Interview

Spitalchefs: «Mit Ecopop hätten wir massive Probleme»

Dieter Keusch (l). und Hans Leuenberger waren als Spitalchefs Konkurrenten, verstanden sich aber gleichzeitig auch als Partner.

Dieter Keusch (l). und Hans Leuenberger waren als Spitalchefs Konkurrenten, verstanden sich aber gleichzeitig auch als Partner.

Mit Hans Leuenberger und Dieter Keusch treten gleich beide Chefs der Kantonsspitäler Baden und Aarau ab. Im Interview diskutieren sie über den Umgang mit dem Kanton als Eigentümer und erklären, was Ecopop für ihr Personal bedeuten würde.

Wenn Sie Ende Monat Ihre Ämter abgeben, wird über die Ecopop-Initiative abgestimmt. Welche Auswirkungen hätte eine Annahme auf die Kantonsspitäler Aarau und Baden?

Dieter Keusch: Ganz erhebliche. Wir hätten innert kürzester Frist massive Probleme bei der Personalrekrutierung.

Hans Leuenberger: Absolut. Nicht nur in Bezug auf höher qualifiziertes Fachpersonal. Ich habe gerade einen Besuch in unserer Zentral-Sterilisation gemacht: ein wunderbares Team, aber praktisch keine Schweizer. Was würden wir tun, wenn wir diese Leute nicht mehr hätten?

Ein Problem, das sich Ihnen persönlich nicht mehr stellt. Freuen Sie sich auf den Ruhestand?

Keusch: Nach 26 Jahren beim Kantonsspital Baden ist da natürlich auch ein weinendes Auge. In dieser Zeit ist das Spital ein zweites Zuhause geworden, ich identifiziere mich sehr stark mit dem KSB.

Sie treten ja vorzeitig in den Ruhestand. War das geplant oder ist da etwas vorgefallen, worunter diese Identifikation gelitten hat?

Keusch: Keineswegs hat die Identifikation gelitten. Ich hatte seit längerer Zeit vor, so mit 61 oder 62 eine Zäsur zu machen. Darüber habe ich auch den Verwaltungsrat frühzeitig orientiert und abgemacht, dass ich mindestens ein Jahr vor dem Austrittstermin kündigen werde, damit genug Zeit für die Nachfolgeregelung bleibt.

Sie Herr Leuenberger hat man ja quasi aus dem Ruhestand zurückgeholt. Sie wurden zwar nie als CEO ad interim bezeichnet, aber wurde nicht doch ein längeres Engagement daraus als geplant?

Leuenberger: Ursprünglich war tatsächlich eine eher kurzfristige Überbrückungslösung nach dem Abgang von Urs Karli vorgesehen. Aber nachdem ich schon klar bekundet hatte, dass ich eben als CEO ohne das «a.i.» nach Aarau kommen will, stand ich ja auch etwas in der Pflicht, nicht nach einem halben Jahr schon wieder zu gehen. Die Zeit vergeht unheimlich schnell, ich hätte bei meiner Ernennung nicht gedacht, dass ich mich nach fast 30 Jahren in St. Gallen noch einmal so mit einem anderen Spital identifizieren würde.

Sie übernahmen das Amt in einer turbulenten Zeit, es gab grosse Spannungen zwischen Ärzteschaft und Geschäftsleitung. Hat sich das gelegt?

Leuenberger: Man musste in der Tat von einer eigentlichen Vertrauenskrise sprechen. Mir war als eine Hauptaufgabe die Überprüfung der Führungsorganisation übertragen, doch ich spürte, dass es schnelle, vertrauensbildende Massnahmen braucht: Kritikpunkte ernst nehmen, offen kommunizieren, den Masterplan zur Sanierung überarbeiten etc. Heute haben wir mit einem neu besetzten Verwaltungsrat und dem Einbezug der Ärzteschaft in die Geschäftsleitung eine hervorragende Zusammenarbeit.

Ähnliche Spannungen wurden aus Baden nie bekannt, was hat man besser gemacht?

Keusch: Ich masse mir kein Urteil über Aarau an. Tatsache ist, dass wir in Baden die Stossrichtung der strategischen und operativen Führung wenn immer möglich gemeinsam entwickelt und intern kommuniziert haben und dass es uns immer ein Anliegen war, dass die Mitarbeitenden auch hinter den Entscheiden der Führung stehen können. Das ist in Baden schon rein von der Grösse und der Kompaktheit des Spitals her vielleicht etwas einfacher als in Aarau. Man hat hier nicht nur im Spital unter den Mitarbeitenden, sondern auch in politischen Diskussionen in der ganzen Region ein Wir-Gefühl.

Ein zentrales Thema in der politischen Diskussion der letzten Jahre war die Zentralspitalfrage. War man sich da gleich einig, dass es bei zwei eigenständigen Kantonsspitälern bleiben soll?

Keusch: Vielleicht nicht in allen Phasen, in der letzten Runde war man sich aber in der strategischen und operativen Leitung beider Häuser einig. Das KSB ist ein Zentrumsspital mit einem adäquaten Einzugsgebiet von über 300 000 Einwohnern. Wichtig ist die patientennahe Versorgung und dass die Patienten nicht in Spitäler der Nachbarkantone abwandern. Mit der neuen Spitalfinanzierung ist das noch akuter geworden, denn bei einer ausserkantonalen Spitalwahl würde nicht nur das eigene Spital den Ertrag verlieren, der Kanton müsste auch Steuergelder in die Nachbarkantone schicken. Darum ist ein starkes eigenständiges Kantonsspital Baden aus betriebswirtschaftlicher Optik, aber auch aus volkswirtschaftlicher Sicht und für die Versorgungssicherheit im eigenen Kanton wichtig.

Leuenberger: Jede Lösung hat Vor- und Nachteile und wenn man die Aargauer Spitallandschaft von Grund auf neu gestalten würde, sähe sie wahrscheinlich anders aus als heute. Es ist aber nicht so, dass man von Aarau aus auf die Zentralspital-Variante fixiert gewesen wäre. Die gewachsene Spitallandschaft in einem Kraftakt verändern zu wollen, wie das anfänglich geplant war, wäre unrealistisch gewesen.

Baden ist halt doch ein bisschen kleiner und vielleicht etwas im Schatten des «grossen» Zentrumsspitals Aarau. Herrscht da Neid?

Keusch: Neid ist ein schlechter Ratgeber. Wir haben die Ausgangslage als Herausforderung angenommen, was auch die Fitness des Zentrumsspitals Baden im Lauf der Jahre stets gefördert hat. Es geht jetzt darum zu definieren, was wo angeboten wird, wo es Kooperationen gibt.

Keusch: In der Zentralspital-Diskussion wurde etwas ausgeblendet, dass die Kooperation für uns nichts Neues ist. Wesentlicher Bestandteil im neuen Kubus in Baden zum Beispiel, dessen Bau jetzt begonnen hat, ist die Strahlentherapie. Sie wird unter der fachlichen Leitung von Professor Bodis aus dem Kantonsspital Aarau stehen.

Wie wichtig ist dabei, dass man sich auch auf der persönlichen Ebene sowohl als Konkurrent als auch als Partner versteht?

Leuenberger: Zusammenarbeit kann man nicht erzwingen, es braucht da ein Mindestmass an Verständnis, Wertschätzung und Vertrauen. Das gilt nicht nur für die Geschäftsleitung, sondern auch für die Ärzteschaft.

Keusch: Es hat sich da in den letzten Jahren, seit Hans Leuenberger die Leitung in Aarau übernommen hat, einiges vereinfacht, die Gespräche sind zielorientierter.

Ihre Nachfolger waren beide Spitzenbeamte im Departement Gesundheit und Soziales. Ist dieser Hintergrund von Vorteil, wurden sie sogar nach diesem Kriterium ausgewählt?

Leuenberger: Ich war in Aarau quasi als externer Berater selber in die Evaluation involviert und kann versichern, dass dies nicht ausschlaggebend, geschweige denn ein gefordertes Kriterium war. Aber ein Vorteil ist es, ja. Der CEO eines als Aktiengesellschaft organisierten Spitals muss ein Unternehmer sein, aber auch über eine grosse politische Sensibilität verfügen.

Keusch: Dem schliesse ich mich an. Nicht ideal, um die Führung eines Spitals zu übernehmen, wäre eine reine Verwaltungskarriere. Die Spitalerfahrung ist meines Erachtens ein entscheidendes Kriterium, die bringen Adrian Schmitter hier in Baden und Robert Rhiner in Aarau mit.

Wie beurteilen Sie das politische Umfeld, den Umgang mit dem Kanton als Eigentümer?

Leuenberger: Da kann ich als quasi Aussenstehender dem Aargau wirklich ein Kränzchen winden. Kaum ein Kanton ist bei der unternehmerischen Freiheit für die Spitäler so konsequent. Das gilt dann allerdings auch für die gemeinwirtschaftlichen Leistungen. Dass jetzt zum Beispiel die Weiterbildungsbeiträge für Assistenzärzte gekürzt werden, macht uns natürlich keine Freude.

Keusch: Diese Zurückhaltung bei den gemeinwirtschaftlichen Leistungen schmerzt, denn diese Leistungen lassen sich über keinen Tarif abdecken. Darüber hinaus kann sich kein Spital in der Schweiz alleine aus den Leistungen der Grundversicherung finanzieren. Die Erträge aus Zusatzversicherungen sind existenziell. Die Wettbewerbssituation verschärft sich für uns, wenn in anderen Kantonen die Spitäler die Investitionen nicht vollständig selber tragen müssen und zum Beispiel mit günstigen Liegenschaftenmieten quersubventioniert werden.

Verhält sich der Aargau bei der Umsetzung der neuen Spitalfinanzierung zu stark als Musterknabe?

Keusch: Nein das nicht. Der Kanton verhält sich korrekt. Störend ist, dass andere Kantone das nicht tun. Ich erwarte vom Kanton nicht, dass er die Subventionsschleuse wieder öffnet, dann wäre die neue Spitalfinanzierung gestorben und der Kanton würde auch zu Recht wieder einen Anspruch geltend machen, in die Unternehmensführung einzugreifen. Das wollen wir nicht. Wenn es eine Erwartung an den Kanton gibt, dann die, dass er sich für eine saubere Lösung auf Bundesebene und die korrekte Umsetzung des Krankenversicherungsgesetzes einsetzt.

Am Ende Ihrer Karriere: Was würden Sie als grösste Erfolge Ihrer Arbeit für das Spital nennen?

Keusch: Die Etablierung der Kantonsspitäler als selbstständige Häuser, das war nicht von Anfang an so vorgesehen. Dass wir unsere Wettbewerbsfähigkeit unter Beweis stellen und von der Bevölkerung im Einzugsgebiet stark getragen sind. Was ich mit Herzblut verfolgte: der Aufbau der integrierten Versorgung mit dem Gesundheitsnetz Aargau Ost mit eigenen Leistungen ausserhalb des KSB und externen Leistungserbringern im KSB.

Leuenberger: Es ist gelungen, Ruhe und Stabilität in das Unternehmen zu bringen, das ist wichtig für die Arbeit zum Wohl des Patienten. Zweiter Punkt: Die erfolgreichen Kooperationen, zum Beispiel das Orthopädiezentrum zusammen mit Baden oder die Zusammenarbeit der Kardiologie des KSA mit der Herzchirurgie der Hirslandenklinik: So etwas wäre früher undenkbar gewesen.

Was hätten Sie noch vor Ihrem Abgang erreichen wollen?

Keusch: Eigentlich hätte ich noch bei der Eröffnung des Neubauprojekts dabei sein sollen, jetzt erlebe ich gerade noch den Startschuss der ganzen Bauerei. Das ist nun halt so. Was mich etwas wurmt: Dass wir nach wie vor keinen rechtkräftigen Tarifentscheid für die Jahre 2012, 2013 und 2014 haben.

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