere Zahlen aus den fünf Bereichen auch belegen. Eines wird damit drastisch deutlich: Der im Detail steckende Teufel rammt seine Hörner jetzt voll in den Bauch der Chefärzte, Fachspezialisten und Leitungen von Spitälern.

Aargau fällt durch die Maschen

Ein Aargauer Zentralspital hätte im Chor der Kantone doch viel mehr Gewicht als die Einzelstimmen aus den Kantonsspitälern Aarau (KSA) und Baden (KSB). Wegen zu tiefer Fallzahlen drohe der Aargau durch die Maschen zu fallen, zwingend nötig sei eine kantonale Strategie, um zu verhindern, dass immer grössere Patientenströme zu den UniKliniken fliessen. Diese von der Konkurrenz gewollte Entwicklung kostet den Aargau schon jetzt viel Geld: Jährlich 34 Millionen Franken muss der Kanton aufwerfen, um diese ausserkantonalen Leistungen abzugelten.

Von den zusätzlichen Wegen für die Patienten spricht niemand, ein Sprung nach Zürich, Basel oder Bern ist ja bei der heutigen Mobilität kein Problem. Das mag für die Operation zutreffen, bei Dutzenden von Behandlungen gilt es nicht mehr.

Spezialmedizin darf nicht verloren gehen

Der Kanton als grosser Verlierer, lautet ein Schreckszenario aus der kantonalen Politik. Denn mit dem Wegzug der Spezialmedizin ginge Wertschöpfung verloren, ebenso Fachwissen und Fachkompetenz, die man später kaum mehr zurückholen könnte. Diese Befürchtung generiert zwangsläufig kritische Fragen, ob es nicht besser wäre, wenn KSA und KSB allenfalls auch mit der Hirslanden Klinik Aarau gemeinsam auftreten und die Kräfte bündeln könnte.

Das Departement Gesundheit und Soziales (DGS) wird aufgemuntert, einer kantonalen Strategie zum Durchbruch zu verhelfen und die innerkantonale Konkurrenz auszuschalten. In der Politlandschaft wird auch die Frage aufgeworfen, ob sich alle Beteiligten der Brisanz bewusst seien: Gestützt auf diese Befürchtungen wird der Kanton eindringlich aufgefordert, die Aargauer Interessen zu wahren und eine drohende Abwanderung unbedingt zu verhindern.

Chemo- und Strahlenbehandlung gewinnt an bedeutung

Was Sagen die Spitäler selber, die ja von der Spitzenmedizin-Konzentration elementar betroffen sind? «Wir erfüllen die Kriterien in vier von fünf Bereichen», beruhigen Walter R. Marti, Chefarzt der Klinik für Chirurgie, und Andreas Huber, Ärztlicher Direktor des KSA bei einem Gespräch. Für die Krebsbehandlung der Speiseröhren brauche es in der Schweiz nur wenige chirurgische Zentren, da kämen auch Aarau und Baden gemeinsam knapp auf eine vernünftige Anzahl Speiseröhrenentfernungen.

Dies, auch weil hier die Chemo- und Strahlenbehandlung eine zunehmende Bedeutung erlangt. Pro Jahr sind im Kanton mit 8 bis 16 Entfernungen der Speiseröhren zu rechnen, die man bei massiver Zentrierung auf sehr wenige Spitäler künftig ausserkantonal machen müsste.

Engere Zusammenarbeit nötig

Auf genau 172 Eingriffe Pro Jahr bei den komplexen Operationen (Bauspeicheldrüse, Leber, Mastdarm und Eingriffen zur Gewichtsreduktion) «kommt allein das KSA», unterstreicht Professor Marti. Auf eigene Initiative plant man in Aarau eine engere Zusammenarbeit mit dem Uni-Spital Basel und mit dem KSB. Mit den eigenen Operationszahlen reiche man eine gemeinsame Kooperationsvereinbarung mit diesen zwei Partnern ein.

Auch aus Sicht der Chefärzte sind die Zeiten vorbei, in denen jeder für sich allein werkeln kann. Marti und Huber betonen die Bedeutung von Forschung und ständiger Weiterentwicklung, um in der Spitzenmedizin überhaupt mithalten zu können. Zudem garantiere nur die Vernetzung mit allen Disziplinen und die Kompetenz der entsprechenden Teams die bestmögliche Planung, Behandlung und Nachsorge.

Selbst aus den Wanderferien nimmt Gesundheitsdirektorin Susanne Hochuli kurz zum brennenden Thema Stellung: «Die Spitalversorgung gewinnt interkantonal an Kompetitivität. Umso wichtiger ist es, dass die Spitäler ihre Wettbewerbsfähigkeit stärken – sowohl in Bezug auf die Medizin als auch mit Blick auf die Pflege und die notwendigen Fachkräfte. Kooperation, Koordination und Konzentration sind dabei unerlässlich.»

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